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Kiel Gehörlose Politikerin: Christina Benker will Politik barrierefrei machen
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Kiel: Christina Benker ist gehörlos und will Politik barrierefrei machen

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10:00 28.11.2021
Von Jördis Früchtenicht
Die Kieler Kommunalpolitikerin Christina Benker ist gehörlos. Sie will sich für Barrierefreiheit in der Politik einsetzen.
Die Kieler Kommunalpolitikerin Christina Benker ist gehörlos. Sie will sich für Barrierefreiheit in der Politik einsetzen. Quelle: Uwe Paesler
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Als Christina Benker im Oktober als neues stellvertretendes bürgerliches Mitglied des Kieler Sozialausschusses verpflichtet wurde, war der Beifall leiser als sonst. Nicht, weil sie weniger willkommen war als andere. Sondern weil viele Ausschussmitglieder, statt in die Hände zu klatschen, die Gebärde für Applaus machten. Dazu bewegten sie die offenen Hände auf Schulterhöhe wiederholt hin und her. Benker ist gehörlos – und auch wegen der Barrieren, die ihr deswegen begegnen, in die Politik gegangen.

Sie dürfte gerade die einzige Kieler Kommunalpolitikerin sein, die gehörlos ist. Die Stadt Kiel erhebt die Zahl der Gremiumsmitglieder mit Behinderungen zwar nicht. Die Mitarbeitenden des Sitzungsdienstes können sich aber in den vergangenen 20 Jahren abseits von Benker an kein gehörloses Mitglied erinnern.

Christina Benker: Politische Teilhabe für Gehörlose ist schwierig

Das hat aus Benkers Sicht durchaus seine Gründe: Die politische Teilhabe sei für Gehörlose schwierig. Wahlprogramme seien etwa nicht barrierefrei gestaltet. Und für Veranstaltungen, etwa von Parteien, braucht es eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher für Deutsch und Deutsche Gebärdensprache, um zwischen Hörenden und Gehörlosen zu vermitteln.

Sie selbst hat vor rund drei Jahren in die Politik gefunden. Damals kam die jetzige SPD-Ratsfrau Anna-Lena Walczak für eine Wahlkampfveranstaltung ins Gehörlosenzentrum. „Ich wollte gehörlosen Menschen unser Wahlprogramm näher bringen“, erinnert sich Walczak. Benker brachte sie damit auch das kommunalpolitische Engagement näher.

Die 38-jährige Gebärdensprachpädagogin trat in die SPD ein, wurde Ende 2018 Mitglied im Beirat für Menschen mit Behinderungen und ist seit kurzem zudem stellvertretendes bürgerliches Mitglied im Sozialausschuss.

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Nun will sie sich auch dort für Barrierefreiheit einsetzen. „Das bedeutet eben nicht nur, dass etwas rollstuhlgerecht ist“, sagt Benker und erklärt anhand ihrer ersten Ausschusssitzung, was sie meint: Ein Dolmetscher und eine Dolmetscherin begleiten sie, wechseln sich mit dem Übersetzen des Gesagten ab. Benker selbst kann sich keine Unterbrechung gönnen, nicht wie manch anderes Ausschussmitglied zwischendurch mal aufs Handy schauen. „Ich muss durchgehend die Dolmetscher anschauen, sonst verpasse ich etwas.“ Kleine Pausen in den Sitzungen wären eine Möglichkeit, diese Hürde zu verringern.

Politik und Gesellschaft sind für Gehörlose nicht barrierefrei

Eine auch für Gehörlose barrierefreie Sitzung zu gestalten, ist aber nur eine Herausforderung von vielen. Probleme bestehen aus Benkers und Walczaks Sicht allgemein in der Politik und in der Gesellschaft. Sie wollen weder die Stadt noch ihre Partei deswegen kritisieren, aber den Ist-Zustand und die bestehenden Schwierigkeiten beleuchten.

Dolmetscher-Einsätze etwa kosten viel Geld. Bei kommunalpolitischen Sitzungen übernimmt die Stadt die Kosten, bei Fraktionssitzungen sind die Fraktionen dafür zuständig. Doch zu Kommunalpolitik gehört mehr als die Sitzungen.

Christina Benker: Beim Lippenlesen muss man sich 70 Prozent dazu denken

Was ist etwa mit Terminen für Bürgerinnen und Bürger oder Gesprächen mit den Medien? „Ich kann zwar die Kostenübernahme über die Eingliederungshilfe beantragen, doch dadurch wird nicht alles abgedeckt“, erklärt Benker. Auf die Dolmetscherinnen und Dolmetscher aber ist sie angewiesen. „Beim Lippenlesen kann man vielleicht 30 Prozent verstehen, den Rest muss man sich dazu denken.“ Für die Kostenübernahme der Dolmetscher-Einsätze müsse daher eine langfristige Lösung gefunden werden.

Benker will auch generell in der Gesellschaft mehr Bewusstsein für die vorhandenen Barrieren erreichen. Immer wieder hat sie unangenehme Erlebnisse, wurde etwa erst kürzlich von einem Radfahrer angeschrien, als sie nicht auf sein Klingeln reagierte. Im Alltag steht sie zudem häufig vor dem Problem, dass sie sich zwar Informationen besorgen kann, ein Austausch darüber mit Hörenden dann aber schwierig wird: „In der Gesellschaft gibt es aktuell häufig Einbahnkommunikation.“ Das zu ändern, daran will Benker arbeiten.

Thomas Eisenkrätzer 28.11.2021
Jonas Bickel 28.11.2021