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Kiel Auswirkungen bis nach Gaarden
Kiel Auswirkungen bis nach Gaarden
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06:00 19.10.2019
Von Steffen Müller
Auch in Kiel demonstrieren aktuell Kurden gegen den türkischen Einmarsch in Nordsyrien. Quelle: Frank Peter
Kiel

Während sich hiesige Kurden offen zur Situation in Nordsyrien äußern, halten sich türkischstämmige Kieler mit ihrer Meinung zurück. "Ich möchte zu der Lage lieber nichts sagen", wiegelt eine türkische Döner-Verkäuferin ab. "Meinem Mann gehört der Laden hier. Wir möchten uns nicht für eine Seite positionieren." Dass es sich bei dem Nordsyrien-Konflikt um ein sensibles Thema handelt, bestätigen auch die Mitarbeiter aus dem Stadtteilbüro Soziale Stadt Gaarden, ohne dabei ihre Namen nennen zu wollen. "Wir bekommen auch nichts mit. Die Gespräche finden vor allem im privaten Raum statt."

"Gewalt ist keine Lösung"

Auch zwei Angestellte in einem türkischen Supermarkt wollen anonym bleiben, haben aber eine klare Meinung. "Wir sind ganz klar gegen Krieg", sagen die beiden Männer. "Jeder mit gesundem Menschenverstand weiß, dass Gewalt keine Lösung sein kann." Da zu ihrer Kundschaft Türken und Kurden zählen, möchten auch sie ihren Namen nicht nennen.

Die Angst, denunziert zu werden

Warum gerade unter den Kielern mit türkischen Wurzeln so eine Verschwiegenheit herrscht, hat mehrere Gründe. "Sie haben Angst, denunziert zu werden", sagt Cetin Koçak. Der stellvertretende Vorsitzende der alevitischen Gemeinde nimmt an den regelmäßigen Demonstrationen teil, die momentan zwei- bis dreimal in der Woche in der Kieler Innenstadt stattfinden und sich gegen die Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan richten.

Konflikt zwischen "Demokraten und Erdogan-Anhängern"

Koçak berichtet von "Spannungen" innerhalb der türkischen Gemeinschaft in Kiel. Er sagt allerdings, dass der Konflikt nicht zwangsläufig zwischen Kurden und Nicht-Kurden besteht, sondern zwischen "Demokraten und Erdogan-Anhängern".

Beleidigungen und Bedrohungen in den sozialen Medien

Bestätigt wird er von Meryem Yasar von der Kurdischen Kulturschule in Kronshagen. "Über Facebook und Instagram werde ich immer wieder beleidigt und bedroht." Dass sie eine "Ungläubige" sei, gehöre noch zu den harmlosen Nachrichten, die sie online erhält. Das Problem sei laut Cetin Koçak, dass momentan Extremisten und Fundamentalisten sehr präsent wirken, was daran läge, dass sich die Kriegsgegner nicht trauen würden, sich öffentlich zu äußern.

Kurden äußern sich offener

Anders als die Kurden rund um den Vinetaplatz. Orhan Akansu kauft und verkauft in der Medusastraße Schmuck, Gold und Silber. Das Vorgehen der Türkei in Nordsyrien bezeichnet Akansu als "Kriegsverbrechen". Auf seinem Smartphone zeigt er ein Bild, das auf Facebook veröffentlicht wurde und einen türkischen Soldaten zeigen soll, der einen Kämpfer der Kurdenmiliz YPG enthauptet.

Gebete für türkische Soldaten

In Gaarden sei es aber bislang ein friedliches Zusammenleben zwischen den Bevölkerungsschichten, berichtet Akansu. Er selbst habe auch nie Probleme mit Türken gehabt. Allerdings geht der gläubige Moslem momentan nicht mehr so häufig die Moschee. "Es wird für die türkischen Soldaten gebetet. Da kann ich nicht mitmachen."

Dass in den Gebeten das Wohlergehen der Armee thematisiert wird, bestätigt Bekir Yalim, der Vorsitzende der Ditib-Moschee an der Elisabethstraße. Dies sei aber schon seit Jahrzehnten gang und gäbe. "Es ist ganz normal, dass für Brüder, Schwestern und Soldaten gebetet wird."

Türken solidarisieren sich mit Militär

Die Türkei habe ein anderes Verhältnis zu ihrer Armee als Deutschland, stellt Dr. Reyhan Kuyumcu, Islamwissenschaftlerin an der Uni Kiel, fest. "Wenn das Land im Krieg ist, identifizieren und solidarisieren sich viele Türken mit den Soldaten."

Pufferzone unvermeidbar

Krieg sei immer der falsche Weg, sagt Kuyumcu, die es allerdings für unvermeidbar hält, dass an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei eine "Pufferzone" entsteht. "Die kurdischen Milizen YPG und PKK sind keine Freiheitskämpfer." Diese Differenzierung fehle ihr bei der aktuellen Berichterstattung in Deutschland. "Man muss versuchen, die Situation von beiden Seiten zu betrachten."

Mehr Austausch, weniger Propaganda

Auch der Migrationsberater Savas Sari appelliert an einen sachlichen Austausch und hofft auf mehr Verständnis in der deutschen Bevölkerung. Beide Kriegsparteien arbeiten in ihrer Rhetorik mit viel Propaganda. "Ich bin mir sicher, dass sich ein Großteil der Kurden und der Türken Frieden wünscht."

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