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Kiel Gedenken nach dem Feuer-Drama
Kiel Gedenken nach dem Feuer-Drama
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09:46 09.12.2016
Von Karen Schwenke
Grenzenlose Trauer: Beileidsbekundungen und Gedenkveranstaltungen am Tatort in Kronshagen. Quelle: Frank Peter
Kiel

„Wen sollen wir jetzt anrufen?“, fragt Ira Kottke mit tränenerstickter Stimme. Um sie herum fünfzehn Freunde. Alle fühlen das Gleiche – keiner weiß eine Antwort. Sie haben sich nun den zweiten Abend zusammengefunden, um gemeinsam um Delali A. zu trauern, zu weinen und zu beten. Frauen und Männer mit afrikanischen und deutschen Wurzeln, sie alle sind eng verbunden mit der Toten. Und obwohl sie auch den Ehemann ihrer Freundin kannten, können sie seine abscheuliche Tat nur schwer erklären. Lieber möchten sie über Delali sprechen. Wie sie war. „Ein toller Mensch, voller Liebe.“ Sie habe immer das Richtige gesagt und getan: „Ja, sie war wirklich weise. Und sie war immer für uns da.“

Das wird jetzt nicht mehr so sein. Das macht die Frauen wütend und wirft immer wieder die Frage auf nach dem Warum. „Wir hätten niemals gedacht, dass so etwas passiert“, sagt Andrea Bastian, für sie war Dela (so wird sie von allen genannt) so etwas wie eine Tochter. Zusammen mit vielen anderen Frauen haben sie in dem Verein „Frauenwege in Togo“ gearbeitet und erst kürzlich Delalis Heimat Togo besucht. Die Freunde sind sich einig: „Die Tat hat sich nicht angekündigt. Dela wurde nicht unterdrückt und nicht misshandelt, sie war emanzipiert“, sagt Pia Duitsmann; zusammen mit Delali hat sie hauptamtlich das entwicklungspolitische Projekt „Sisters“ geleitet. Eine andere Freundin berichtet: „Dela war noch am Sonntag mit ihrem Mann und den beiden Söhnen bei uns. Alles war friedlich.“ Zwar habe es Krisen gegeben in der Beziehung, „sie waren getrennt und dann wieder zusammen. Ihr Mann hatte psychische Probleme.“ Aber Dela hielt an der Ehe fest, „denn sie war sehr gläubig und hat es seit dem Sommer wieder mit ihm versucht. Sie hielt es für ihre Pflicht vor Gott und vor den Kindern“, sagt Pia Duitsmann. Nur einen einzigen Hinweis gab es Anfang der Woche: „,Bitte bete für mich’, hat Dela am Montag zu mir gesagt, obwohl sie wusste, dass ich nicht gut darin bin“, berichtet Marie-Louise Petersen-Scharff.

Sie wirkte integrierend

Delali wird nicht nur von ihren engsten Freunden als tief gläubig, warmherzig und klug beschrieben, sondern auch von Menschen, die sie nur kurz kannten. In Kiel war sie Mitglied und ehrenamtliche Mitarbeiterin der Freien Christengemeinde in der Werftstraße. Pastor Lars Jaensch schwärmt von ihr und lobt: „Sie ist nicht nur völlig integriert, sie ist integrierend gewesen.“

Schon in ihrer Heimat hatte Delali als Tochter eines Lehrers studiert und war 2003 als Juristin nach Kiel gekommen. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Sie studierte Pädagogik an der Kieler Universität, ihr Diplom soll sie mit der Note 1 bestanden haben. Da ihr Mann schließlich nicht mehr als Schlosser arbeitete, verdiente Delali den Familienunterhalt, zuletzt eben durch ihre Arbeit als Leiterin des Projekts „Sisters“ unter dem Dach des „Bündnisses Eine Welt SH“.

Im vergangenen Jahr arbeitete Delali als Referentin für den Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein. Geschäftsführer Martin Link nennt sie eine „Senkrechtstarterin“ und lobt, sie habe mit unvergleichbarer Sensibilität Konflikte lösen können: „Es ist ein großer Verlust für Schleswig-Holstein.“ Die Stelle gab sie auf, denn aufgrund der Erkrankung ihres Mannes wollte sie sich mehr um ihre beiden Söhne kümmern, so berichten es die Freunde. Nun sind die drei und sieben Jahre alten Jungen vorläufig in einer Pflegefamilie untergebracht. Wo sie dauerhaft leben werden, steht nach Angaben der Stadt Kiel noch nicht fest. Bei all ihrer Trauer sind sich Delalis Freunde aber jetzt schon hundertprozentig sicher, dass sie die Kinder nicht allein lassen. Sie wissen zwar, dass Delalis Tante, die am Freitag aus Karlsruhe anreisen will, oder die Großeltern in Togo über den Verbleib der Jungen entscheiden müssen. Aber sie möchten es trotzdem anbieten: „Wir wollen für die Kinder da sein.“

Am heutigen Freitag um 17 Uhr wollen die Freunde für Kollegen und Verbündete von Delali eine Gedenkfeier am Tatort am Mare Klinikum in Kronshagen abhalten. Schon am Donnerstagnachmittag gedachten kurdische und alevitische Frauengruppen am selben Ort der Toten. Die rund 30 Frauen wollten außerdem auf das Thema „Gewalt gegen Frauen“ aufmerksam machen. „Als eine Frau, eine Mutter, ein Mensch fühle ich mich schlecht. Solche Gewalt muss aufhören“, sagt Uksel Cali (51). Die Frauen weinen, legen Kerzen und Blumen nieder.

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