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Kiel Nostalgische Plakate auf Litfaßsäule
Kiel Nostalgische Plakate auf Litfaßsäule
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07:33 25.07.2014
Von Anna Jakobi
Die Litfaßsäule ermöglicht es auch kleinen Kulturbetrieben seit über einem Jahrhundert, Reklame zu machen. Manchmal sorgt sie auch für Überraschungen, wie hier im Knooper Weg. Quelle: fpr
Kiel

„Fragen Sie ihr Milchgeschäft danach“, wirbt ein anderes Plakat – das wirkt bizarr in einer Zeit, in der die Milchgeschäfte schon lange Geschichte sind.

 Die Säule könnte ein Kunstwerk im öffentlichen Raum sein, ist aber eigentlich nur die Folge einer großen Reinigungsaktion der Firma Ströer. Sie verwaltet Kiels Werbeflächen im öffentlichen Raum und erklärt, wie die Plakate zum Vorschein kamen: „Die Säulen werden regelmäßig geschält, wenn sie zu dick werden – in dieser Woche waren das 40 Stück in Kiel. Dabei werden nicht immer alle Schichten bis auf die Betonringe abgetragen. Deswegen war die alte Werbung so lange verborgen.“

 Rund 360 Litfaßsäulen sind im Kieler Stadtgebiet verteilt, die meisten von ihnen in den Vierteln Mitte, Schreventeich, Damperhof, Vorstadt und Brunswik. „Sie sind immer noch ein beliebtes Werbemittel, weil die günstigen Flächen auch kleinen Kulturbetrieben Veranstaltungsreklame ermöglichen. Außerdem sind sie als Medium etabliert und erreichen in den Wohngebieten viele Menschen“, erläutert die Firma Ströer.

 Die ersten 100 Litfaßsäulen waren 1855 in Berlin aufgestellt worden und verbreiteten sich schnell in ganz Deutschland. So sind sie auch aus dem Kieler Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Ernst Litfaß, ein Berliner Drucker, hatte die Idee und wollte damit jedem ermöglichen, Ankündigungen zu veröffentlichen, ohne damit die Stadt zu verunstalten. Das gilt übrigens auch heute noch als einer der Hauptgründe für die anhaltende Beliebtheit der Säule. „Zeitung der Straße“ wurde sie lange Zeit genannt, seitdem ab 1870/71 die ersten Kriegsdepeschen und andere Nachrichten auf der Säule erschienen.

 Längst schreibt diese Werbefläche Kulturgeschichte und ist zum Gegenstand von Forschungsarbeiten, Sachbüchern und Ausstellungen geworden. Bei den Kielern stieß die nostalgische Entdeckung schnell auf Begeisterung, nachdem die ersten Bilder auf der Facebook-Seite der Kieler Nachrichten veröffentlicht worden waren: „Da stell ich meinen Käfer daneben“ und „das muss ins Museum!“ kommentierten Leser.

 Ins Museum wird es die Kieler Litfaßsäule wohl nicht schaffen, sorgte aber zumindest für eine Abwechslung und ein Schmunzeln auf dem Arbeitsweg oder beim Stadtspaziergang. Die alten Plakate werden bald wieder überklebt sein. Aber wer weiß – vielleicht liegen ja darunter noch weitere Schichten von Kieler Werbeschätzen verborgen, die bei der nächsten Säulen-Schälaktion zum Vorschein kommen.