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Kiel Holtenau ist der neue Trumpf
Kiel Holtenau ist der neue Trumpf
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01:15 16.11.2014
Von Martina Drexler
Die Projektgruppe sieht sich mit dem Konzept bestens gerüstet für die Olympia-Bewerbung: Ulf Kämpfer, Peter Todeskino, Christian Riediger, Felix Schmuck, Martina Hansen und Nikolaus Rickers (von vorn). Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Als Kiel sich anschickte, nach 1936 Olympia im Jahr 1972 ein zweites Mal an die Förde zu holen, gab es am Anfang der Bewerbung noch große Skepsis in der Stadt. Doch bald waren die Bürger „Feuer und Flamme“, erinnert sich Kiels damaliger Pressechef Werner Istel, zumal 500 Millionen Mark Investitionen in Straßennetz und Infrastruktur das Gesicht der Stadt veränderten.

 Die Segelwettbewerbe seien ein Gewinn für alle gewesen, stellt Istel fest und freut sich darüber, dass Kiel seine Erfahrung und bewiesene Leistungsfähigkeit durch die Ausrichtung der Kieler Woche-Segelwettbewerbe in die Waagschale wirft, um sich ein drittes Mal zu bewerben. „Kiel hat sehr gute Chancen, aber es muss sich auch anstrengen, viel investieren und modernisieren“, legt er den Organisatoren nahe. Und genau das hat die Stadt auch vor, sollte sie den Zuschlag erhalten. In einer Hochglanzbroschüre, die heute in einer Stückzahl von 1000 bundesweit an Entscheidungsträger in Politik, Sport und Wirtschaft verschickt wird, wirbt sie mit Superlativen: Mehr als 130 Jahre Kieler Woche mit rund 4000 Seglern aus 50 Nationen, einziger Segel-Olympiastützpunkt Deutschlands, bundesweit größtes universitäres Segelzentrum. Kein anderer Veranstalter verfüge weltweit über mehr Erfahrung bei der Organisation internationaler Regatten, heißt es in dem Konzept, das eine städtische Projektgruppe zusammen mit Nikolaus Rickers, Geschäftsführer des Kieler-Woche-Vermarkters Point of Sailing, seit zweieinhalb Monaten erarbeitete.

Segelsport im Herzen Kiels: Das könnte aus dem MFG-5-Gelände werden. Visualisierung: Boy

„Kiel kann Olympia“, hat Oberbürgermeister Ulf Kämpfer bereits vor Monaten als Losung herausgegeben, als das Olympia-Spitzengespräch gemeinsam mit der Konkurrenz aus Lübeck im Innenministerium bevorstand. Doch nur Sach-Argumente, die aus seiner Sicht alle für Kiel sprechen, reichten für Entscheidungen nicht aus, erklärte er gestern mit Erinnerung an die gescheiterte Bewerbung für 2012. Man müsse sich auch gut verkaufen, Bilder erzeugen und Emotionen wecken.

 37 Seiten lang präsentiert sich Kiel in der Broschüre daher nun als der geborene Olympia-Standort. „Segeln ist in Kiel ein Sport mit Publikum“, mit einem jetzt schon idealen Segelrevier in Schilksee, das von der Innenstadt bis auf die Außenförde reiche. Kiel greife die Erfolgsmodelle von 1972 immer auf, verspricht die Projektgruppe, interpretiere sie aber neu. „Schilksee 2024“ skizziert die Stadt als „einen Boulevard bis hinaus aufs Meer“, der Zuschauer und Segler so nah wie möglich zusammenbringt: Eine Treppenanlage zum Vorfeld könnte demnach zur Tribüne für etwa 2000 Zuschauer werden, die Nordmole vom Wellenbrecher zur attraktiven Aussichtsplattform mit Pavillon und mehrgeschossigem Turmbau. Gegenüber dem Hafenmeistergebäude entsteht nach den Plänen der Stadt 2024 auf dem Dach der nördlichen Bootshalle ein Besucherzentrum, neue Stege, neue Funktionsräume, ein neues Olympisches Dorf „offen zur Landschaft“ – alles multifunktional und darauf abgestellt, dass auch nach den Spielen eine attraktive Nachnutzung möglich ist.

 Dass Kiels Olympiabotschaft auch Holtenau mit „neuen Räumen am Wasser“ einschließt, gilt als die größte Überraschung der städtischen Botschaft. Segelwettbewerbe vor dem MFG-5-Gelände? Für die Planer kein Problem: Kiels größtes Konversionsprojekt könne mit direkter Wasserlage, Stadtnähe, guter Infrastruktur und viel Natur punkten. Kurze Wege, zentrumnahes olympisches Wohnen, alle Freiheiten bei der Planung und dem Bau des Olympischen Dorfes, eine hochmoderne Wettkampfstätte im urbanen Raum. Eine Uferpromenade auf der unteren Ebene an der Wasserseite, gesäumt vom Besucherzentrum, Hotels, Restaurants, Freizeit- und Wellness-Einrichtung, mündet demnach am Plüschowhafen in eine breite Freitreppe für mehr als 5000 Zuschauer. 2015 wird der städtebauliche Wettbewerb für den neuen Stadtteil ausgeschrieben, 2020 soll sich dort nach dem Willen der Politik und Verwaltung eine Landeswassergarten-Schau ansiedeln – mit der Idee, später auf der Fläche ein Olympiadorf zu bauen und so eine „doppelte Nachhaltigkeit“ zu erreichen, wie Bürgermeister Peter Todeskino es formuliert.

 Die Planungen zu den beiden möglichen Quartieren, darauf weist Kämpfer angesichts der zu erwartenden öffentlichen Debatte hin, sind als Visionen zu verstehen, als Konzepte, die zeigen, wie Schilksee und Holtenau aussehen könnten. Welcher der Standorte der geeignetere wäre oder ob sogar beide Standorte genutzt werden könnten, will die Stadt im weiteren Planungsprozess und durch Einbindung der Bürger herausfinden. Der Oberbürgermeister plädiert für einen Bürgerentscheid, wobei er überzeugt ist, dass die Mehrheit hinter der Bewerbung steht. Denn wie heißt es in der Broschüre? „Kiel ist vor allem eines: segelbegeistert“. Dass Kiel sich mit zwei Wettkampfstätten bewerbe, zeige zudem: „Kiel ist flexibel“. Das Konzept zeigt aber auch: Die Stadt setzt voller Elan bereits jetzt die Segel Richtung Olympia.

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Kiel geht in die Offensive, um nach 1936 und 1972 zum dritten Mal die olympischen Segelwettkämpfe an die Förde zu holen. Zum Besuch des Hamburger Innensenators Michael Neumann am Freitag startet die Stadt mit einer überraschenden Werbekampagne: Kiel präsentiert neben Schilksee auch Holtenau als Olympia-Quartier.

KN-online (Kieler Nachrichten) 16.11.2014

Das ist erlaubt. Und riskant, wie das Beispiel der letzten Bewerbung von 2003 zeigt. Die damalige Wahl, Leipzig und Rostock ins Rennen um die Sommerspiele 2012 zu schicken, basierte auf Emotionen, politischer Einflussnahme und einer nie aufgeklärten Intrige, der Kiel und Hamburg zum Opfer fielen.

Gerhard Müller 14.11.2014

Kompetent, begeisternd, fair – Attribute, die Kiel einen herausragenden Ruf in der Segelwelt verschafft haben, sollen auch die Bewerbung um eine erneute Austragung der olympischen Segelwettbewerbe befeuern.

Ralf Abratis 14.11.2014