Kieler Ehepaar streitet mit Tui - Geld, Gutschein oder gar nichts?
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Kiel Ehepaar aus Kiel streitet gegen Tui
Kiel Ehepaar aus Kiel streitet gegen Tui
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07:27 25.05.2020
Von Karen Schwenke
Relaxen am Strand: So hatte sich das Kieler Ehepaar seinen Urlaub auf Mallorca vorgestellt. Stattdessen gibt es nun Streit um die Erstattung des Reisepreises.
Relaxen am Strand: So hatte sich das Kieler Ehepaar seinen Urlaub auf Mallorca vorgestellt. Stattdessen gibt es nun Streit um die Erstattung des Reisepreises. Quelle: Julian Stratenschulte
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Kiel

Der Veranstalter Tui reagiert nicht auf ihre Rückzahlungsforderungen. Offenbar kein Einzelfall: In der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein gab es seit März 1381 Beratungen zu Pauschalreisen. „Ein erheblicher Teil davon betrifft ähnliche Fälle“, berichtet Verbraucherschützerin Lucyna Reh. Nach ihrer Rechtsauffassung hätte der Konzern den Schaarschmidts den vollen Reisepreis längst zurückzahlen müssen.

Am 12. März sollte die Reise beginnen

Am 21. Februar, noch bevor die Corona-Krise Europa erreicht hat, buchte das Paar online spontan bei Tui Deutschland die 14-tägige Reise – mit Flug und Halbpension. „Das Hotel war uns empfohlen worden. Wir waren noch nie auf Mallorca“, berichtet Christine Schaarschmidt. Die 67-Jährige und ihr Ehemann Volker (80) wollten am 12. März starten, doch dann bahnte sich der Corona-Shutdown an: „Bevor es losgehen sollte, warnte Gesundheitsminister Jens Spahn am 9. März, man möge nur noch die nötigsten Reisen unternehmen. Daher sagte mein Mann: Wir sind doch nicht verrückt. Wir sind beide Risikogruppe. Viermal Flughafen. Das wollten wir uns nicht antun.“

Per E-Mail teilten die Schaarschmidts ihrem Reiseveranstalter mit, die Reise nicht anzutreten und forderten ihr Geld zurück. Doch Tui wollte Stornogebühren in Höhe von 80 Prozent des Reisepreises einbehalten und nur 20 Prozent zurückzahlen. „Mit dieser Rechtsauffassung dürften Sie kein Glück haben“, schrieb Christine Schaar-Schmidt zurück. Mehrfach forderte sie Tui schriftlich auf, den vollen Reisebetrag auf ihr Konto zu überweisen. Aber eine Erstattung selbst eines Teilbetrages kam nicht. Eine Antwort blieb ebenfalls aus. „Ich finde es unverschämt, dass Tui nicht reagiert“, schimpft die Kielerin. Sie ärgert sich auch darüber, dass der Konzern staatlich bewilligte Notkredite in Höhe von 1,8 Milliarden Euro in Anspruch genommen hat und nun die Kunden prelle. Das sei dreist, denn es gebe sicherlich viele, die ihre Reisekosten nicht zurückfordern, meint Christine Schaarschmidt.

Kieler fühlen sich rechtlich auf der sicheren Seite

Die Kielerin indes hat keine Angst, auf den Kosten sitzenzubleiben. Sie ist selbst Juristin. Im Zweifel wolle sie vor Gericht für ihr Recht streiten. „Hätten wir die Reise am 12. März angetreten, hätten wir ab 14. eine Ausgangssperre gehabt und am 18. unsere vorzeitige Rückreise antreten müssen“, lauten die Argumente der Schaarschmidts. Sie haben keinen Zweifel, dass Tui zahlen muss, nur haben sie kein Interesse an einem langen Rechtsstreit.

Den hat Tui wohl auch nicht. Auf Nachfrage unserer Zeitung entschuldigt sich Aage Dünhaupt, Sprecher von Tui Deutschland, für den Verzug bei der Bearbeitung des Falls. Der Konzern könne derzeit wegen der Vielzahl von Umbuchungen, Stornierungen und Gutscheinanfragen nicht alles zeitnah bearbeiten. „So etwas hat es noch nie gegeben, dass die ganze Welt nicht mehr verreisen kann, darauf sind die Prozesse nicht eingerichtet“, erklärt er. Allen Tui-Kunden, die aufgrund der weltweiten Reisewarnung, die das Auswärtige Amt Mitte März ausgesprochen hatte, ihre Reise nicht antreten konnten, bieten wir „einen Gutschein mit einem kleinen Upgrade an, oder sie können ihr Geld zurückbekommen“, erklärt Dünhaupt. Das gelte aber nur für Kunden, die von einer Stornierung oder Reisewarnung durch den Veranstalter betroffen sind.

Tui will maximal einen Gutschein ausstellen

Für das Ehepaar Schaarschmidt gelte dieser Fall nicht, da die Reisewarnung erst nach dem Reiseantritt erfolgt sei, und die Schaarschmidts von sich aus die Reise storniert hätten. Dennoch will Dünhaupt dem Kieler Paar – und allen anderen Kunden in einer solchen Situation – ebenfalls das Gutschein-Angebot machen, jedoch ohne die Option der Auszahlung in Geld. Den Schaarschmidts will Tui konkret die Reisekosten plus 150 Euro Upgrade in Form eines Gutscheins erstatten. Am Mittwoch hatte die Bundesregierung angekündigt, solche Gutscheine mit einer staatlichen Garantie abzusichern. 

Lesen Sie auch: Reise storniert? Gutschein muss nicht akzeptiert werden

Auf das Gutschein-Angebot reagierte Christine Schaarschmidt mit den Worten: „Das ist ja wenigstens schon mal eine Antwort.“ Sie hätte jedoch lieber ihr Geld zurück. Und das steht ihr auch zu, zumindest nach der Rechtsauffassung der promovierten Juristin Lucyna Reh von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein: „Ein Anspruch auf Rückerstattung der Reisekosten würde nach Paragraph 651h BGB bestehen. Dort heißt es, dass bei einer Pauschalreise der volle Reisepreis erstattet werden muss, wenn vor Reisebeginn ein außergewöhnlicher, unvermeidbarer Umstand aufgetreten ist.“ Zum Beispiel, wenn es sich um Gesundheitsrisiken handelt wegen des Ausbruchs einer schweren Krankheit. „Und das passt auf diesen Fall“, sagt Lucyna Reh, „muss aber im Einzelfall geprüft werden“. Ein solcher außergewöhnlicher Umstand wird von den Gerichten regelmäßig dann angenommen, wenn eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes vorliegt. Aber auch wenn die Reisewarnung wenige Tage nach der Stornierung ausgesprochen wurde, könne dieses Recht gelten, so Reh. Das müsse aber ein Gericht klären.

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