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Kiel Kieler Johannisloge: Im Zeichen von Winkelmaß und Zirkel
Kiel Kieler Johannisloge: Im Zeichen von Winkelmaß und Zirkel
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07:00 16.11.2016
Von Susanne Blechschmidt
1953 bezog die Loge „Alma an der Ostsee" ihr neues Haus in der Beselerallee. Das ursprüngliche Logenhaus am Lorentzendamm war 1944 zerbombt worden. Im Foyer und den angrenzenden Speiseräumen geht es bei Gesprächen ganz zwanglos zu. Quelle: Susanne Blechschmidt
Kiel

Die „Alma“ (lat. Segensreiche) war im November 1866 durch den Kieler Rektor Johann Friedrich Theodor Hussmann (1797-1881) gegründet worden, der sie in der verbrämten Sprache seiner Zeit als „Pflanzschule der Maurerei“ bezeichnete. Das zarte Pflänzchen gedieh, und die Loge entwickelte sich rasch. Schon 1908 wurde ein neues Logenhaus am Lorentzendamm eingeweiht, das mit fast 400 Mitgliedern in den 1920er-Jahren seine Blütezeit erlebte. „Kiel ist traditionell groß“, erzählt Logenmeister Norbert Jürgensen und nennt die Faustregel: „Je mehr Hafen, desto mehr Freimaurer“. Auch heute noch zählt die „Alma an der Ostsee“ mit 125 Mitgliedern zu den größten Logen in Deutschland.

 Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erfreut sich die traditionsreiche Loge neuerdings wieder zunehmender Wertschätzung – ausgerechnet bei jungen Männern. Logenmeister Jürgensen begrüßt die Entwicklung. „Im Moment läuft es sehr gut. Wir haben dieses Jahr bereits neun neue Mitglieder aufgenommen“, berichtet er. Auch gebe es Anfragen über die Website. Den guten Zulauf erklärt sich Jürgensen damit, dass die Gesellschaft wieder offener sei für „so etwas“. Alle Interessierten müssen sich auf eines einstellen: „Wir bilden in zehn Schritten zum Ritter aus“. Lange Zeit war dieses kleine „so etwas“ eher ein großes Hindernis für die Freimaurerei, deren erklärtes Ziel die Erweckung von Demut, Bescheidenheit, gutem Maß und Gottesliebe in den Brüdern war.

 Wahrlich nichts Schlechtes, und doch umgab die illustren Zirkel lange ein geheimnisvoller Ruf. Vornehmlich gebildete und gutsituierte Honoratioren – Lehrer, Richter, Ärzte oder wie auch Logenmeister Jürgensen selbst, Juristen – hingegen fanden hier ihre geistige Heimat und eine gemeinsame Schnittmenge: Männer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Und zwar nach allen Regeln der Freimaurerkunst, zu denen nicht nur Zeichen, Worte und Griffe gehören. „Doch so etwas wie Magie oder Kult gibt es bei uns nicht“, versichert Jürgensen lachend. „Wir leben christliche Werte, sind aber nicht amtskirchlich.“ Ein Grundbekenntnis zu Gott wird in der christlichen Loge dennoch vorausgesetzt. „Wir orientieren uns gerne an der Bergpredigt“, sagt Jürgensen.

Der perfekte Kubus

 Für die Probanden gilt es darüber hinaus, verschiedene Lektionen zu meistern bei der Arbeit am „rauen Stein“ des eigenen Ichs. Angestrebt wird im Prozess der Selbsterkenntnis der perfekte, in diesem Leben eher unerreichbare Kubus. Der beinhaltet ethisch-soziale Werte wie Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Humanität, Toleranz, Menschenliebe und Mitgefühl. „Einen Lehransatz, nach außen zu wirken, gibt es jedoch nicht“, so Jürgensen.

 Im heutigen Logenhaus an der Beselerallee, wo sich die „Alma“ gemütlich eingerichtet hat inmitten gediegenen Mobiliars und mit allerlei Symbolik hinter Glas, spielen sich die letzten Geheimnisse im Obergeschoss ab. Mehrere Räume dienen als Tempel, die der Logenmeister für einen kurzen Blick aufschließt, der Frauen sonst verwehrt bleibt. Hellblau, weiß und goldfarben strahlt der eine in Himmelsfarben. Schwarz wie die Nacht hingegen präsentiert sich der „Tempel in 3“. Dass hier „auch ein Sarg ins Spiel kommt“ für Logenbrüder im dritten Grad ihrer stufenweisen Ausbildung, vermag man sich lebhaft vorzustellen. Angeleitet wird das Ritual dort vom Logenmeister, der dann als „Hochwürdiger Meister“ agiert. Mit Grad 8 stellt er die absolute Autorität dar, Lebenserfahrung und Wissen zeichnen ihn aus. Und Diskretion. „Wenn mir ein Bruder etwas erzählt“, sagt Jürgensen sehr bestimmt, „dann bleib das hier. Dies ist ein geschützter Raum.“

 Dieses Vorgehen hat sich in Jahrhunderten bewährt, und wurde von den Zünften der alten Baumeister und Steinmetze installiert, die ab dem Spätmittelalter mit bis dato unbekanntem Wissen urplötzlich Kathedralen wie den Kölner Dom zu errichten wussten und die Menschen in ungläubiges Staunen versetzten. Ihr großes Wissen hatten sie auf langen Reisen zusammengetragen. Verständlich, dass dieses gehütet wurde wie ein Gral. In den Riten der Freimaurer leben deren Handwerkszeichen weiter. Maurerkelle, Lot, Winkelmaß oder Zirkel sind vier von 16 Symbolen, an denen im Tempel in Vortrag und Kontemplation gearbeitet wird. Dazu entwickeln Mitglieder sortiert ihre Gedanken, der wahre Prozess indes vollzieht sich im Inneren. Die Sache mit dem Ritter? Nicht unbedingt ein Selbstgänger.

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