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Kiel Kieler Kaisertreue kontra Krupp
Kiel Kieler Kaisertreue kontra Krupp
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08:00 27.01.2019
Von Michael Kluth
Kiel 1919: Blick auf das historische Gebäude-Ensemble der Krupps am Strandweg, der heutigen Kiellinie. Im Zentrum das Luxushotel „Seebadeanstalt“ mit den spitzen Giebeln, heute Sitz des Instituts für Weltwirtschaft. Dahinter – damals noch mit Schornstein – das Maschinenhaus, heute Kieler Yacht-Club. Quelle: Thomas Eisenkrätzer (Repro)
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Kiel

Krupp war seinerzeit nicht nur Eigentümer der Germaniawerft in Kiel, sondern auch des Gebäude-Ensembles „Seebadeanstalt/Logirhaus“ am Strandweg, der heutigen Kiellinie. Das Unternehmen betrieb darin von 1900 bis zum Ausbruch des Krieges 1914 ein Luxus-Sommerhotel und gewährte dem Vorstand des elitären Kaiserlichen Yacht-Clubs für die symbolische Miete von einer Reichsmark Residenz in repräsentativen Geschäftsräumen.

Spanische Grippe und Hungersnot

Aber in Zeiten von Spanischer Grippe und Hungersnot stand niemandem der Sinn nach Sommerfrische im Nobelhotel. Zudem drückten Krupp Steuerschulden und die Sorge, seine luxuriöse Liegenschaft am Fördeufer könne in den Sog der politischen Unruhen geraten, zumal zu der Zeit kaiserliche Marine-Offiziere in einigen der Gebäude wohnten.

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Klammheimlich verkaufte Krupp Ende 1918 das gesamte Ensemble mit Hotel, Repräsentationsräumen, Maschinenhalle, Hafenmeisterhaus und Bootsstegen an das damalige Königliche Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft, das bis 1918 noch am Schlossgarten residierte.

Für das Institut wickelte der Reeder Heinrich Diederichsen den Kauf ab. Nach seiner Familie ist bis heute der Diederichsen-Park an der Kiellinie benannt. Diederichsen, späterer Eigentümer der Howaldtswerke, war zu der Zeit Präsident der Gesellschaft zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft.

Kaiserlicher Yacht-Club verlor seine Residenz in Kiel

Mit dem Verkauf verlor auch der darüber uninformierte Kaiserliche Yacht-Club seine Residenz. Kurios: Sowohl Krupp von Bohlen und Halbach als auch Diederichsen waren – selbstverständlich – Mitglieder in der exklusiven Marine-Einrichtung. Aber sie schwiegen still über ihr streng vertrauliches Geschäft.

An dieser Stelle kommt der besagte Admiral Volkmar von Arnim ins Spiel. Der hohe Offizier, offiziell Vorstand im Kaiserlichen Yacht-Club, verstand sich dort als Statthalter von Kaiser Wilhelm II., der unverändert Kommodore des Clubs war, obwohl er sich im holländischen Exil befand, sowie seines Bruders Prinz Heinrich von Preußen, der unverändert Vize-Kommodore, aber aufs Gut Hemmelmark bei Eckernförde geflohen war.

Dokument der Verständnislosigkeit

Erst am 23. Januar 1919 informierte die Kruppsche Verwaltung den völlig überraschten Vorstand des Yacht-Clubs über den Immobiliendeal, der den Club die Heimstatt kosten sollte. Zwei Tage später schrieb Admiral von Arnim einen im Ton überaus höflichen, in der Sache aber harten Brief an den „Hochwohlgeborenen Herrn von Bohlen“.

Der Brief liegt heute im Historischen Archiv Krupp in der Villa Hügel in Essen. Von Arnim kämpft darin um die Clubresidenz. Das Schreiben ist ein Dokument der Verständnislosigkeit über das Ende der Monarchie und zeugt vom Beharren auf alten Privilegien.

"Vernichtender Schlag"

„Es ist von Mitgliedern aus allen Berufszweigen die Anfrage an mich gelangt, was aus dem K.Y.C. würde“, schreibt von Arnim, „und jedesmal habe ich geantwortet, dass der Club in seiner ganzen Tendenz bestehen bleibe und Seine Majestät der Kaiser gebeten wäre, Kommodore des Clubs zu bleiben, ebenso, wie Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preussen Vizekommodore bleiben will; mit Politik habe der K.Y.C. gar nichts zu tun und bliebe unberührt durch die neuen Verhältnisse.“

Zugleich bezweifelt der Admiral, „ob nach Zusammentritt der Nationalversammlung und Festsetzung der endgültigen Staatsform Deutschlands eine Änderung des Namens angezeigt sei“. Von Arnim beklagt, „das Aufgeben der als Sehenswürdigkeit bekannten Clubräume“ sei „ein vernichtender Schlag“. Dann wird der Admiral forsch: „Wir wären dann also gezwungen, uns bis zum nächsten Jahre nach anderen Räumlichkeiten umzusehen – und da würde wohl unter den Häusern am Strandweg und in Düsternbrook ... das Ihnen gehörige Haus Düsternbrooker Weg 54 ins Auge zu fassen sein, worin als Mieter augenblicklich der Landeshauptmann Graf Platen wohnt.“

Unverblümt erinnert von Arnim daran, dass Krupp der Marine wohl Dank schulde. Das Haus Nummer 54 sei seinerzeit „vom seligen Herrn Krupp dem Marine-Offizier-Kasino abgekauft worden“, und zwar „aus Dankbarkeit für die Rettung des im Bau befindlichen Linienschiffes ,Kaiser Wilhelm der Grosse’ und vielleicht der ganzen Germaniawerft bei einem Brande, welcher am 29. April 1899 abends die Werft verheerte.“

Nur durch die Anstrengung der Garnison sei damals die Rettung der Werft gelungen. Diesen unverhohlenen Anspruch auf Dankbarkeit verbindet der Offizier sogleich mit der Forderung, unverzüglich „eine Willensäusserung Euer Hochwohlgeboren“ zu erhalten.

Maschinenhaus für den Club

Ob Gustav Krupp von Bohlen und Halbach der Forderung nachkam, ist nicht bekannt. Wohl aber, dass der Industrielle mit dem Yacht-Club noch ins Geschäft kam. Im Juni 1919 verkaufte er das Kruppsche Maschinenhaus am Strandweg für 50000 Reichsmark an den Club, der es als neue Residenz umbaute.

Namensänderung des Kaiserlichen Yacht-Clubs in Kieler Yacht-Club erst 1937

Seinen throntreuen Namen legte der Kaiserliche Yacht-Club erst mit seiner Auflösung am 28. Oktober 1936 ab, fast 20 Jahre nach dem Ende der Monarchie. Schon am 23. Januar 1937 wurde er als „Yacht-Club von Deutschland“ mit anderen Clubs zwangsvereinigt und neu gegründet. Im Herbst 1946 wurde er auf Druck der britischen Besatzungsmacht in „Kieler Yacht-Club“ umbenannt, womit das Kürzel KYC wiedererstand.

Kruppsches Luxushotel heute Sitz von IfW und KYC

Wie das Kruppsche Luxushotel bis heute Sitz des Instituts für Weltwirtschaft ist, so ist das Kruppsche Maschinenhaus bis heute Sitz des Kieler Yacht-Clubs. Die alte Turbinenhalle heißt heute – Kaisersaal.

Wie das Institut für Weltwirtschaft und der Kieler Yacht-Club zu ihren schicken Häusern an der Kiellinie kamen
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