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Kiel Wie gut ist der neue Kieler "Tatort"?
Kiel Wie gut ist der neue Kieler "Tatort"?
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18:57 03.03.2019
Von Christian Trutschel
Foto: Sein 33., ihr zweiter Fall: die Kieler "Tatort"-Ermittler Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Klaus Borowski (Axel Milberg).
Sein 33., ihr zweiter Fall: die Kieler "Tatort"-Ermittler Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Klaus Borowski (Axel Milberg). Quelle: Christine Schroeder/NDR
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Noch fehlt uns das Motiv für ihre Wut, aber staunend sehen wir zu, wie diese Frau mit einem Motormäher durchs Wohnzimmer pflügt, den Flokati häckselt, Sofakissen teilt, dass die Federn stieben, den Couchtisch zertrümmert und die Vorhänge zerstört. Dann ein Rückblick. Wenige Tage vorher: Dieselbe Frau schwingt den Staubsauger, putzt die Glasplatte – das kommt uns vertraut vor, und wir ahnen: Dazwischen ist Gravierendes passiert.

Gelungener Einstieg in den neuen Fall des Kieler Kommissars Klaus Borowski (Axel Milberg) und seiner Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik), „Borowski und das Glück der anderen“ (3. März, 20.15 Uhr, Das Erste). Danach müssen geneigte „Tatort“-Schauer sich gedulden – im ersten Viertel gibt es keine Tat, dafür eine kleine, unterhaltsame Ehe- und Sozialstudie.

„Borowski und das Glück der anderen“: Gutmütig und bitterböse

Supermarktkassiererin Peggy Stresemann (Katrin Wichmann), die Frau mit dem Motormäher, und ihr Gatte Micha (Aljoscha Stadelmann), Elektriker, könnten zufrieden sein in ihrem Haus in dem gutbürgerlichen Quartier. Sie nennt ihn Michi, er sagt „Mäuschen“. Gegenüber hausen Wohlhabendere, aber es gibt auch eine arme Dame, die Leergut aus dem Müll der anderen klaubt – diese Figuren stecken die Kanten der Gesellschaft ab, markieren Etagen, in die man rutschen kann, oder die, um die man strebend sich bemüht. Manchmal vergeblich.

Genau da liegt das Problem für Peggy. Sie oszilliert gefährlich zwischen banger Frage an ihren bärigen, gutmütigen Michi („Wir sind glücklich, oder?“) und bitterbösem Vorwurf: „Warum willst du denn nicht auch mal was?! Das hier nennst du Glück?!“ Und er fragt sich und sie mit Unglücksmiene: „Wo bist du, Peggy? Wir waren doch mal glücklich.“

Glück haben immer nur die anderen

Peggys morsche, von Neid und Gier vergiftete Welt bricht vollends zusammen, als im Fernsehen die Lottozahlen gezogen und der 14,2-Millionen-Euro-Jackpot geknackt wird. Peggy beobachtet das Glück der anderen, ausgerechnet ihre Nachbarn trifft es, Victoria und Thomas Dell (Sarah Hostettler und Volkram Zschiesche), er smart, sie elegant und scheinbar eiskalt, beide Dolmetscher und von der Natur verwöhnt.

Gestochen scharf, wie auf einer perfekt ausgeleuchteten Theaterbühne, stehen sie am Fenster ihres Hauses, zeigen auf ein Stück Papier und führen dann einen Freudentanz auf. Peggy, in diesem Moment Welten weit weg, weiß einfach, wie das Leben mal wieder gelaufen ist: Die da haben es, das Glück.

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Das Drehbuch bei der Produktion zum Kieler Tatort "Borowski und das Glück der anderen" der Nordfilm Kiel GmbH (gedreht 4. April bis 5. Mai 2018 in Kiel und Wentorf, gefördert von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein im Auftrag des NDR) schrieb Sascha Arango, zweifacher Adolf-Grimme-Preisträger. Es ist sein siebter Borowski-„Tatort“.

Regie führte Andreas Kleinert, viermaliger Grimme-Preisträger, seit fast 20 Jahren im „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Geschäft, Professor an der Filmuniversität Babelsberg. Ein hochkarätiges Duo, das schon „Borowski und der Engel“ (2013) kreierte.

Kieler "Tatort": Zuschauer müssen offen für alles sein

Wer in "Borowski und das Glück der anderen" eine gerade Handlung erwartet, eine spannende Ermittlung, logische Schritte und glaubwürdig handelnde Figuren, wird mit diesem Werk nicht sehr glücklich werden – wer alle Erwartung fahren lässt und offen ist für alles, hat eine Chance.

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Unterhaltsam sind die Komponenten, die Arango und Kleinert verwenden, allemal: ein Häppchen Splatter-Movie, ein paar Anteile Quentin Tarantino, exakt deplatzierte Ironie, ein wenig Slapstick, ein bisschen Pilcher und Reminiszenzen an „Pretty Woman“, die immer funktionieren – besser als das Gesamtwerk.

Mehr Kompetenz im Kieler "Tatort" wäre schön

Schwächen in der Tat- und Ermittlungslogik trüben das Glück all jener Zuschauer, die nicht aufhören wollen, hinter dem „Tatort“-Label einen Krimi zu erwarten. Borowski am Boden in der Pathologie, Täter-Opfer-Klischees durchspielend, oder Borowski observierend aus der Deckung einer Zuckerwatte – ja, das kann wohl witzig sein. Aber wäre mehr Kompetenz nicht auch schön? Unter dem siebten Sinn des Kieler Kommissars und der kämpferischen Entschlossenheit seiner Kollegin löst sich der Fall wie von selbst.

Fürs Kieler Lokalkolorit sorgen vor allem das Tabak- und Lottogeschäft in der Küterstraße in Kiel, wo Entscheidendes geschieht (Lottospieler werden den Kopf schütteln), sowie die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) an der Förde, wo Borowski, Sahin und ihr Chef, Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Krügel), sich neu einrichten.

Am Ende, das den Anfang aufgreift, sind bis auf eine alle halbwegs glücklich, auch ohne Jackpot. Nur zwei haben das Ganze nicht überlebt.

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