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Kiel Jetzt ist Jazz(kantine)!
Kiel Jetzt ist Jazz(kantine)!
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00:48 29.06.2014
Von Jörg Meyer
Bebop, Swing, Hiphop, Soul und vor allem Funk, erhitzt Jazzkantine nicht nur auf ihrem aktuellen Album „ultrahoch“. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Man glaubt es kaum ob solcher Frische, zumal mit Neuzugang Nora Becker als soulig jazz-ladylike Stimme, dass die Kombüse des Jazz aus Braunschweig, gleichwohl „in Kiel schon fast zuhause“, seit nunmehr 20 Jahren an und in den Sound-Töpfen rührt. Beboppend wie hip-hoppend eröffnet die neun-köpfige Band ihr Konzert mit der Parole „Und es geht immer weiter!“: Eben das, was 1994 den Jazz in allen seinen Facetten mit dem Hip-Hop verband, und so heute zeigt, dass beides die berühmten zwei Seiten derselben Medaille sind. Jazz ist immer jetzt, wenn die Trompete beboppt, die Gitarre funk(el)t, der Bass bluest oder das Keyboard mit Vocoder so elektrisiert ist wie einst Kraftwerk.

Bebop, Swing, Hiphop, Soul und vor allem Funk, erhitzt die Combo nicht nur auf ihrem aktuellen Album „ultrahoch“. Auch live sind die Neo(n)-Neune ein Burner an den heimlichen Herden. Kochen heißt hier in jedem Song Sieden, wie es Jazz will, historisch zwar, doch vor allem jetzt. Rückblick dennoch auf die ersten der mittlerweile zehn Alben. Damals, als noch DeLaSoul „Me, Myself And I“ besangen, welchen kalten Kaffee die Jazzkantine wie so viele Jazz- und Hiphop-Zitate wieder aufbrühen, als sei es das koffeinisch an- und over-turnende Heißgetränk von gerade eben.

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„Respekt!“ gewährt man als Zuhörer auf dem „gewaltig leise“-Sitzkissen dafür nicht nur einmal, wird ja immer wieder hochgerissen zu tanzen, aufzustehen für den Sound, der nicht nur in den 1990ern modern war. Fanta 4 groovten da, Jazzkantine nicht unähnlich. „Respekt ist uns’re Aufgabe und nicht ’ne falsche Maske, die ich auf habe“, heißt es da noch einmal wie damals, als Hip-Hop eben beides war. „Egotripping“ nennt das heute Nora Becker, soul-funk-swingt es im Dialog mit dem Flügelhorn, als wäre es späte Erkenntnis wie Verirrung.

Und dann diese konsequent jetzt-jazzigen, den Jazz in seinen Grundfesten studierenden Instrumentals, für die die Rapper Cappuccino und Tachi nebst Lady Nora die Bühne räumen für das beboppige Grübeln an den Beats der Bars, damals in den Fifty-Ninety-Somethings. Intellektuell kann die Küche nämlich auch, da wird nicht gekocht, aber gut abgehangenes Fleisch gesotten, und Soli dürfen sich ausbreiten wie nicht getretener Quark.

Es folgen die großen Hits, Kantilenen der Kantine wie das funky federnde „Delirium“ und ein so schräg formuliertes Revival von „Die Gedanken sind frei“, dass selbst ein Harry Heine als Hip-Hopper erscheint. Wir gehen in die ohne Pause zwischen zwei üblichen Sets durchgejazzte Zielgerade. Die Küche ist jetzt höllisch, das Amphitheater ein Hexenkessel, in dem der Funk gebraut wird, „ultrahocherhitzt“. Der Drummer wird zum Hammer, die Gitarren zum Gethsemane, die Stimmen zum Sesam, der sich öffnet – zum Jazz im Jetzt.