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Kiel Vom Sehnen nach den Wünschen
Kiel Vom Sehnen nach den Wünschen
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00:36 29.06.2014
Von Jörg Meyer
Georgette Dee begeisterte mit ihrem neuen Programm auf der Krusenkoppel. Quelle: bos
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Kiel

„Die Aborigines glauben, dass das Leben der Traum ist, und dass man aufwacht, wenn man stirbt“, parliert Georgette Dee auf der Freilichtbühne Krusenkoppel über das Thema ihres neuen Programms „Der Seemann und der Prinz“. Es geht um den Traum, ohne den die Wirklichkeit unmöglich ist, um das Sehnen nach den Wünschen, mehr als dass sie sich erfüllen. So entführt uns die Diseuse, gewohnt sensibel begleitet am Klavier und als zweite Stimme von Terry Truck, in einen weit wogenden Traum vom Seemann, der gern ein Prinz wär’ und umgekehrt.
 
Mit beiden sitzt sie in der zwischen den Chansons immer weiter ausgesponnenen Traumgeschichte am Lagerfeuer, „vollgestopft mit Leben“ und Begehren, aber darob auch mit so viel Leidenschaft, in der bekanntlich das Leid steckt. Mal romantisch verklärt, mal divenhaft pikiert beäugt sie die weißen Pappelsamen, die wie Schneeflocken, die sich „peter-panisch“ wünschen, Rosenblätter zu sein, durch den Himmel über der Krusenkoppel auf die Bühne schweben. Der Blondgemähnten, deren Haar schon mal jemand als „weiß wie bei meiner alten Mutter“ gelobt habe, assistiert die Schöpfung, fast als wäre das inszeniert.
 
Und so ist es ja auch mit dem Leben, es scheint einen Plan zu haben mit den Liebenden und trennt sie dann doch immer wieder, verflüchtigt sich in den Traum. Oder kommt da erst zu sich? Georgette hält die Balance in solchem Dazwischen, in ihren Texten genauso wie in ihrer facettenreichen Stimme. Mal schwingt die sich auf zu raunenden Verstiegenheiten wie „Im Dorfe“ aus Schuberts „Winterreise“, dann soult sie sich erotischst durch die „Sweet Dreams“ der Eurythmics, schmachtet in den seidig sonoren Tiefen von Anna Depenbuschs „Kommando Untergang“ oder fliegt mit den „großen weißen Vögeln“ von Ingrid Caven ins erzengelhaft Elysische.
 
Und in allem ist Symbol, Menetekel, wenn nicht Orakel. Wie im „Lied, das niemand singt“ und das gerade dadurch „alles singt“ – und sagt. Georgette ist nicht nur dort eine Philosophin des Sehnens und der Wünsche, selbst mal Seemann, der in die nahe Ferne strebt, mal Prinz, der von der Nähe träumt, die oft so fern liegt.
 
Doch so tief lotend ihre Lieder diese Zwischenwelt vermessen, die Dee hat stets auch den Schalk im blonden Nacken. Seemann und Prinz sind auch komische Figuren, über die man oft genug herzlich lachen kann – und sie über sich selbst in ihrer „Archaizität“, wie Georgette keckert, und in „ihrer so typischen Männerinnigkeit“. Und auch wenn sie auf der Bühne zwar nicht mehr raucht, verlangt es sie zum Schluss doch nach einem „seriösen Getränk“. Mit dem ölen die Diva und ihr Tastenzauberer nochmal die Stimme für die Zugaben eines Abends, an dem Georgette sich uns und wir uns ihr so sehnend hingaben.