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Kiel Erst überlegen, dann kaufen
Kiel Erst überlegen, dann kaufen
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20:00 27.06.2014
Von Jürgen Küppers
Am mobilen Telekom-Shop gewähren Nico Kappel, Filmon Afewerki und Mansur Kader (v. re.). Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Herbert und Moiken Winselmann hatten bei ihrem Bummel über die Kiellinie eigentlich alles andere im Sinn, als ausgerechnet einen Strandkorb für 2100 Euro zu kaufen. „Aber er gefiel uns spontan so gut, es passte einfach alles, da haben wir zugegriffen“, erklärt die 69-jährige Rentnerin aus Schilksee. Aber erst, „nachdem wir noch einmal nachgedacht haben.“

 Dazu rät der Jurist der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, Dr. Boris Wita, auch dringend. Zumal die Rechtslage aus seiner Sicht „unbefriedigend“ sei. Zwar gebe es bei Käufen in einer „ungewöhnlichen räumlichen Umgebung“ ein Widerrufsrecht. Dazu zählten sogenannte Haustürgeschäfte oder bei Freizeitveranstaltungen geschlossene Kaufverträge. Wer aber nun glaubt, die Kieler Woche sei selbstverständlich eine Freizeitveranstaltung, der irrt gewaltig.

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 Laut Boris Wita hätten sowohl das Kieler Amts- als auch das Landgericht dies ganz anders beurteilt. Aus ihrer Sicht liege eine Freizeitveranstaltung dann vor, „wenn das Freizeit- und Verkaufsangebot derart miteinander verknüpft sind, dass der Verbraucher in eine freizeitlich unbeschwerte Stimmung versetzt wird und sich dem auf Vertragsabschluss gerichteten Angebot nur schwer entziehen kann.“ Diese Verknüpfung sahen die Richter bei der Kieler Woche offenbar als nicht gegeben an. Konsequenz: Das größte Volksfest Nordeuropas ist – nicht nur, aber auch – eine Verkaufsveranstaltung. Und bei ihr entfällt das Rücktrittsrecht.

 So ist es offenbar auch beim Handel mit den hochwertigen wie hochpreisigen Strandkörben bei der aktuellen Kieler Woche. „Wir machen doch keine Spaßverträge“, erklärt der Chef der Firma auf Nachfrage. So enthalte der Kaufvertrag eine Klausel, dass ein Rücktritt nur gegen Zahlung von 800 Euro möglich sei. Eine Ausnahme gebe es lediglich bei Käufern mit einer Demenz oder starker Überschuldung – wenn dies auch nachgewiesen werden könne. Allerdings kämen Rücktrittswünsche „nur in seltenen Einzelfällen“ vor.

 Kulanter zeigt sich die Telekom, die an der Kiellinie einen mobilen Shop aufgestellt hat. „Wir räumen Kunden ein 14-tägiges Rückgaberecht bei Verträgen mit Waren oder Dienstleistungen ein“, erklärt Shopleiter Nico Kappel. Laut Telekom-Pressestelle sei das Unternehmen dazu zwar nicht verpflichtet, gewähre das Rücktrittsrecht aber aus Kulanz gegenüber den Kunden. Wenn die Alkoholspiegel ab 20 Uhr steigen, sind zumindest die Verkaufstresen im Mobilshop geschlossen. „Und das ganz bewusst“, betont Kappel. Denn an Geschäften mit nicht (mehr) zurechnungsfähigen Kunden habe man kein Interesse.

 Interesse an Kunden hat Stefan von Friehling an seinem Stand mit wasserführenden Holzheizungen grundsätzlich zwar schon. „Nur verkaufen können und wollen wir hier nicht.“ Denn wer bis zu 11000 Euro für eine Anlage hinblättere, benötige erst einmal eine intensivere Beratung in den eigenen vier Wänden. An einem Stand sei die Prüfung von Voraussetzungen für die Installation gar nicht möglich. Etwa 20 solcher Hausbesuchstermine mit potenziellen Kunden wird der Hamburger bei der Kieler Woche voraussichtlich vereinbart haben, bei fünf komme es im Schnitt dann zu einem Geschäftsabschluss – meist nach reiflicher Überlegung und Prüfung aller Fakten. Abseits vom Kieler-Woche-Trubel.