Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Gemeinsam ist man weniger allein
Kiel Gemeinsam ist man weniger allein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 14.07.2019
Von Jan Torben Budde
Sind unzertrennlich - und haben sich nie erzürnt: Die Zwillinge Inge Wendt (links) und Waltraud Bekeschus aus Kiel sind glücklich, dass sie einander haben.
Sind unzertrennlich - und haben sich nie erzürnt: Die Zwillinge Inge Wendt (links) und Waltraud Bekeschus aus Kiel sind glücklich, dass sie einander haben. Quelle: Jan Torben Budde
Anzeige
Kiel

„Wir verstehen uns blind.“ Beide blicken auf ein bewegtes Leben zurück. Sie starten gemeinsam in den Tag. Die eineiigen Zwillinge leben im selben Senioren-Domizil nahe dem Exerzierplatz, wo sie sich pudelwohl fühlen. Waltraud Bekeschus wohnt eine Etage über Inge Wendt. Sie kann aus einem Fenster hinunter in die Wohnung ihrer Schwester gucken. Beide genießen diese Nähe. Morgens gehen sie gemeinsam in den Sophienhof, um in einer Bäckerei zu frühstücken. „Wir werden oft von Fremden angesprochen, manche winken uns freundlich zu“, erzählt Inge Wendt, die mit ihrer Schwester gern im Partnerlook durch die Stadt bummelt.

Beide nutzen Gehwagen

Beide sind zwar noch rüstig, doch Sicherheit geht vor. „Wir haben Gehwagen“, berichtet Inge Wendt, die eine dreiviertel Stunde älter ist als ihre Schwester. Denn im vergangenen Jahr war Waltraud Bekeschus im Treppenhaus der Anlage für „Betreutes Wohnen“ unglücklich gestürzt. Sie zog sich am Kopf eine Platzwunde zu und brach sich die Schulter. Krankenhaus, Operationen. Die Nachwirkungen spürt sie noch immer. „Ich konnte meine Schwester erst nach Tagen in der Klinik besuchen“, verrät Inge Wendt. So sehr nahm sie der Unfall mit. Jetzt ist Waltraud Bekeschus wieder auf dem Damm.

Fans von Steffen Henssler

Nach dem Frühstück kehren die Zwillinge ins Senioren-Domizil zurück, wo sie gemeinsam zu Mittag essen. Sie teilen sich eine Mahlzeit, die vom „Essen auf Rädern“ geliefert wird. Beide mögen gern Deftiges wie Eintopf, Kohlrouladen oder Rübenmus. Exotische Spezialitäten sind weniger nach ihrem Geschmack. Doch bei einem Auftritt von Steffen Henssler im vergangenen Jahr in der Kieler Sparkassen-Arena, begleitete Inge Wendt den Fernsehkoch dann doch auf die Bühne, um ihm beim Sushi machen zu assistieren. „Ich mag das Gericht eigentlich nicht, aber ich schwärme für Henssler“, gesteht sie freimütig. Zunächst hatte der Entertainer ihre Schwester Waltraud auf die Bühne gebeten, die aber dankend ablehnte. Ihre Schwester sei da mutiger, sagt die Jüngere.

Sie verzichten auf typische Zwillingsstreiche

Zur Welt kamen die Zwillinge mit dem Mädchennamen Burmeister am 2. Juni 1934. Die Familie lebte in Elmschenhagen, wo Inge und Waltraud die Schule besuchten. „Wir waren immer gleich angezogen“, sagt Inge Wendt. Doch auf typische Zwillingsstreiche verzichteten sie. Oft hörten sie den Ausspruch „Lass mal gucken, wer du bist“. Denn im Unterschied zu ihrer Schwester hat Waltraud Bekeschus ein markantes Muttermal im Nacken. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Familie ausgebombt, weshalb ein Umzug nach Gaarden folgte. Die Zwillinge drückten fortan dort die Schulbank, spielten mit Nachbarskindern auf der Straße Völkerball. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt sie mit Zöpfen. „Nach unserer Konfirmation haben wir sie uns beim Friseur abschneiden lassen, ohne dass unsere Mutter davon wusste“, denkt Waltraud Bekeschus zurück. Um den modernen Kurzhaarschnitt zu verdecken, trugen sie Kopftücher – bis alles aufflog. „Begeistert war unser Mutter nicht“, sagt Inge Wendt. Beide schmunzeln.

Abends wird mehrfach telefoniert

Mit Anfang Zwanzig heirateten die Zwillinge. Nur wenige Jahre lebten sie in unterschiedlichen Stadtteilen. Dann zogen beide zurück nach Elmschenhagen, wo die Familien in Sichtweite wohnten. Waltraud Bekeschus: „Durch den Gartenweg brauchte man fünf Minuten.“ Einige Schicksalsschläge galt es zu verkraften. Die Ehemänner der Zwillinge sind mittlerweile verstorben, auch ihre ältere Schwester. Die Zwillinge gaben sich gegenseitig Kraft, ebenso wie ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Inge Wendt: „Wenn eine von uns etwas sagt, denkt die andere meistens, dass sie das auch gerade sagen wollte.“ Nach dem Mittagessen treffen sich die Zwillinge mit Nachbarn gern auf einen Klönschnack vor dem Senioren-Domizil. Im Anschluss geht jede Schwester in ihre eigene Wohnung. Während Waltraud Bekeschus gern Fußball guckt, steht Inge Wendt auf Krimis und Kochsendungen – am liebsten mit Steffen Henssler. Doch so ganz ohne Schwester geht’s nicht. Abends glüht die Telefonleitung zwischen beiden Stockwerken – etwa drei bis vier Mal, bevor Bettzeit ist. „Und direkt vor dem Schlafengehen wünschen wir uns eine gute Nacht“, sagt Inge Wendt.

Mehr aus Kiel lesen Sie hier.

Kiel Restaurant Markmanns - Grillgenuss für Geduldige
Petra Krause 14.07.2019
Heike Stüben 14.07.2019
Kiel Eröffnungstermin 2020 - SPD bekennt sich zum Freibad Katzheide
Martin Geist 13.07.2019