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Kiel Florian Wrobel meint es ernst mit Satire
Kiel Florian Wrobel meint es ernst mit Satire
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12:00 15.07.2019
Von Michael Kluth
Ich will hier rein: Mit seinem Blindenstock deutet Florian Wrobel aufs Kieler Rathaus. Als „Kandidat mit Durchblick“ bewirbt er sich ums Oberbürgermeisteramt. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Herr Wrobel, was führt uns hierher, an die Bushaltestelle vor dem Opernhaus?

Florian Wrobel: Zum einen sind wir am Rathaus, und ich möchte meinen künftigen Arbeitsplatz promoten. Zum anderen geht es um die Bushaltestelle als Symbol für einen barrierefreien Öffentlichen Personennahverkehr in Kiel. Ich bin ein Verfechter des Grundsatzes: Schwarzfahren muss bezahlbar bleiben. Der ÖPNV muss in jeder Hinsicht barrierefrei sein, egal ob für Menschen mit Behinderung oder für Menschen ohne Geld – oder für Menschen, die sich erst überwinden müssen, um ihr Auto stehenzulassen.

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Wer soll einen für die Nutzer kostenlosen ÖPNV denn bezahlen?

Das muss die Stadt Kiel tun. Wir reden lang und breit über Klimaschutz, über Schadstoffe am Theodor-Heuss-Ring, über Dieselfahrverbot. Es wäre viel einfacher zu sagen: Leute, Ihr müsst keine 2,60 Euro bezahlen, Ihr könnt einfach einsteigen. Dann kriegen wir kurzfristig eine autofreiere Stadt.

Sie sind der Oberbürgermeister-Kandidat der satirischen Partei „Die Partei“. Meinen Sie Ihre Kandidatur ernst? 

Ja. Ich würde nicht antreten, wenn ich nicht gewinnen wollte. Ich bin vor vier Jahren in die Partei „Die Partei“ eingetreten gegen das Versprechen, dass ich Oberbürgermeister-Kandidat für Kiel werden darf, der erste blinde Oberbürgermeister-Kandidat Europas.

Sie gehen offensiv und satirisch mit Ihrer Behinderung um, als „Kandidat mit Durchblick“, der „seinen Blindenstock in den Ring wirft“. Fällt Ihnen das schwer?

Ich bin nach langer Sehbehinderung vor vier Jahren blind geworden. Ich kann nur mit dem rechten Auge noch Kontraste wahrnehmen. Anfangs habe ich mich schwergetan, meine Behinderung öffentlich zu zeigen. Da hätte ich am liebsten meinen Blindenstock versteckt. Aber nach einigen Monaten habe ich mir gesagt, hey, wenn ich für Menschen mit Behinderung ein Lobbyist sein kann und wenn die das akzeptieren – dann mache ich das. Heute fällt es mir leicht.

Wie sollen die Wähler unterscheiden können zwischen dem, was Sie satirisch meinen, und dem, was Sie ernst meinen?

Satire ist immer ernst gemeint, weil sie immer einen realen Ausgangspunkt hat. Sie ist nur eine Überspitzung, eine Provokation. So werde ich Satire in meinen Wahlkampf einfließen lassen. Ich werde mir Mühe geben, dass man merkt, was ich wirklich meine und was ich nur überspitzt darstelle, um auf Missstände hinzuweisen. Das werden wir gut hinkriegen. Die breite Masse versteht mich.

Sind die Baupannen etwa am Hörnbad oder am ZOB-Parkhaus ein gefundenes Fressen für Satire?

Eigentlich ja… Wir haben das überlegt und finden, das wäre ein Rumtreten auf der Stadtverwaltung, die nicht so viel dafür kann. Ich hoffe natürlich, dass der Kleine-Kiel-Kanal nicht zu unserem Berliner Flughafen wird und dass wir Bauprojekte möglichst schnell fertigstellen. Mein Hauptaugenmerk liegt dabei allerdings auf den Wohnungsbauprojekten.

Sie haben um die Unterstützung der Linken geworben, allerdings erfolglos. Sind Sie selbst ein Linker?

Ich würde mich als linkspolitisch bezeichnen. Unsere Partei ist die Partei der extremen Mitte. Wir sind humanistisch und stellen in unserer Satzung die Menschenrechte nach vorne. Insofern verkörpere ich als linkspolitischer Mensch die Mitte der Gesellschaft.

Für welche Themen möchten Sie hauptsächlich gewählt werden?

Ganz oben steht das Thema bezahlbarer Wohnraum. Ich habe viele arme Freunde, habe in der Drogenhilfe gearbeitet, habe in meinem Studium der sozialen Arbeit viel mit dem Thema zu tun und finde es wichtig, Wohnraum zu schaffen statt Möbelhäuser und Hotels. Zweitens das Thema barrierefreier ÖPNV, das hatten wir eben schon. Drittens eine autofreie Innenstadt mit unserem Konzept Venedig 2.0: Wir bauen mehrere Kanäle und machen Gondelverkehr. Das wurde ja während der Kieler Woche auf dem Kleinen Kiel schon ausprobiert. Viertens Klimaschutz. Ich unterstütze jegliche Klimaschutzforderungen, sei es von Fridays for Future oder Smash Cruiseshit oder Extinction Rebellion. Das sind gute Aktionen, die unsere Jugend da auf die Beine stellt. Es wird Ihnen viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wir müssen jetzt handeln. Sonst weiß ich nicht, wie ich bald meinen Nichten erklären soll, warum wir nichts geändert haben.

Zur Person: Das ist Florian Wrobel

Zur Person: Das ist Florian Wrobel

Florian Wrobel, 26 Jahre alt, studiert soziale Arbeit an der Fachhochschule Kiel. Er ist stellvertretender Vorsitzender der satirischen Partei „Die Partei“ in Kiel und kandidiert bei der Wahl am 27. Oktober, zwei Wochen nach seinem 27. Geburtstag, für das Amt des Kieler Oberbürgermeisters. 

Mit seiner Freundin Miriam Borchert, Sozialassistentin an der Fachhochschule Kiel, wohnt Wrobel im Stadtteil Schreventeich. Für die Partei „Die Partei“ sitzt er im Ortsbeirat Schreventeich-Hasseldieksdamm. Er ist zudem Mitglied im Beirat für Menschen mit Behinderung. 

Seit der Kindheit leidet Florian Wrobel an einer Sehbehinderung. Seit vier Jahren ist er blind.

Sind Sie trotz des angestrebten Gondelverkehrs ein Anhänger der Stadtbahn?

Ja. Ich bin gespannt, was wir zuerst kriegen. Ich finde die Stadtbahn super, fürchte aber, dass wir noch in acht Jahren darüber reden, wann sie denn nun kommen wird.

Wann sind Sie zuletzt im Einwohnermeldeamt gewesen, und wie lange mussten Sie warten?

Oh, schöne Geschichte: Ich habe mich früher immer in der Saarbrückenstraße umgemeldet. Das geht jetzt nicht mehr, da ist kein Meldeamt mehr. Mir wurde dann erzählt, dass ich das auch per Brief machen kann. Das habe ich getan – und warte seit vier Wochen auf meine Meldebescheinigung.

Abschließend: Ihre Vision für Kiel?

Meine Vision für Kiel ist eine Stadt am Wasser, in der das Wasser für alle Menschen zugänglich ist. Die Kiellinie muss ein Ort sein, an dem alle sich aufhalten können. An dem Jung und Alt zusammentreffen. Lasst uns einen Skatepark dort bauen und einen Spielplatz. Genauso an der Hörn. Wir brauchen Orte am Wasser in der Innenstadt, wo Menschen sich gern aufhalten. Sonst bringt uns das ganze Wasser in der Innenstadt nichts.

Interview: Michael Kluth

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Die Kieler Nachrichten führen Sommerinterviews mit den vier Kandidaten zur Oberbürgermeister-Wahl in Kiel am 27. Oktober. Amtsinhaber Ulf Kämpfer (47) tritt für die SPD und mit Unterstützung der Grünen, der FDP und des SSW für eine zweite Amtszeit an. Der Chemie- und Physiklehrer Andreas Ellendt (55) ist Oberbürgermeister-Kandidat der CDU. Der Parteigeschäftsführer Börn Thoroe  (34) bewirbt sich für die Linke. Der Student Florian Wrobel  (26) tritt für die satirische Partei „Die Partei“ an. Die Schauplätze der Sommerinterviews haben die OB-Kandidaten selbst ausgesucht. Sie verbinden ihre Ortswahl mit einer politischen Botschaft, die sie im Interview erklären.

Es folgen in den nächsten Wochen: Björn Thoroe, Andreas Ellendt, Ulf Kämpfer.

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