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Kiel Kämpfer setzt auf Kontinuität für Kiel
Kiel Kämpfer setzt auf Kontinuität für Kiel
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12:40 07.08.2019
Von Michael Kluth
Der Mann auf dem Thron: Oberbürgermeister Ulf Kämpfer im Baugebiet "Marthas Insel" vor dem Hintergrund der Gablenzbrücke. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Herr Dr. Kämpfer, was führt uns hierher, auf die Baustelle von „Marthas Insel“?

Dieses Baugebiet, das früher Krim genannt wurde, hat seit 20 Jahren einen Bebauungsplan, der nie genutzt wurde – unter anderem, weil ein Schlüsselgrundstück blockiert war. Ich habe viele Gespräche geführt und mitgeholfen, diese Blockade aufzulösen. Jetzt entstehen hier 240 Wohnungen, davon über 100 Sozialwohnungen. Sie bilden den Grundstock für die neue Kieler Wohnungsbaugesellschaft. Ein guter Wohn-Ort im Umfeld von Hörn, Postfuhrgelände und Innenstadt, das für die Dynamik Kiels in diesen Jahren steht.

Bleiben Sie bei der Prognose, dass der Wohnungsmarkt in Kiel sich ab 2021 entspannen wird?

Ja, denn für meine Prognose gibt es gute Gründe. Auch wenn manche Investoren wegen gestiegener Baupreise zögerlich von ihren Baugenehmigungen Gebrauch machen: Wir haben viele große Wohnungsbauprojekte am Start – Hörn, Torfmoorkamp, Postfuhrgelände, Hof Hammer, auch hier auf Marthas Insel. Allein dadurch werden in den nächsten Jahren rund 3000 Wohnungen entstehen. Das wird man spüren.

Worauf sind Sie im Rückblick auf Ihre erste Amtszeit besonders stolz?

Kiel ist in meinen Augen dynamischer geworden. Viele sagen: Wow, hier ist ja was los. Das zu gestalten und in vielen Punkten – 12.000 neue Arbeitsplätze, 4500 Wohnungsbaugenehmigungen, Haushaltsüberschüsse – gezeigt zu haben, dass man es zum Guten wenden kann, darauf bin ich in der Summe stolz. Aber auch auf Projekte, die weit über den Tag hinausreichen, wie die Zukunftsstrategie für Gaarden, die Digitale Woche oder Science City, der Hochschulstadtteil, den wir mit Uni und Land realisieren.  

Worauf sind Sie nicht so stolz?

Auf das Hotel an der Sparkassen-Arena. Da würde ich rückblickend mehr Druck ausüben, damit wir einen städtebaulichen Wettbewerb bekommen. Die Investoren haben damals viel Zeitdruck aufgebaut, den es so offenbar gar nicht gab. Das passiert mir nicht noch mal.

Ein weiteres Thema, das in die nächste Amtsperiode ragt, ist der Theodor-Heuss-Ring. Haben Sie die Gefahr eines Diesel-Fahrverbots zu lange unterschätzt?

Im Gegenteil. Ich habe anfangs gedacht, dass wir Fahrverbote wahrscheinlich gar nicht umgehen können - mit gravierenden Folgen für die Anwohner an den Ausweichstrecken, Gewerbetreibende und Pendler. Mittlerweile ist die Lage dank einer gemeinsamen Anstrengung von Stadtverwaltung und Landesumweltministerium günstiger, die Stickoxidwerte sind deutlich gesunken. Auch Luftfilteranlagen haben wir von Anfang an in unsere Überlegungen einbezogen, aber darauf bestanden, dass wir seriös arbeiten. Erst die Wirkung nachweisen, dann anschaffen, und nicht umgekehrt.

Sind Sie ein Verfechter der autofreien Innenstadt?

Ich will eine lebendige Innenstadt, die für alle erreichbar ist. Aber man muss nicht direkt vor jedem Geschäft mit dem Auto parken können. Wir haben schon Verkehr aus der Stadt herausgenommen, zum Beispiel die Holstenbrücke gesperrt. Wir brauchen gute Alternativen zum Auto. Radwege und öffentlicher Nahverkehr müssen noch viel attraktiver werden. Aber die echte Mobilitätswende wird erst kommen, wenn wir eine Stadtbahn auf eigener Trasse haben.

Das kann dauern, oder?

Es ist ein riesiges Infrastrukturprojekt. Aber wir haben jetzt eine breite Mehrheit in der Ratsversammlung, selbst die CDU ist mittlerweile für öffentlichen Nahverkehr auf eigener Trasse. Das alte Konzept der autogerechten Stadt ist an seine Grenzen gestoßen. Wir müssen sehr schnell etwas Neues anbieten. Aarhus, Brest, Wiesbaden, Regensburg machen es vor.

Ulf Kämpfer47 Jahre alt, ist seit 2014 Oberbürgermeister der Stadt Kiel. Zuvor war der Jurist Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Umweltministerium. Kämpfer kandidiert bei der Wahl am 27. Oktober für eine zweite Amtszeit. Der gebürtige Eutiner lebt mit seiner Frau, der Grünen-Politikerin Anke Erdmann, und dem gemeinsamen Sohn Johann in einer Öko-Siedlung im Kieler Stadtteil Hassee. Der bekennende Fahrradfahrer besitzt kein Auto.

Mit welchem Zeitrahmen rechnen Sie?

In wenigen Wochen legen wir ein Gutachten vor, das zeigt, wie Bus und Bahn gestärkt werden können. Das soll breit diskutiert werden, Mitte nächsten Jahres wollen wir mit einer Trassenstudie konkret in die Planung einsteigen. Die dauert zwei, drei Jahre, dann fällt die Entscheidung: Welches System können und wollen wir uns in Kiel leisten? Danach wird es ein paar Jahre dauern, bis die erste Linie fährt.

Ein Ärgernis der Bürger sind die langen Wartezeiten in den Bürgerämtern. Was tun Sie dagegen?

Das hat viele Ursachen. Eine sind Krankheitsfälle, das geht vorüber. Zudem gibt es viele Wechsel, weil wir viele Stellen neu geschaffen haben und weil uns Leute abgeworben werden. Dadurch haben wir Unruhe und auch mal länger unbesetzte Stellen. Ich habe Stadtrat Zierau beauftragt, mir im August ein Konzept mit kurz- und mittelfristigen Lösungen vorzulegen. Da wird es um Digitalisierung gehen, aber auch um Organisation. Dann werden wir bald wieder Zustände haben, wie die Kielerinnen und Kieler sie verdienen und wie es meinem Anspruch als Oberbürgermeister entspricht.

Das Problem haben andere Städte auch. Trotzdem gelingt es ihnen besser, sie in den Griff zu bekommen.

Kiel ist als Landeshauptstadt Heimat vieler großer Landesbehörden, die – wie wir auch - gute Leute suchen. Der sprichwörtliche „Heldenklau“ trifft uns viel stärker als eine Kreisverwaltung in Husum oder anderswo.

Kiel hat mit dem MFG-5-Gelände ein Filetgrundstück, das seit Jahren brachliegt. Wann kann es da endlich losgehen?

Es hat mich ehrlich gesagt selbst überrascht, wie lang solche Prozesse dauern können. Viele Bundesbehörden sind beteiligt. Es gibt langwierige Altlastenuntersuchungen und Wertermittlungen. Und Klippen des deutschen Planungsrechts, die manchmal schwer nachvollziehbar sind. Wir sind jetzt kurz vor einem Durchbruch bei der Verlegung des sogenannten Tonnenhofs, der Außenstelle des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes. Dann können wir 2020 den städtebaulichen Wettbewerb beginnen und hoffentlich auch schon das ganze Areal erwerben. Sobald wir Herr im eigenen Haus sind, können Erschließung und Bauplanung folgen. Wir werden erst in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre richtig loslegen können. Wir wollen dort das Kiel des 21. Jahrhunderts bauen, innovativ von der Mobilität bis zur Energiegewinnung.

Verzögerungen und Verteuerungen gibt es aber auch beim Hörnbad, auf der Kiellinie, am Holsten-Fleet und am ZOB. Ist das Unvermögen oder Pech, oder liegt es allein an der Baukonjunktur?

Auch private Bauherren machen ja die Erfahrung, dass sie oft nur sehr teure, manchmal gar keine Angebote bekommen oder Firmen mitten im Projekt Insolvenz anmelden. Manchmal muss man dann Baufirmen engagieren, die man vielleicht vor einigen Jahren nicht genommen hätte. Zeit- und kostengerecht zu bauen, ist schwieriger geworden. Und in Presse und Politik wird meist nur über Vorhaben geredet, die nicht nach Plan laufen. Ich kann Ihnen eine Vielzahl von Projekten nennen, die zeit- und kostengerecht fertig werden: Schulbauten wie der Neubau für die Berufsschulen am Schützenpark, die Autobahn 215, der Abschluss der Veloroute 10 und viele Kitabauten. Ich wünschte, darüber würde genau so groß berichtet.

In der Bauverwaltung gibt es einige Unruhe. Sind Sie mit der Arbeit der Stadtbaurätin Doris Grondke uneingeschränkt zufrieden?

Frau Grondke ist eine sehr kundige Architektin und Stadtplanerin. Davon profitieren wir an vielen Stellen – zum Beispiel hier auf Marthas Insel, wo sie mit dem Investor nächtelang die Sozialwohnungen ausverhandelt hat. Die Ratsversammlung hat für die Schicksalsfrage Kiels – wie schaffen wir schnell mehr bezahlbare Wohnungen? - sehr bewusst eine Architektin und Stadtplanerin zur Dezernentin gewählt. Sie hat ein komplexes Dezernat, zu dem zum Beispiel auch Klimaschutz und der Theodor-Heuss-Ring gehören. Da haben wir eine gute Arbeitsteilung gefunden, die uns beiden gerecht wird.

Die Kieler Nachrichten führen Sommerinterviews mit den vier Kandidaten zur Oberbürgermeister-Wahl am 27. Oktober. Der Jurist Ulf Kämpfer (47) tritt für die SPD mit Unterstützung der Grünen, der FDP und des SSW für eine zweite Amtszeit an. Der Chemiker Andreas Ellendt (55) ist der Oberbürgermeister-Kandidat der Kieler CDU. Der Parteigeschäftsführer Björn Thoroe (34) bewirbt sich für die Linke. Der Student Florian Wrobel (26) tritt für die satirische „Partei“ an. Die Schauplätze der Sommerinterviews haben die OB-Kandidaten selbst gewählt und verbinden sie jeweils mit einer politischen Botschaft. 

Bereits erschienen: Andreas Ellendt, Florian Wrobel, Björn Thoroe.

Die Sommerinterviews plus Video-Blitzinterview finden Sie auf www.KN-online.de/kiel/ob-wahl-kiel-2019

…indem Sie den Umweltbereich selbst vertreten?

Nein, das nicht. Aber es gibt dort einige hochpolitische und kontroverse Themen, da muss ein Oberbürgermeister selbst fachkundig sein und seinen Kopf rausstrecken.

Kommen wir zur Wahl am 27. Oktober. Gehen Sie davon aus, im ersten Wahlgang zu gewinnen?

Das entscheiden die Kielerinnen und Kieler. Ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich in den ersten fünf Jahren meiner Amtszeit mit allem Herzblut und mit all meinen Talenten und Unzulänglichkeiten für eine gute Entwicklung Kiels gekämpft habe. Ich hoffe, dass die Kielerinnen und Kieler in der Gesamtschau meiner Erfolge und Versäumnisse sagen: Der soll es noch mal machen!

Können Sie sich der Unterstützung der Grünen auf Dauer sicher sein?

Ich freue mich über die Unterstützung von insgesamt vier Parteien, das ist nicht selbstverständlich. Gerade bei den Grünen verstehe ich, dass manche sich angesichts des Erfolges bei der Europawahl damit nicht leichtgetan haben. Ich suche weiter das Gespräch mit denen, die mich kritisch sehen. Der Prozess, um Unterstützung zu werben, ist mit der Nominierung ja nicht zu Ende gegangen.

Ist der Wahlkampf aus dem Amt heraus leichter oder schwerer als der vor fünf Jahren? Damals sind Sie als relativ unbekannter Staatssekretär für das OB-Amt angetreten.

Er ist anders. 2014 konnte ich meine Ideen für die Stadt präsentieren und musste mich für nichts rechtfertigen. Dieses Privileg haben jetzt meine Herausforderer. Sie können mich oder die Stadtverwaltung in Grund und Boden kritisieren, ohne nachweisen zu müssen, dass sie es tatsächlich besser können. Das ist in Ordnung. Auf der anderen Seite habe ich einen großen Schatz an Erfahrung gewonnen – und an Zuversicht, dass ich mit meiner Bilanz die Menschen überzeugen kann.

Ihr Name wird bei der Frage nach der SPD-Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2022 genannt. Der „Spiegel“ und die „Welt“ handeln Sie schon als SPD-Bundesvorsitzenden. Wie lange wird Kiel Ihnen genügen?

Ich möchte gern die Baustellen, die ich aufgemacht habe, zu Ende bauen und Projekte, die ich angeschoben habe, zum Erfolg führen. Seit 1992 hat kein OB mehr als eine Amtszeit geschafft. Ich glaube, Kontinuität tut Kiel gut. Ich bekenne mich ausdrücklich zu weiteren sechs Jahren im Rathaus, ohne irgendeinen Plan B. Ich werde 2022 nicht SPD-Spitzenkandidat zur Landtagswahl sein. Und bundespolitische Spekulationen sagen mehr über die Not meiner SPD als über meine eigenen Ambitionen aus. Falls ich wiedergewählt werde, bin ich am Ende der zweiten Amtszeit noch jung genug, um noch mal was Neues zu beginnen. Die nächsten sechs Jahre aber will ich Kiel gemeinsam mit den Kielerinnen und Kielern weiter nach vorn bringen.

Abschließend: Ihre Vision für Kiel?

In unserer dänischen Partnerstadt Aarhus kann man sehen, wie man eine Stadt in wenigen Jahren wirtschaftlich erfolgreich, sozial ausgewogen und europaweit attraktiv machen kann. Wenn Kiel in zehn Jahren so ist wie Aarhus heute, wenn wir Stadtentwicklung, bezahlbares Wohnen, Klimaschutz und sozialen Zusammenhalt unter einen Hut bringen, dann können wir alle miteinander darauf stolz sein.

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