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Kiel Kondome gibt es jetzt in der Pause
Kiel Kondome gibt es jetzt in der Pause
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18:36 19.06.2019
Von Gunnar Müller
Ida Lotte Müller (von rechts) zieht die erste Packung aus dem Kondomautomaten. Neben Michel Eggers (16) nahm auch Marlon Jost (Jugend gegen Aids) den Automaten an der Gemeinschaftsschule Friedrichsort in Betrieb. Quelle: Frank Peter
Kiel

"Für jeden Lümmel gibt es das passende Kondom" steht so vielsagend wie zweideutig auf dem quietschbunten Automaten. Immer noch ist der Kauf von Kondomen mit Scham besetzt – dabei steigen seit einigen Jahren gerade unter jungen Menschen die Zahlen von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wie Chlamydien und Syphilis wieder an. Kondome dienen nicht nur als Verhütungsmittel, sondern auch als aktive Gesundheitsvorsorge, erklärte JGA-Vorstandsmitglied Marlon Jost. Dabei hätten Jugendliche heute im Schnitt später als noch vor wenigen Jahrzehnten ihren ersten sexuellen Kontakt.

Die erschreckenden Zahlen: Fast ein Drittel der Jugendlichen, so eine Studie der Aufklärungsorganisation und der Dating-App Lovoo, gaben an, beim Geschlechtsverkehr auf Kondome zu verzichten. Noch weniger konnten Fragen zu sexuell übertragbaren Krankheiten beantworten.

Sexuell übertragbare Infektionen: Von Syphilis bis HIV

Kondome dienen nicht nur als Verhütungsmittel, sondern helfen auch vor der Ansteckung mit sexuell übertragbaren Infektionen (STI) und HIV. 2015 schätzte das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) die Zahl der HIV-Neuinfizierten bundesweit auf 3200, sodass rund 85000 Infizierte in Deutschland leben. Die Zahl der Syphilisfälle stieg zwischen 2009 und 2015 um rund 149 Prozent an. Nur Syphilis und HIV unterliegen in der Bundesrepublik nach dem Infektionsschutzgesetz der Meldepflicht. Labore sind nach diesem verpflichtet, positive Befunde anonym an das RKI zu melden. Da Infektionen häufig erst Jahre später entdeckt werden, geben die Zahlen nur ein ungefähres Bild ab, so das RKI. Auch die Zahlen der sexuell übertragbaren Infektionen werden daher geschätzt. "Das Amt für Gesundheit hat keine Statistik zu STI und HIV bei Schülern, da nur volljährige Personen ins Amt kommen. Dort waren noch nie Minderjährige in der Fachberatung", so ein Sprecher der Stadt Kiel.

Video: Kondomautomat an Kieler Schule

Schule ist ein möglicher Aufklärungsort

Aber ist die Schule der richtige Ort für einen Kondomautomaten? "Natürlich ist das Thema Kondome unter Gleichaltrigen erst einmal unangenehm", sagte Ida Lotte Müller, "aber genau das ist das Thema." Mit ihren Mitschülern entwickelte die 16-Jährige die Idee, einen solchen Kondomautomaten für die Gemeinschaftsschule anzuschaffen. Anders als vielleicht gedacht, hatten die acht Schüler eine "irre gute Resonanz": Mehr als 500 Euro sammelte die Gruppe – und spendete das Geld anschließend der Aufklärungsinitiative. Nicht jeder wolle mit seinen Eltern oder Lehrern über das Thema Sexualität reden, erläuterte Marlon Jost. Neben den Automaten sind deshalb Workshops rund um das Thema Aufklärung wichtiger Bestandteil der Arbeit von JGA. "Wir schulen Jugendliche und diese sprechen dann auf Augenhöhe mit ihren Mitschülern."

Altersgemäße Aufklärung

"Sexuelle Bildung kann übertragbare Krankheiten verhindern helfen. Das Thema – immer altersgemäß in pädagogische Konzepte eingebettet – ist auch ein wichtiges Schulthema", sagte Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Ähnlich äußerte sich auch Kiels Gesundheitsdezernent Gerwin Stöcken: "Ich finde es gut, wenn junge Leute möglichst viele Möglichkeiten haben, problemlos Verhütungsmittel zu bekommen."

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Schulleiter lobt Engagement des Kurses

Seit Ende 2017 hat „Jugend gegen Aids“ bundesweit bereits fast 100 Kondomspender aufgestellt. Den Anfang machte damals das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Poppenbüttel. „Wir haben sicherlich ein bisschen unterschätzt, wer da alles mit ins Boot geholt werden muss“, so Jost. Nicht alle Eltern und Lehrer finden die Idee gut, plötzlich Kondomautomaten in einer Schule aufzustellen. "Wir sollten uns nichts vormachen, einige Schüler werden bereits früher sexuell aktiv", erklärte Schulleiter Manfred Behrens, der das Engagement der Schüler lobte. Die Schule könne eine theoretische Aufklärung im Unterricht leisten: "Wir haben aber natürlich ein Auge darauf, dass die nicht als Wasserbomben benutzt werden."

Aufklärung im Fokus

Für Claudia Pick, Vorsitzende des Landeselternbeirates für Gymnasien, stehen weniger die Automaten im Vordergrund als die wichtige Aufklärung: "Kondome sind nicht nur Verhütungsmittel, sondern auch Infektionsschutz." Niemand würde heute eine Wunde ohne entsprechende Schutzhandschuhe versorgen. "Wichtiger ist, dass die Schüler wissen, woher sie Kondome bekommen können – ob das in Schulen gemacht wird, muss natürlich immer die Schulgemeinschaft für sich entscheiden."

Kondomautomat bekommt nach den Sommerferien festen Platz

"Wir wissen noch nicht ganz genau, wo wir den Automaten nach den Sommerferien im Oberstufenbereich aufstellen werden", sagte Schulleiter Behrens. Sicher aber nicht so auf dem Präsentierteller wie beim ersten in Poppenbüttel. Der bekam damals einen Platz in der Pausenhalle.

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