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Kiel Tod eines Kielers in Syrien: Das sagen die Eltern über ihren Sohn
Kiel Tod eines Kielers in Syrien: Das sagen die Eltern über ihren Sohn
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09:45 02.11.2019
Von Niklas Wieczorek
Kein Idyll, sondern Krieg: Schwer bewaffnet war Konstantin G. für kurdische Milizen im Einsatz. Quelle: Lefteris Pitarakis/Privat
Kiel

"Sein Herz ruht in Rojava." Das sagen zu können, wünschen sich die Eltern von Konstantin G. (24) aus Kiel. Eine Hoffnung, ihren Sohn im nordsyrischen Kurdengebiet beerdigen zu lassen, haben sie aber nicht. Denn seine Leiche wird wohl nie gefunden werden. Und doch muss seine Familie nunmehr davon ausgehen, dass Konstantin am 16. Oktober bei einem türkischen Luftangriff getötet wurde – in der Nähe der Stadt, die auf Kurdisch Sere Kaniye, auf Arabisch Ra’s al-’Ain heißt. 

Seine Eltern nennen ihn jetzt Konstantin und Andok

Seine Eltern haben unserer Redaktion etliche Fragen zu Konstantins Werdegang beantwortet. Darunter auch: Was hat ihn angetrieben und letztlich sein Leben gekostet? Im Laufe der drei Jahre, in denen sich Konstantin für kurdische Milizen und gegen den "IS" engagierte, haben sie versucht, ihn zu verstehen, Nachrichten von dort gebannt verfolgt. Auch sie nennen ihn jetzt Andok, sein kurdischer Name. Bevor er nach seinem letzten Aufenthalt in Kiel im März zuletzt ins Krisengebiet aufbrach, hatte er gesagt: "Daesh ist noch nicht besiegt." Daesh ist der arabische Name für den "Islamischen Staat". 

Wie die Eltern ihn beschreiben, überrascht: "Konstantin war kein sehr politischer Mensch, obwohl wir am Esstisch viel über Politik diskutiert haben." Doch von seinem "ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden" berichten sie. Könne man Frieden ohne Waffen schaffen, habe er gefragt – sich jedoch für den Weg nach Syrien entschlossen. Angaben des Kieler Kurdistan Solidaritätskomitees zufolge hatte er erst auf dem Weg dorthin seine Familie informiert. 

"Wir haben aus der elterlichen Sorge heraus lange mit seiner Entscheidung gehadert, sich freiwillig solchen Gefahren auszusetzen", heißt es von den Eltern. Konstantin habe die Etablierung der Demokratie unterstützen und den "IS" abwehren wollen. Er hatte in Syrien den Platz im Leben gefunden. "Sein Credo war eher: nicht zerreden, sondern machen", charakterisieren ihn die Eltern. Er war ein "Zupacker". In Schleswig-Holstein war er zum Landwirt ausgebildet worden, in Syrien trug er als Nachname Cotkar – Bauer. 

Eine Arte-Dokumentation zeigt ihn in seiner internationalen Einheit, in der er um ar-Raqqa/Reqa kämpfte und Verwundete versorgte. "Wenn ich nach Europa zurückkehre, freue ich mich darauf, meine Familie wiederzusehen, meine Freunde und auch meine ehemaligen Chefs. Und ich freue mich darauf, wieder als Landwirt zu arbeiten", sagte Konstantin G. darin. Das klingt weder, als würde er die Entscheidung bereuen – noch als wäre er aus Kiel vor etwas geflohen. 

Konstantin hatte im März das Sindschar-Gebirge an der irakisch-syrischen Grenze aufgesucht. Dort hatte er Kontakt aufgebaut zur YBS, einer jesidischen Bürgerwehr gegen den "IS". Als nach dem US-Abzug der türkische Angriff auf das Rojava-Gebiet in Nordsyrien begann, habe er sich freiwillig für die YPG gemeldet: "Er wusste, dass dieser Einsatz extrem gefährlich sein würde", so Konstantins Familie, "aber es war ihm wichtig, den Kurden beizustehen."

Konstantin G. wird eher als Mann der Tat beschrieben

Am vergangenen Donnerstag erreichten die Familie in Kiel erste Gerüchte, dass ein Deutscher ums Leben gekommen sei. Am Freitagabend wurde es für sie durch die kurdischen Meldungen zur Gewissheit, dass Konstantin mit vier anderen Aktivisten durch eine türkische Bombe auf einen Tunnel starb. Auf ein Begräbnis vor Ort wagen sie nicht zu hoffen, die Umstände machen es unmöglich. Offiziell bestätigen kann nicht einmal das Auswärtige Amt Konstantins Tod. Informationen fließen lediglich von Aktivisten vor Ort und ihren Ansprechpartnern in Kiel. Seither fragen sich die Eltern aber auch: "Wurde unser Sohn durch deutsche Bomben getötet?"

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Tatsächlich setzt das türkische Militär auch Gerät aus deutscher Produktion ein. Konstantins Eltern sind aufgebracht: "Deutschlands Passivität dem Anliegen der Kurden gegenüber, die mangelnde Unterstützung beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, das Aussitzen der Rückführung gefangener ,IS'-Kämpfer, das Hofieren der türkischen Regierung verstehen wir nicht. Wir sind zornig", erklären sie. Sie wollen den Bundestagsfraktionen Briefe mit Fotos ihres Sohnes schicken.

Zurückkehren wird Konstantin jetzt nicht mehr. Bis zum Beginn der türkischen Offensive hatten seine Eltern noch Besuchspläne gehegt, sie dann verworfen, waren aber mit ihm in Kontakt. Jetzt erfahren sie viel Zuspruch aus kurdischen Kreisen und werden zusammen in Kiel eine Trauerfeier organisieren – sie selbst bezeichnen Konstantins Leistung für demokratische Strukturen in der Region als "deutschen Wert", den Deutschland nicht zu schätzen wisse.

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