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Kiel Wenn der Platz im Heim arm macht
Kiel Wenn der Platz im Heim arm macht
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16:00 11.05.2019
Von Jördis Merle Früchtenicht
Wenn ein Mensch ins Pflegeheim zieht, muss er einen Eigenanteil zahlen. In Kiel liegt dieser Anteil im Durchschnitt bei 1785 Euro. (Symbolbild) Quelle: Christoph Schmidt
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Kiel

„Die 3000 Euro, die damals als Restersparnis geschützt waren, hat die Beerdigung gekostet“, erzählt Else Hohmann. Ihr Mann hatte Demenz, wurde von 2007 bis zu seinem Tod 2011 in Heimen gepflegt. Die Kosten für den Heimplatz zehrten die Ersparnisse des Ehepaares auf.

„Als mein Mann ins Heim kam, habe ich bereits erwartet, dass ich Grundsicherung brauchen würde. Das letzte halbe Jahr war es dann auch so.“ Das Beispiel der Hohmanns liegt zwar einige Zeit zurück – doch die Kosten für Pflege sind weiterhin oft eine große Belastung für die Angehörigen.

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In Kiel liegt der Eigenanteil bei durchschnittlich 1785 Euro

Wenn ein Mensch ins Pflegeheim zieht, muss er einen Eigenanteil zahlen, der sich unter anderem aus Beiträgen zur Pflege, für Verpflegung, Unterkunft und Investitionskosten zusammensetzt. In Kiel liegt dieser Anteil im Durchschnitt bei 1785 Euro. Reichen eigenes Einkommen, Rente und Vermögen nicht, muss der Ehepartner einspringen.

Sollten die Kosten auch dann nicht gedeckt sein, sind die Kinder unterhaltspflichtig. Wenn die Finanzierung nicht ausreicht, werden auf Antrag Leistungen zur Hilfe zur Pflege, quasi die Sozialhilfe für zu pflegende Menschen, gezahlt.

7319 Pflegebedürftige gibt es nach den aktuellsten Zahlen von 2017 in Kiel. Leistungen zur Hilfe zur Pflege erhielten nach Angaben des Amtes für Soziale Dienste im vergangenen Jahr 1645 Personen.

Else Hohmann musste Grundsicherung beantragen

Als die Ersparnisse – abgesehen von den 3000 Euro Schonvermögen – aufgezehrt waren, beantragte Hohmann für sich Grundsicherung im Alter und für ihren Mann Leistungen zur Hilfe zur Pflege. In der Zeit habe sie 365 Euro pro Monat gehabt – für alles außer der Miete. „Meinem Mann habe ich nichts von der finanziellen Lage gesagt“, so Hohmann. Er habe sich keine Sorgen machen sollen.

Für Freizeitaktivitäten war kein Geld da

„Manchmal blieben mir nur zwei, drei Euro pro Woche für Lebensmittel“, erzählt Hohmann. Sie habe ihr Portemonnaie aufgemacht und es sei nichts drin gewesen. Besonders schwierig für die Rentnerin war, dass sie viele ihrer Freizeitaktivitäten aufgeben musste.

„Ich hatte seit meiner Lehre ein Abo beim Staatstheater, das musste ich kündigen. Auch habe ich Einladungen von Freunden abgesagt.“ Sie habe nicht mit leeren Händen dastehen wollen, habe aber nicht einmal einen Blumenstrauß kaufen können.

Unterstützt wurde Hohmann in der Zeit nicht nur von ihren Kindern, sie ließ sich auch bei der Kieler Alzheimergesellschaft und der Beratungsstelle Demenz der AWO Kiel beraten. „Es wäre schön gewesen, wenn mir das erspart geblieben wäre, aber das war meine Bestimmung, meine Aufgabe. Ich habe das geschafft – mit der Hilfe.“

Frühzeitige Beratung ist wichtig

Man solle sich möglichst frühzeitig beraten lassen, sagt Arne Leisner, der Leiter des Amts für Soziale Dienste. Jede Situation sei anders. „Uns ist wichtig, sich nicht von Zahlen und Kosten abschrecken zu lassen, sondern das Gespräch und die Beratung zu suchen.“

Einem Rentner aus Kiel könnte der Weg zum Sozialamt bevorstehen

Der Schritt, sich an das Amt für Soziale Dienste wenden zu müssen, steht einem Rentner aus Kiel eventuell bevor. Seine Ehefrau lebt im Pflegeheim, bislang kann er die Kosten aus ihrer und seiner Rente finanzieren. Sollte der Eigenanteil allerdings weiter erhöht werden, könne es schwierig werden. „Es kommt auf die Summe an, eine geringe Erhöhung könnte ich durch die bevorstehende Rentenerhöhung und die Kündigung des Sportvereins ausgleichen. Aber wehe, die Preise steigen weiter.“

Der 78-Jährige spart, wo er kann

Als deutlich wurde, dass seine Frau aufgrund ihrer fortschreitenden Demenzerkrankung in ein Pflegeheim ziehen müsse, habe er überlegt, wo er sparen könne, so der 78-Jährige. „Ich bin ein Kopfmensch und habe sofort gerechnet. Ich habe etwa mein großes Auto verkauft und statt der Benzinschleuder einen kleineren, sparsameren Wagen angeschafft.“ Mit einem Haushaltsbuch behalte er die Übersicht über seine Ausgaben.

Nur mit dem Auto kann er seine Frau besuchen

Ein Auto brauche er, um seine Frau im Heim bei Rendsburg besuchen zu können. „Das Heim ist selbst dann günstiger als ein Platz in Kiel, wenn ich die Fahrtkosten hinzurechne.“ Er besuche seine Frau zweimal pro Woche, häufiger fahre er aufgrund der Benzinkosten nicht.

Eine erste Erhöhung des Eigenanteils habe er unter anderem durch Kündigung einer Zahnzusatzversicherung und den Wechsel des Stromanbieters ausgleichen können. „Jetzt habe ich aber kaum noch Möglichkeiten, weiter zu sparen.“

Beratungen gibt es bei verschiedenen Stellen

Wer Fragen zur Finanzierung der Heimunterbringung hat, kann sich an den Pflegestützpunkt im Amt für Soziale Dienste wenden, Tel. 0431 9013627, oder sich unter anderem von der Verbraucherzentrale oder der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen beraten lassen.

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