Kriminalpsychologin Lydia Benecke in Kiel: Das Böse steckt in uns allen
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13:12 25.10.2019
Von Karen Schwenke
Kriminalpsychologin Lydia Benecke (36) arbeitet in Köln. Sie therapiert Gewalt- und Sexualstraftäter. Außerdem schreibt sie Bücher und forscht zu den wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkten Persönlichkeitsstörungen, sexuelle Abweichungen, abergläubische Überzeugungen, Subkulturen und Sekten. Quelle: Manfred Esser
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Frau Benecke, Sie arbeiten mit Gewalt- und Sexualstraftätern. Welche Merkmale machen diese Menschen aus?

Lydia Benecke: Es gibt nicht eine Art von Merkmalen. Die sind zum Teil komplett gegensätzlich. Es gibt Täter, die haben eine normale Gewissensinstanz, sie rechtfertigen die Taten aber durch kognitive Verzerrungen, also mit Gedankenausreden vor sich selbst. Andere Täter haben hingegen kein Gewissen, ihnen ist es völlig egal, wenn sie anderen schaden. Das ist ein Beispiel von vielen, das zeigt: Es gibt nicht den Straftäter.

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Steckt denn in jedem von uns eine böse, dunkle Seite?

Ja, jeder von uns ist zu unsozialen Handlungen fähig. Wenn Sie sich beispielsweise krankmelden, weil Sie am Abend zuvor zu lange gefeiert haben, müssen die Kollegen Ihre Arbeit erledigen, Sie selbst sagen sich aber, dass auch die anderen mal krank machen, dass Sie sich die Auszeit ja schließlich verdient haben. Also: Auch der normale Mensch rechtfertigt seine unsozialen Handlungen vor sich selbst. Kaum einer würde sagen: Ich tue das, weil ich ein Arsch bin. Genau so funktioniert das bei Straftätern auch, nur, dass die Konsequenzen für die Mitmenschen viel gravierender sind.

Ist es theoretisch möglich, dass jeder psychisch gesunde Durchschnittsbürger zum Mörder wird?

In der Forschung heißt es, dass man jeden Menschen dazu bringen könnte, jemanden zu töten. Viele sagen zum Beispiel, wenn einer meine Familie bedroht und meinem Kind eine Waffe an den Kopf hält, würde ich nicht zögern, den zu erschießen. Diese Notwehrsituation zeigt, dass es nicht nur von der Persönlichkeit, sondern auch von der Situation abhängt, ob jemand tötet.

Vor 200 Jahren gab es beispielsweise viel mehr Giftmorde an Ehemännern, weil Frauen sich früher nicht so leicht scheiden lassen konnten. Wären diese Ehefrauen 200 Jahre später geboren, würden sie diese Entscheidung nicht treffen und vielleicht sogar von sich behaupten, sie könnten niemals jemanden töten.

Zur Person

Zur Person: Lydia Benecke

Lydia Benecke (geboren 1982 in Polen) studierte an der Ruhr-Universität Bochum Psychologie, Psychopathologie und Forensik. Ihre Diplomarbeit schrieb sie zum Thema „Ist das Persönlichkeitskonstrukt ‚Experience Seeking‘ bei Sadomasochisten stärker ausgeprägt als bei Nicht-Sadomasochisten?“. Später arbeitete die selbstständige Kriminalpsychologin therapeutisch mit Sexual- und Gewaltstraftätern.

Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Paraphilien, Persönlichkeitsstörungen (vor allem Psychopathie, Dissoziale Persönlichkeitsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung), Traumastörungen, abergläubische Überzeugungen, Subkulturen (vor allem BDSM-Szene, Schwarze Szene, Gothic-Kultur, Vampir-Subkultur) sowie Sekten.

Mit welchen Persönlichkeitseigenschaften wird ein Mord wahrscheinlicher?

Wenn jemand mehr Eigenschaften hat, die man im Volksmund als egoistisch bezeichnen würde. Die unglückliche Ehefrau vor 200 Jahren hätte sich dann vielleicht gesagt: ,Der Typ trinkt, der macht Schulden, es ist für uns alle das Beste, wenn der stirbt.‘ Je weniger Mitgefühl, Schuldgefühl und Angst vor Strafe – das sind die emotionale Hemmmechanismen – vorhanden sind, umso leichter fällt es, unsoziale Handlungen zu begehen.

Sie haben sich intensiv mit Psychopathen beschäftigt. Sind Verbrecher, die sehr schwere Straftaten begehen, oft psychopathisch?

Nein, das ist wissenschaftlich falsch. Die allermeisten schweren Straftaten werden nicht von Psychopathen begangen. Und: Die meisten Menschen mit psychopathischen Eigenschaften werden nicht zu Mördern.

Psychopathie ist ja auch keine psychiatrische Diagnose, keine Erkrankung?

Genau. Sie ist in der heutigen Form bekannt durch die „Psychopathy Checkliste“ aus den 70ern, die wiederum auf Konzepte aus den 1940ern zurückgeht. Die Checkliste war ursprünglich nur für Strafgefangene gedacht, um besonders rückfallgefährdete und schwer resozialisierbare Straftäter zu identifizieren.

Psychopathen sind Menschen mit einer Mischung an Risikoeigenschaften, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sich unsozial zu verhalten. Heutzutage gibt es den Versuch, diese Risikoeigenschaften auch in der Allgemeinbevölkerung zu finden. Da gibt es viele Thesen, eine ist, dass es Berufsgruppen geben könnte, bei denen sich diese Eigenschaften nutzen lassen könnten, etwa bei Managern, Anwälten oder Journalisten. Dabei gibt es sechs Kerneigenschaften: Verminderung von Mitgefühl, Schuldgefühl und Angst, bei einem gleichzeitig starken Bedürfnis nach Kicks, nach Selbstaufwertung und Abwechslung.

Zu den Eigenschaften eines Psychopathen gehören ja auch eine ausgeprägte Risikobereitschaft, Rücksichtslosigkeit und eine narzisstische Neigung. Diese sind doch sicherlich auch in den Führungsetagen und in der Politik häufiger anzutreffen.

Es gibt verschiedene Forscher, die das für wahrscheinlich halten. Auf jeden Fall finden sie in Führungspositionen und in der Politik häufiger narzisstische Persönlichkeiten. Aber ein Narzisst allein macht noch keinen Psychopathen. Interessant ist, wie Betroffene damit umgehen. Sie denken oft, alle anderen sind das Problem und nicht sie selbst, sie würden sagen: Helfen Sie mir, lieber Therapeut, damit umzugehen, dass alle Menschen in meiner Umgebung dumm und unfähig sind.

Ihr Thema, über das Sie in Kiel sprechen werden, sind Psychopathinnen. Was unterscheidet sie von männlichen Psychopathen?

Lange hat man gedacht, es gebe kaum weibliche psychopathische Täter. Das war ein Fehler. Frauen gehen nur anders vor: Sie fallen in ihren Vorstrafen eher durch Betrugsdelikte auf, Männer hingegen etwa durch Körperverletzungen, Raubüberfälle und Sexualdelikte.

Was auffällt: Männer sind oft sehr charmant, aber dabei in der dominanten, maskulinen Haltung, während Frauen häufiger in der Helfer- oder/und in der Hilfsbedürftigen-Rolle auftreten. Das heißt, die Psychopathen nutzen Geschlechterstereotype, die sie in ihrer Entwicklungsgeschichte gelernt haben.

Viele Menschen sind fasziniert von Psychopathen, von Gewalt und Kriminalität. Sie selbst beschäftigen sich seit Ihrer Kindheit mit den Themen. Außerdem sind Sie bekennender Grufti, also in der Gothic-Szene und tragen gerne Schwarz. Wie erklären Sie sich Ihr ausgeprägtes Interesse für die dunkle Seite?

Ich setze mich damit auseinander, dass die Welt gute und schlechte Seiten hat. Die Welt ist differenziert und ich liebe Differenzierungen. Man kann nur etwas verbessern, indem man sich damit auseinandersetzt. Durch Verleugnung ändert man nichts – das meinte schon Johnny Cash, der seine Vorliebe für schwarze Kleidung im Lied ,Man in Black’ erklärte.

Ich arbeite im Gefängnis mit Gewaltstraftätern und therapiere in einer Ambulanz Sexualstraftäter. Auch hier ist meine Erfahrung: Die Täter haben Licht- und Schattenseiten. Es gibt keinen Menschen, der nur abgrundtief böse ist. Das ist das Gruselige: Man muss akzeptieren, dass in allen Menschen alles drin ist – in verschiedenen Mischungen.

Veranstaltungshinweis

Lydia Benecke hält am Freitag, 24.10.2019, um 20 Uhr in der Kieler Halle 400 einen Vortrag zu ihrem Bestseller „Psychopathinnen“.

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