Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kiel Gewalt und Drogen in Flüchtlingsheim
Kiel Gewalt und Drogen in Flüchtlingsheim
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:23 16.11.2018
Von Karen Schwenke
Über Probleme in der Gemeinschaftsunterkunft an der Arkonastraße berichteten ein Flüchtling und seine Helferin. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

„Die Sanitäranlagen sind verdreckt und hygienisch gesehen eine Katastrophe“, die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin fand in einem Brief an die Redaktion deutliche Worte. „Es kommt zwar regelmäßig ein Putzdienst, aber was die dort machen, weiß ich nicht. Es gibt Probleme mit Haschisch konsumierenden Bewohnern, die Kinder bekommen alles mit. Ein weiteres Problem ist die laute Musik. Belästigung Minderjähriger gab es auch schon. Für jede Familie, egal wie groß, gibt es nur noch ein Zimmer. Die Kinder haben keine Ruhe und sind nicht fit.“ Die Ehrenamtlerin, sie hat selbst eine Familie mit kleineren Kindern, kümmert sich intensiv um die syrische Flüchtlingsfamilie von Mohammad Balout. Vor zwei Jahren ist er mit seinen Geschwister und einem kleinen Neffen bis nach Kiel geflohen.

Bewohner sorgt sich wegen Bakterien und Gewalt

Bei dem Treffen mit Vertretern der Stadtverwaltung als Hausherr und der Diakonie Altholstein, die vor Ort für die Unterkunft zuständig ist, konkretisierte Balout die Vorwürfe. Die Leiterin der Unterkunft habe er mehrfach auf die verdreckten Toiletten angesprochen, doch sie habe das Problem nicht gelöst. Durch die Bakterien seien seine Schwestern mehrfach erkrankt.

Besonders sorge er sich um seinen 17-jährigen Bruder, der als guter Schüler nach Deutschland kam, inzwischen aber nicht mehr zur Schule gehe, bis 12 Uhr schlafe, rauche und kiffe. Die vielen alleinstehenden jungen Männer in der Unterkunft hätte diesen schlechten Einfluss auf ihn. „Die Männer nehmen Drogen, dealen und gehen mit Messern auf Leute los.“ Er selbst sei angegriffen worden, ohne dass er den Grund kenne. Man habe ihm eine Flasche an den Kopf geschlagen, Polizei und Krankenwagen wurden gerufen, und er musste im Krankenhaus genäht werden. Das sei ein Konflikt gewesen, wie er in der Einrichtung häufiger vorkomme, schildert der 25-Jährige.

Aus polizeilicher Sicht ist die Unterkunft „nicht auffälliger als andere“: Es gebe „alltägliche Einsätze“, heißt es seitens der Polizei. Von Januar bis September sei sie in zwölf Fällen wegen Körperverletzung, bei acht Streitigkeiten und je zwei Ruhestörungen und Delikten in Bezug auf Betäubungsmittel dort im Einsatz gewesen.

Konflikte und Cannabis  in der Unterkunft

Diakonie-Sprecherin Christine Noack berichtete von einem Wandel in der Unterkunft: „Weil viele Bewohner merken, dass es für sie überhaupt nicht vorangeht, entsteht Frust, psychische Erkrankungen brechen vermehrt aus, und letztlich hängt eine Gruppe von jungen Männern, quer durch alle Nationalitäten, dem Cannabis-Konsum an. Bei der Gemengelage funktioniert das Zusammenleben nicht wie beispielsweise in einem Seniorenwohnheim.“

Wachdienstleiter Niklas Nowak von der Sicherheitsfirma Stolzenburg erklärte, dass die Nachtruhe ab 22 Uhr größtenteils eingehalten werde. „Hin und wieder kommt es zu körperlichen Auseinandersetzungen unter Bewohnern: Auch Drogen und Cannabis sind ein Thema. Nicht im ganzen Haus, aber in einigen Zimmer riecht es stark, trotz des Rauchverbots. Man kann dagegen nicht viel tun.“

Druck auf dem Wohnungsmarkt

Mohammad Balout berichtet, dass er gern eine Wohnung mieten würde, aber nur eine bekommen könnte, wenn er einem Vermittler 3000 Euro zahlen würde. „Es gibt diese Vorwürfe, dass sich bestimmte Wohnungsbaugesellschaften schmieren lassen“, bestätigte Anita Lex, Leiterin der Abteilung Wohnungs- und Unterkunftssicherung. „Aber, wenn man Flüchtlinge fragt, wer das denn war, nennen sie keine Namen.“

Ihrer Meinung nach sei es das große Problem in Kiel, dass die wenigsten Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften in absehbarer Zeit Wohnungen finden. „Selbst, wenn wir es wollten, würden wir nicht für alle eine Wohnung finden“, sagt Lex. „Denn wir sind als Stadt auch für andere zuständig: für Studenten und für normale Wohnungslose. Es herrscht ein unglaublicher Druck und eine Neid-Diskussion.“

 Gemeinschaftsunterkunft "kein Full-Service-Hotel“

Die Vertreter der Stadt und der Diakonie äußerten Verständnis für die Sorgen von Mohammad Balout, können aber nicht alle Probleme bestätigen. Sie machten auch deutlich, dass sie „die Lebensbedingungen nur im Rahmen der Notunterkunft verbessern können. Es ist kein Hotel mit Full-Service.“ Auf die Themen Reinigung und Drogen würde allerdings gezielt geschaut.

An Lösungen wird gearbeitet

Seit der ersten Kritik hat sich aus Sicht der ehrenamtlichen Betreuerin von Mohammad Balout die Lage in der Unterkunft nun leicht verbessert: Es sei etwas ruhiger geworden, weniger Lärm und Drogen. Gereinigt werde, aber längst nicht optimal.

Die Lage der Familie Balout habe sich „grundsätzlich jedoch noch nicht geändert“, so der Stand am Donnerstag. Die Diakonie Altholstein, die vor Ort für die Unterkunft zuständig ist, lässt über die aktuelle Situation mitteilen: „Wir nehmen die Vorwürfe weiter sehr ernst und sind selbstverständlich weiter in Gesprächen.“

Weitere Nachrichten aus Kiel finden Sie hier.

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Abfallgebühren in Kiel sollen steigen. So sieht es der Wirtschaftsplan des ABK (Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel) vor, der am 28. November dem Wirtschaftsausschuss vorgelegt werden soll. Neben Erhöhungen bei Bioabfall und Papier soll nach zwölf Jahren auch der Restmüll wieder teurer werden.

Niklas Wieczorek 16.11.2018

Brand in der Gemeinschaftsküche: In einem Studentenwohnheim in der Johann-Fleck-Straße kam es zu einem Feuer. Drei Personen befanden sich noch im Gebäude. Der Schaden am Haus ist beachtlich.

Frank Behling 16.11.2018

Nach dem verpatzten Auftakt in die Rückrunde der Fußball-Verbandsliga Ost muss Rot-Schwarz im Heimspiel gegen den MTV Dänischenhagen zeigen, wie es die 2:5-Schlappe gegen den TSV Plön verdaut hat. Auch Spitzenreiter SVE Comet Kiel muss sich in Dobersdorf auf einen kampfstarken Gegner einstellen.

16.11.2018