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Kiel Liebesschwindler muss nicht in den Knast
Kiel Liebesschwindler muss nicht in den Knast
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07:00 05.06.2019
Von Thomas Geyer
Foto: Am Dienstag wandelte eine Berufungskammer des Kieler Landgerichts die 21-monatige Haftstrafe gegen einen Betrüger in eine mildere Bewährungsstrafe um.
Am Dienstag wandelte eine Berufungskammer des Kieler Landgerichts die 21-monatige Haftstrafe gegen einen Betrüger in eine mildere Bewährungsstrafe um. Quelle: Carsten Rehder
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Kiel

Wenn der Angeklagte (24) während der dreijährigen Bewährungszeit monatlich 60 Euro an die Geschädigte zurückzahlt, bleibt ihm die Verbüßung von eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe erspart. Auf freiem Fuß könne der geständige Gastronomie-Mitarbeiter den Schaden leichter wieder gutmachen als im Strafvollzug, hieß es in der Urteilsbegründung.

Täter und Opfer lernten beide im Hotel

Täter und Opfer hatten sich im Sommer 2015 in einem Vier-Sterne-Hotel an der Kieler Förde kennengelernt. Sie lernte Hotelfachfrau, er lernte Koch. „Irgendwann fragte er mich nach meiner Handynummer“, berichtete die junge Frau später. Bald habe der Angeklagte offiziell um ihr Ja-Wort zu einer festen Beziehung gebeten. „Ich war verliebt“, sagt die Zeugin.

Sie glaubte an eine gemeinsame Zukunft. Und an die Lügengeschichten, die der Traumprinz nun reihenweise auftischte. Es begann mit dem Drama vom Tod seiner Großmutter. Zu ihrer Beerdigung wollte angeblich die ganze vor Saddam Hussein nach Deutschland geflüchtete Familie in den Irak fliegen. 10.000 Euro machte die 18-Jährige dafür locker. Dass die Oma schon seit Jahren tot war, erfuhr sie erst später.

Sie glaubte ihm seine Lügengeschichten

Zwar verdiente die Auszubildende selbst nur 450 Euro im Monat. Doch seit ihrem 18. Geburtstag verfügte sie über 16.000 Euro: Von ihrer Geburt an hatten die Eltern regelmäßig etwas beiseite gelegt – „für den Führerschein, für ein Auto“. Dazu kamen 4000 Euro eigene Ersparnisse. Das alles und mehr floss in die Taschen des Angeklagten, der „immer unter Druck“ stand.

So berichtete der Angeklagte von hohen Schulden bei diversen Gläubigern, die ihm auflauerten und Geld forderten. Wiederholt stellte er sich als Opfer von Räubern oder Dieben dar. Dringend Geld benötigte er auch nach angeblichen Autounfällen und für weite Reisen zu Behörden, die ihm endlich seinen deutschen Pass aushändigen sollten. Die Geschädigte tat alles für sein Bleiberecht.

Geschädigte heftete alle Belege akribisch ab

Und für seine Weiterbildung: Nachdem der angehende Koch seine Lehre im Hotel abgebrochen hatte, brauchte er angeblich Geld für die Ausbildung zum Security-Fachmann und für eine Dienstuniform. Tatsächlich bekam er einfach so einen Job bei einem Sicherheitsdienst, der unter anderem in Bad Segeberg das DAK-Tagungszentrum bewachen sollte.

Nach Aussage seines damaligen Chefs vergnügte sich der neue „Objektschützer“ dort im Wellness-Bereich und legte sich in die Sauna statt vorschriftsmäßig Patrouille zu laufen. Die elektronischen Kontrollpunkte, die der Wachmann auf jedem Rundgang abscannen musste, baute er ab und deponierte sie im Aufenthaltsraum. So konnte er bequem im Sitzen Mobilität vortäuschen: Auf dem Posten war er nur noch virtuell. Nach seinem Rausschmiss kassierte er 2300 Euro Abfindung. Seiner Freundin spiegelte er dagegen vor, er bekomme nicht mal seinen Lohn.

Im Strafverfahren wurde dem Betrüger zum Verhängnis, dass die Geschädigte alle Überweisungsbelege für mehr als 50 Darlehen fein säuberlich abgeheftet hatte. Auch die Whatsapp-Protokolle seiner Geldforderungen hat sie dokumentiert. „Sorry Schatz, habe mit dem Auto einen Unfall gemacht“, heißt es da. Oder „Hallo Schatz, schick mal schnell 350 Euro – ganz schnell, ist wichtig.“

Eltern hielten sich mit ihrer Skepsis zurück

Die Eltern unterstützten damals ihre Tochter und hielten sich mit ihrer Skepsis zurück. Das Auftreten des künftigen Schwiegersohns empfanden sie als „sehr gebildet und zuvorkommend“. Fast 5000 Euro investierten sie in das Glück ihres Kindes. Danach stand die Familie finanziell ganz unten und musste selbst einen Kredit aufnehmen.

Im Dezember 2017 einigte man sich in einem Zivilprozess auf einen Vergleich: Wenn der wegen seiner Sportwetten-Leidenschaft verschuldete Angeklagte jährlich 2000 Euro überweist, braucht er insgesamt nur 16 000 Euro zurückzahlen. Andernfalls wird – theoretisch – die volle Summe fällig. Bisher hat der Angeklagte gerade mal 400 Euro überwiesen – unmittelbar vor dem Berufungsprozess.

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