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Kiel Fairtrade-Bälle im Sportunterricht
Kiel Fairtrade-Bälle im Sportunterricht
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08:00 26.05.2019
Von Sebastian Ernst
Freuen sich über Fairtrade-Bälle im Sportunterricht (v.li.): Liwe Bayer (17), Sportlehrer Moritz Landes, Sina Dreßler (17), Sportlehrerin Hanna Jensen, Karsten Oelmann, Vorsitzender des Fördervereins der Lernwerft, und Moritz Lauf (17). Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Darüber, dass für die Bälle, die sie im Sportunterricht nutzen, die Arbeiter ausgebeutet wurden, müssen sich die Schüler der Lernwerft keine Gedanken mehr machen. Seit Ende 2018 werden in der Turnhalle der Schule nur noch fair hergestellte Bälle verwendet. Der Impuls dazu kam von Lehrer Gerrit Südecum. Er war im vergangenen Jahr Sportfachschaftsleiter bei der Club-of-Rome-Schule. „Wir Sportlehrer haben die Vorbildfunktion in Sachen Fairplay auf dem Platz“, sagt er. „Und Bälle, für die Arbeiter ausgenutzt werden, sind nicht fair.“ Er habe sich damals auf die Suche nach einem Hersteller für Fairtrade-Bälle begeben. Fündig wurde er in Nürnberg bei der Bad Boyz Ballfabrik von Robert Weber, wo Südecum 90 Bälle bestellt hat.

Die Welthauptstadt der Ballproduktion

Das Familienunternehmen verkauft individuell gestaltete Fuß-, Hand-, Volley- und Futsalbälle – hergestellt nach Fairtrade-Richtlinien. Auch die Bad Boyz Ballfabrik produziert ihre Bälle in Pakistan. Genauer gesagt in Sialkot im Nordosten des Landes. Die 655 000-Einwohner-Stadt gilt als Welthauptstadt der Ballproduktion. Zwischen 40 und 60 Millionen Bälle werden dort im Jahr hergestellt. Auch wenn Kinderarbeit durch Druck aus dem Westen und scharfe Kontrollen seit knapp zehn Jahren in der Ballindustrie kaum noch eine Rolle spielt, sind die Arbeitsbedingungen für die Näher häufig schlecht. In engen Produktionsräumen ohne Fenster oder unter freiem Himmel sitzen die Arbeiter auf dem Boden. Häufig gibt es keine Toiletten. „Mittelalterlich“ nennt Weber diese Arbeitsplätze. „In Sialkot gibt es ungefähr 700 Ball-Hersteller“, sagt Weber. „Nur sieben davon sind Fairtrade-zertifiziert.“

Weitere Leistungen für Mitarbeiter

„Der Hersteller bekommt von uns seinen Einkaufspreis, der meist 15 bis 30 Prozent über dem normalen Marktpreis liegt“, sagt Weber. „Außerdem zahlen wir zusätzlich eine Fairtrade-Prämie von 15 Prozent.“ Davon gehen zehn Prozent auf ein Betriebsratskonto. „Die Arbeiter dürfen selbst bestimmen, was mit diesem Geld gemacht werden soll“, erklärt Weber.  Außerdem gibt es weitere Leistungen für die Mitarbeiter: Arbeiter mit Kindern bekommen Schulmaterialien, es werden Energiesparlampen verteilt und verschiedene Seminare und medizinische Untersuchungen angeboten. 

Höhere Standards angesetzt

„Darüber hinaus gibt es sehr exakte Vorstellungen über die Bedingungen am Arbeitsplatz“, sagt Weber, der selbst immer wieder nach Pakistan reist.  In den Produktionsräumen gibt es Klima- und Abluftanlagen, ausreichend Platz und Licht. Qualitäts- und Sicherheitsvorgaben orientieren sich an deutschen ISO-Normen. Bezüglich des Lohns gebe es keine klaren Fairtrade-Richtlinien.  „Trotzdem ist es so, dass unsere Hersteller deutlich über dem Durchschnittsniveau zahlen.“ So bekomme ein Arbeiter in der pakistanischen Ballindustrie monatlich umgerechnet 120 bis 150 Euro, die Zulieferer für Bad Boyz zahlen 190 bis 250 Euro. Davon könne man in Pakistan seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Freude über das Engagement

An der Lernwerft freut man sich über dieses Engagement. „Club of Rome basiert auf dem Gedanken der Nachhaltigkeit“, sagt Moritz Landes, einer von Südecums Nachfolgern als Sportfachschaftsleiter. „Die Bälle passen also sehr gut in unser Konzept.“ Auch den Schülern gefallen die Bälle. „Sie sehen sehr gut aus, weil sie weiß sind und mit unserem Logo bedruckt sind“, sagt die 17-jährige Sina Dreßler. „Die Bälle zeigen, dass nachhaltig nicht unbedingt ohne Plastik oder aus Hanf heißt“, fügt Moritz Lauf (17) hinzu. An der Finanzierung der Bälle hat sich der Förderverein der Schule mit 3000 Euro beteiligt. „Fairtrade-Bälle sind erheblich teurer“, sagt Karsten Oelmann, Vorsitzender des Fördervereins. „Aber wir wollten den Gedanken der Nachhaltigkeit in den Sportunterricht weitertragen.“

Idee soll weitergetragen werden

Weitergetragen werden soll auch die Idee von den fairen Sportgeräten. Südecum, mittlerweile Lehrer an der Gemeinschaftsschule Nortorf, will auch dort Bälle von Webers Firma einsetzen. Außerdem wünscht er sich, dass weitere Schulen auf Fairtrade umsteigen. Am besten flächendeckend, wie in Berlin, wo alle Schulen seit März 2019 fair gehandelte Bälle vom Landesverwaltungsamt beziehen können. „Um so etwas auch in Schleswig-Holstein umsetzen zu können, bräuchten wir aber Unterstützung aus der Politik“, sagt Südecum. 

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