Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Marine setzt Suche in Kieler Bucht fort
Kiel Marine setzt Suche in Kieler Bucht fort
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:19 02.03.2015
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
In der Kieler Förde sucht die Marine Munition aus dem zweiten Weltkrieg. Quelle: Deutsche Marine (Archiv)
Kiel

Auf dem Grund der Kieler Bucht ist der Zweite Weltkrieg auch nach 70 Jahren noch allgegenwärtig. 4000 englische Grundminen wurden damals in die Kieler Bucht abgeworfen. „Wir gehen davon aus, dass dort noch rund 800 scharfe liegen“, sagt der Vorsitzende des Bund/Länder-Expertenkreises „Munition im Meer“, Jens Sternheim. Er ist mit dabei, als ein Nato-Marineverband mit fünf Schiffen aus Deutschland, Belgien, Großbritannien und Polen bei Schietwetter mit Regen und Hagel am Montag hinausfährt, um in einem insgesamt rund 18 Quadratkilometer großen Gebiet vor dem Eingang der Kieler Förde die in der Vorwoche begonnene Suche nach Munition fortzusetzen.

Hier ist das besonders wichtig, wird doch die Kieler Förde jährlich von 40000 Schiffen befahren. 183 verdächtige Gegenstände wurden in der vorigen Woche von Mittwoch bis Freitag nahe des Kieler Leuchtturms aufgespürt, in 24 Fällen wurde Sprengstoff nachgewiesen. 14 Grundminen, 4 Fliegerbomben, 1 Torpedo und eine Kiste mit Munition waren dabei. Bis zu 1000 Kilo Sprengstoff kann eine Grundmine haben. „Sie sind gefährlich“, sagt Fregattenkapitän Peter Bergen Henegouwen draußen auf der Förde an Bord des Führungsschiffs, des deutschen Tenders „Donau“. Bis Dienstag wollen die Marineeinheiten weitere Kriegsmunition aufspüren.

Der niederländische Fregattenkapitän Bergen Henegouwen ist der Verbandsführer. Er lobt die Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden. Schifffahrtsverwaltung, Landeskriminalamt, Umweltministerium, Wasserschutzpolizei und Kampfmittelräumdienst sind mit im Boot. Letzterer ist offiziell zuständig dafür, die Minen und Bomben unschädlich zu machen. Weil er dafür aber keine ausreichenden maritimen Kapazitäten hat, springt die Marine zwischen ihren Nato-Einsätzen ein. Formale Grundlage auf Basis des Grundgesetzes ist ein Amtshilfeersuchen des Landesinnenministeriums.

Um 9.10 Uhr legt die „Donau“ an diesem ungemütlichen Montag im Marinestützpunkt ab, wo auch das Schulschiff „Gorch Fock“ festgemacht ist. Auf dem anderen Förde-Ufer steht das Kieler Kohlekraftwerk, wo gerade wieder eine Weltkriegsbombe gefunden wurde. Am Dienstagnachmittag soll sie entschärft werden.

Mit Sonartechnik und der Flächensuchdrohne „Remus“ spüren Experten verdächtige Gegenstände im Meer auf; Taucher, und Unterwasserdrohnen namens „Seefuchs“ kommen zum Einsatz, um sie zu identifizieren. Die in orange markierten „Seefüchse“ vom Typ „India“ sind reine Identifikationsdrohnen — sie stellen genau fest, was da Sonar und „Remus“ ausfindig gemacht haben.

Die „Seefüchse“ der Marke „Charlie“ sind Einweg-Drohnen: Sie tragen Sprengstoff, mit dem sie Minen sprengen. Bei dieser Aktion in der Kieler Bucht dürfen sie das nicht, aus Umweltgründen, wie Fregattenkapitän Fritz-Rüdiger Klocke an Bord des Minensuchers „Auerbach“ erläutert. Der Umstieg des Journalistentrosses an diesem Montag von der „Donau“ auf die „Auerbach“ klappt bei Wellengang und diesem miesen Wetter erst im zweiten Versuch.

Am Montagvormittag wollten Minentaucher runter auf den Meeresboden, aber der Wellengang war bei Windstärke 6 zu hoch. Sind die Taucher in dieser Jahreszeit unten, haben sie unter Wasser gute Sicht, so um die zehn Meter. Im Sommer ist es viel schlechter, manchmal bleibt nur ein halber Meter.

In der Kieler Bucht gefundene Minen werden zunächst mit Bojen markiert. „Dann gucken wir uns genauer an, was es ist“, sagt Oliver Kinast vom Kampfmittelräumdienst. Die in der Kieler Bucht entdeckten Grundminen werden in der Regel unter Wasser entschärft und dann in eine Versenkungsgebiet nordöstlich von Laboe gebracht. Bomben werden gehoben und kommen ins Bombenlager in Groß Nordsee westlich von Kiel.

In der Kieler Bucht ist noch viel gefährliche Munition — sie unschädlich zu machen, wird noch viele Jahre dauern. Anderswo ist das ähnlich: Nächste Woche wechselt der kleine Nato-Verband zur weiteren Minensuche in der Nordsee vor die niederländische Küste. Später geht es nach Frankreich und Estland.