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Kiel Udo Radtke: "Primark ist gerne der Notnagel"
Kiel Udo Radtke: "Primark ist gerne der Notnagel"
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18:11 27.08.2019
Von Niklas Wieczorek
Udo Radtke ist Teamleiter für Standortforschung im Geomarketing der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Hamburg. Er kommt aus Preetz und kennt Kiel bestens. Quelle: Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)
Kiel

Selbst wenn nicht alle umgebenden Geschäfte dazu passen, könnten sich Primark und der Holsten-Fleet gegenseitig beflügeln. Die Kritik an Primark spiele für die Kunden weniger eine Rolle. Die Stadt müsse sich aber um den Standort auch nach den Fertigstellungen weiter kümmern.

Herr Radtke, was macht Primark mit einer Innenstadt?

Das kommt ganz auf das Umfeld an und wie stark der Einzelhandel dort ist. Primark geht einerseits gerne als starker Kundenmagnet in Shopping-Center, aber auch in die Innenstädte – hat aber zuletzt in Wuppertal auch schon kleiner als ursprünglich geplant eröffnet, aufgrund der nicht ganz so günstigen Markt-Entwicklung in Deutschland. In Kiel dagegen wird Primark, wenn es bei den klassischen 8000 Quadratmetern bleibt, schon etwas bewegen. Der Discounter ist gerne der Notnagel, wenn ein schwächerer Standort aufpoliert und mit mehr Frequenz versehen werden soll. Das ist auch in Kiel zu erwarten.

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Wie sehen Sie denn die Situation in Kiel?

In Kiel ist die Holstenstraße eine sehr lange Einkaufsachse; und Sophienhof-Karstadt bilden ganz klar das einzelhändlerische Schwergewicht der Innenstadt, mit einem schwächeren Gegenpol in der oberen Holstenstraße. Die Holstenstraße hatte daher in ihrer Länge oft gewisse Schwierigkeiten. Da fehlten immer die großen Magneten. Die Straße ist dadurch in ihrer Funktionalität als Verbindung auseinandergerissen.

Wie konnte es dazu kommen?

Ich war damals an der planerischen Umsetzung der Citti-Park-Erweiterung beteiligt: Das wird der Stadt Kiel als Gegengewicht zum Ostseepark guttun, war unser Fazit: Aber verliert die Innenstadt nicht aus den Augen und stärkt die mittlere Holstenstraße, haben wir gewarnt. Da könnte eine Lücke entstehen. Die Planung der Rathausgalerie scheiterte dann – und eine Stärkung der Mitte gibt es bis heute nicht. Ein Magnet wie Primark kann jetzt ein Punkt für mehr Attraktivität sein.

Wen zieht Primark denn an? Passt der Standort in Kiel?

In der Hinsicht mit Nachbarn wie Meislahn oder dem Juwelier Mahlberg passt es nicht ganz so. Das Primark-Publikum ist tendenziell jung, sicher preisorientiert – im Fokus steht, Mode für einen geringen Preis zu kaufen. Primark ergänzt sich sehr gut mit einer Nachbarschaft wie Decathlon oder TK Maxx, der ja auch nicht weit weg ist. Decathlon kommt ja immerhin als kleine Filiale in die Innenstadt.

Hat die bekannte Kritik an Primark darauf Auswirkungen, wie es angenommen wird?

Es gibt immer wieder Proteste bei Eröffnungen. Primark selbst gibt an, sehr viel Wert auf faire Arbeitsbedingungen und Lieferanten zu legen. Aber zu kontrollieren ist das kaum. Viele sprechen von "Junk Fashion". Themen wie Klimaschutz, Plastikmüll und Nachhaltigkeit könnten Primark in Zukunft Umsatz nehmen. Im Moment ist das Limit aber eher durch die eigene Expansion gesetzt. Mit 30 Filialen in Deutschland ist das Wachstum proportional zur Fläche am Ende. Jetzt kannibalisiert sich Primark mit jedem neuen Standort selbst.

Vor Primark soll das Holsten-Fleet Aufenthaltsqualität schaffen. Ist das coole Cappuccino-Café kompatibel mit Primark?

Das schließt einander nicht aus. Primark-Kunden sind vielleicht eher an Fast-Food oder Burgern interessiert – diese Gastronomie funktioniert in dem Umfeld bereits sehr gut. Das beim Shopping gesparte Geld landet dann dort. Man setzt jetzt den Bootshafen sinnvoll fort, der bisher zu isoliert war. Die städtebauliche Aufwertung kann den Einzelhandel stärken, auch mehr Touristen bringen. Es kommen ja auch einige Hotels. Das kann Qualität und Frequenz bringen. Primark selbst könnte bis zu 6500 Kunden täglich anziehen, davon bis zur Hälfte Neukunden – ein nennenswerter Frequenzeffekt.

Was passiert in der weiteren Innenstadt: Profitieren auch Kehden- oder Dänische Straße?

Meine Vermutung ist, dass die Wirkung erst einmal lokal bleibt. Die Randbereiche profitieren nicht. Der Online-Handel fordert zusätzlich heraus. Die Nebenlagen werden es künftig noch schwerer haben. Wo kritische Masse fehlt, wird also noch mehr Leerstand entstehen. Günstigere Mieten in der Holstenstraße wären eine Lösung, attraktive Einzelhändler aus den Nebenlagen in die Hauptlagen zu holen. Wenn die Eigentümer mitspielen und auf einen gesunden Branchen-Mix achten, kann sich auch die erste Lage anpassen. Da muss aber auch ein Innenstadt-Management der Stadt steuernd eingreifen.

Was muss die Stadt noch tun?

Auch wenn jetzt sehr viel investiert wird, darf der Bereich Holsten-Fleet nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Es sollte beobachtet und schnell reagiert und nachgesteuert werden, wenn etwas nicht läuft. Denn die Gesamtkonstellation jetzt bietet unheimlich viele Möglichkeiten. So viele Vorhaben parallel sind eigentlich ein Glücksfall für ein völlig neues und attraktives Kiel.

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