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Kiel Republikflucht im dritten Versuch
Kiel Republikflucht im dritten Versuch
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15:15 29.10.2019
Von Marc R. Hofmann
DDR-Flüchtling Reinhard Laszig in seinem Haus in Kiel. Das Schild entstammt der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Zarrentin. Dort hat es Laszig selbst abgeschraubt – allerdings erst nach der Wende. Quelle: Uwe Paesler
Kiel

Reinhard Laszig hat es im Leben zu etwas gebracht: der 71 Jahre alte Urologe hatte eine eigene Praxis in Kiel, wohnt in einem stilvoll eingerichteten Einfamilienhaus in Düsternbrook. Doch dass es so kommen würde, vor allem im Westen, war nicht vorgezeichnet. Erst im dritten Anlauf gelang seine Flucht aus der DDR.

Geboren 1948 in Greifswald, wuchs  Laszig in der DDR auf, wo der Großvater nur noch in der Bäckerei arbeiten durfte, die ihm vor dem Krieg einmal gehört hatte. Später zog er mit den Eltern nach Berlin. "Die Universität Greifswald sollte zu einer Militärakademie werden", sagt er. Dort weiter studieren, das habe sein Vater nicht gewollt. Deshalb sei er an die Humboldt-Universität gewechselt.

Distanz zum System seit der Jugend

Eine gewisse Distanz zum System der DDR wurde Laszig damit schon in die Wiege gelegt. Flucht kam für seine Eltern jedoch nicht infrage. "Sie wollten wiederum ihre Eltern nicht zurücklassen", sagt Reinhard Laszig heute. 
Die Gesellschaftslehre in der Schule habe ihm jedoch immer stärker missfallen."Theorie und Praxis klafften immer weiter auseinander", sagt er. Im Medizin-Studium habe er beispielsweise einmal in der Woche die Flure der Berliner Charité wischen müssen, weil es nicht genug Personal gab.

So verfestigte sich der Gedanke an die Republikflucht. "Zuerst hatte ich den schon mit vielleicht zwölf oder 13 Jahren", sagt er. "Die Idee war, sich entweder zu den Grenztruppen versetzen zu lassen und auf eine günstige Gelegenheit zu warten oder erst einmal brav Medizin zu studieren." Danach habe es die Möglichkeit gegeben, sich in einen sozialistischen Bruderstaat versetzen zu lassen. "Auf dem Weg dorthin oder selbst dort wäre es leichter gewesen, abzuhauen", so Laszig.

Fluchtmöglichkeiten über Jahre erkundet

Doch nach dem Abitur durfte er direkt studieren. "Dafür hätte ich jedoch nach dem Abschluss erst einmal im medizinischen Corps der Armee dienen müssen." Kurz vorher stand also die Flucht an. "Die haben mein Bruder Roland und ich gemeinsam mit meiner damaligen Frau geplant." Die Eltern wurden um Erlaubnis gefragt, in die Details der Pläne jedoch nicht eingeweiht.

Über mehrere Jahre erkundeten die Brüder Möglichkeiten, zum Beispiel mit Ostseefischern oder über die grüne Grenze in Bulgarien zu fliehen. "Die erwiesen sich jedoch alle als untauglich." Fahrt nahm das Unternehmen Republikflucht erst auf, als ein Studienfreund, damals Sekretär des kommunistischen Jugendverbandes FDJ und über jeden Zweifel erhaben, abhaute. Über Kuriere aus West-Berlin nahmen sie Kontakt auf. In einem Frachtcontainer sollte es in den Westen gehen, doch die Brüder brachen zwei Fluchtversuche ab - einmal war eine Plombe zerstört, ein anderes Mal öffneten sich die Türen des Containers während der Fahrt.

Erst der dritte Anlauf ist erfolgreich

Im dritten Anlauf innerhalb von vier Wochen gelang die Flucht vom tschechoslowakischen Königgrätz aus. Mitten in der Nacht öffnete der Fahrer im Niemandsland zwischen Ost und West die Türen. "Von da waren es nur noch 100 Schritte über die österreichische Grenze, was kein Problem war, weil der Beamte in seinem Häuschen schlief." Mit vorläufigen Pässen aus der deutschen Botschaft ging es dann in die Bundesrepublik.

"Im Zug sollten wir sagen, dass wir unsere Pässe beim Skifahren verloren hätten. Wie alle anderen im Waggon auch." Eine Geschichte, die der deutsche Bundesgrenzschutzbeamte wohl nicht geglaubt hat. "Bei unserer Ankunft in Gießen wartete schon die Presse auf uns", sagt Laszig.

Geschichte jahrelang nicht erzählt

Das ist auch einer der Gründe, warum der Arzt die Geschichte seiner Flucht jahrelang nicht erzählt hat. "Auch im Westen gab es Stasi-Spitzel. Außerdem sind unsere Eltern nach unserer Flucht überwacht worden." Aus Angst vor Repressionen gegen die Familie schwiegen die Brüder und reisten auch nie wieder in die DDR.

"Jahre später sprach mich ein Patient aus Albanien an, ob ich ihm 5000 Mark leihen könnte." Er sollte abgeschoben werden. Doch Reinhard Laszig fühlte sich verpflichtet zu helfen, zahlte, was heute rund 2500 Euro wären. Zwei Jahre später erreichte ihn ein Scheck aus der Schweiz, ausgestellt über ebendiese Summe. "Damit hätte ich nie gerechnet", sagt der Mediziner.

Heute teilt Reinhard Laszig seine Sicht auf die DDR gern. Das nächste Mal zum 30. Jahrestag des Mauerfalls an der Käthe-Kollwitz-Schule in der Paul-Fleming-Straße. "Denn die Ostalgie, die teilweise wieder in Mode kommt, kann ich nicht mehr hören", sagt er.

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