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Kiel Bluttat: Zeugen mit Erinnerungslücken
Kiel Bluttat: Zeugen mit Erinnerungslücken
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06:00 29.03.2019
Von Thomas Geyer
Am Tag nach der Bluttat suchten Polizeibeamte zwischen Preußerstraße und Koldingstraße nach einer Waffe. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Das Unterfangen wird erschwert, wenn die Beteiligten in der Tatnacht zum 17. Juli 2018 mehr oder weniger betrunken waren, sich jetzt auf Erinnerungslücken berufen oder der Ladung des Kieler Landgerichts zum Prozess gar nicht erst folgen.

Immerhin ein geladener Zeuge erschien vor Gericht

Zum jüngsten Sitzungstag erschien immerhin einer von zwei Zeugen, der den mutmaßlichen Messerstecher „seit sieben oder acht Jahren“ kennt. Wie berichtet muss sich der Angeklagte (46) wegen versuchten Mordes an einem Kiel-Besucher aus Berlin verantworten. Er soll den 42-Jährigen gegen 2.30 Uhr an den Arkaden gemeinsam mit einem Komplizen niedergestochen und beraubt haben.

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Wie die Rechtsanwältin des Nebenklägers, Elga Eisenschink (Berlin), auf Nachfrage mitteilte, ist ihr damals akut lebensgefährlich verletzter Mandant seitdem arbeitsunfähig krank. Laut Anklage trafen ihn mindestens 13 Messerstiche überwiegend in den Oberkörper. Die Anwältin spricht von Dauerschäden bei ihrem Mandanten und will mindestens 20 000 Euro Schmerzensgeld erstreiten – möglicherweise in einem gesonderten Zivilverfahren.

„Ich hab' da ein paar Leute gesehen, mehr nicht“

Der Angeklagte bestreitet den Vorwurf und schweigt vor Gericht. Sein guter Kumpel und Begleiter, der damals „mit ihm um die Häuser gezogen“ sein soll, behauptet, zur Tatzeit seinen Rausch ausgeschlafen zu haben. Doch nach Aussage eines jüngeren Obdachlosen (32), der vor der Bäckerei Günther an der Ecke zum Park saß, liefen die beiden einträchtig unter den Arkaden in Richtung Norden. Kurz darauf will der Zeuge von dort „extrem laute Schreierei“ gehört haben. 

Zu Beginn seiner mehrstündigen Vernehmung tut sich der damals betrunkene Zeuge schwer mit der Erinnerung: „Ich hab' da ein paar Leute gesehen, mehr nicht“, meint er zunächst. Er habe schließlich seine Ruhe haben wollen: „Ich habe mir die Kopfhörer in die Ohren geschoben und mich umgesetzt.“ 20 bis 30 Minuten später habe er an der Holtenauer Straße Blaulicht, Polizei und Sanitäter gesehen.

Noch später hatte sich der 32-Jährige im Schlafsack auf die Wiese unter einen Baum gelegt. Dort will er nach wenigen Minuten gehört haben, wie der stark alkoholisierte Angeklagte grölend näher kam. „Er war aggressiv, hat mir einen Rucksack auf den Kopf geschlagen“, so der Zeuge. Und die Krücken weggenommen. „Ich schlag dich zusammen oder ich steche dich ab!“, habe der Angeklagte gerufen.

Gericht will DNA-Spuren sichern lassen

Auf beharrliches Nachfragen von Gericht und Staatsanwältin beschreibt der Zeuge überraschend ein viel konkreteres Bild seiner Beobachtung unter den Arkaden: Nun will er gesehen haben, wie sich dort zwei Personen über eine dritte beugten, die auf einer Bank saß oder lag. Es habe so ausgesehen, als würden die beiden seine Taschen durchsuchen. „Ich wollte mit dem Ganzen nichts zu tun haben“, fügt der Zeuge hinzu.

Angesichts solcher Ungereimtheiten sieht die Strafkammer weiteren Aufklärungsbedarf. In der Hoffnung auf objektive Beweismittel will sie jetzt die damals sichergestellte Kleidung des Angeklagten und die geraubte Kameratasche auf DNA-Spuren untersuchen lassen.

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