Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Aufstand gegen Vonovia hat sich gelohnt
Kiel Aufstand gegen Vonovia hat sich gelohnt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:18 10.06.2019
Von Karen Schwenke
Peter Schomaker und seine Nachbarn wehrten sich gegen die Modernisierung ihres Hochauses. Sie wünschten sich zwar die „längst fällige Sanierung, aber nicht auf Kosten von uns Mietern“. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Anzeige
Kiel

Vonovia hatte die Bewohner des Hauses in der Projensdorfer Straße 70 Anfang des Jahres über die geplanten Baumaßnahmen informiert. Gegen die aus Sicht der Mieter „drastischen Mieterhöhungen von bis zu 60 Prozent“ formierte sich im Februar Widerstand. Mehrmals trafen sich die Betroffenen zu Mieterversammlungen, wendeten sich an die Presse und wählten ein Komitee, das den Auftrag erhielt, mit Vonovia in Verhandlungen zu treten.

Yonca Toepffer-Lasch, Mitglied in dem Mieterkomitee, sprach nach mehreren Treffen mit Vonovia-Verantwortlichen aus Kiel von einer guten Nachricht: „Vonovia hat dem Wunsch der Mehrheit der Mieterschaft entsprochen und aufgrund der zahlreichen Härteeinwände vorerst von dem geplanten Modernisierungsvorhaben abgesehen.“ Das Komitee werde nun weiter mit Vonovia über die „zukünftige gemeinsame Entwicklung des Hauses“ sprechen, teilte sie mit. Ähnlich knapp nahm Vonovia Stellung: „Wir sind weiterhin mit den Mietern in der Projensdorfer Straße im Gespräch. In enger Abstimmung mit unseren Mietern wird das Objekt in den nächsten Jahren entwickelt“, so Vonovia-Pressesprecherin Panagiota-Johanna Alexiou. „Wir wollen diesmal mit den Mietern direkt reden und die Kommunikation nicht über die Medien führen“, lautete ihre Erklärung für die wortkarge Stellungnahme. Auch von den Mietern kam nur wenig Kritisches, obwohl die dringend fällige und von den Mietern zuvor lautstark geforderte Instandhaltung des Hauses offenbar nun auch nicht erfolgt. „Ich bin froh, dass sich Vonovia so kulant gezeigt hat“, äußerte sich zum Beispiel Peter Schomaker erleichtert. Er ist einer der Mieter, die den Widerstand gegen Vonovia mitgestaltet hatten, und der sich im Februar für ein Foto in dieser Zeitung vor dem Haus ablichten ließ.

Anzeige

Aufstand gegen Vonovia hat sich gelohnt

Etwas gesprächsbereiter zeigte sich allerdings ein Mieter des Hauses, der namentlich nicht genannt werden möchte. Er meint: „Alle im Haus bewerten das Ergebnis als Erfolg.“ Der Aufstand gegen Vonovia habe sich gelohnt. „Jetzt ist es wichtig, dass auch andere Menschen erfahren, dass man einen Teilerfolg erzielen kann, wenn man sich gegen einen großen Wohnungskonzern wehrt.“ Daher berichtet er, wie die Einigung mit Vonovia aussieht und warum sie zustande kam: Vonovia habe am dritten Verhandlungstreffen, das nicht im Vonovia-Büro, sondern erstmals in der Wohnung eines Komitee-Mitgliedes stattfand, mündlich zugesagt, das ganze Bauvorhaben für die nächsten drei bis fünf Jahre zu stoppen. Eine Erhöhung der Mieten im Rahmen des Mietspiegels sei jedoch angekündigt worden.

Vonovia in Kiel

Die Landeshauptstadt Kiel verkaufte 1999 die kommunale Wohnungsgesellschaft KWG mit rund 11.000 Wohnungen für 250 Millionen DM an die WCM AG. Nach zwei Weiterverkäufen an Blackstone und Vitus gingen die Wohnungen 2014 an Vonovia. Die Vonovia AG ist der größte Vermieter in ganz Deutschland. Nach Angaben des Unternehmens ist Kiel einer der größten Standorte in Deutschland. Über 15.000 Mietwohnungen besitzt Vonovia in der Landeshauptstadt, davon werden rund 2.000 Wohnungen öffentlich gefördert. Insgesamt beschäftige das Unternehmen in der Stadt rund 300 Mitarbeiter.

90 Prozent der Bewohner in Kiel sind gegen die Modernisierung

Warum Vonovia eingelenkt hat, erklärt sich der Mieter durch „eine Kombination verschiedener Dinge“. Zum einen nennt er den öffentlichen Druck durch die Berichterstattung in den Kieler Nachrichten sowie die aktuelle Stimmung in ganz Deutschland mit Demonstrationen gegen Mietwucher und die Forderungen von Enteignungen großer Wohnungsbauunternehmen. „Vor allem war es aber sehr wirksam, dass wir uns als Hausgemeinschaft schnell zusammengefunden und gemeinsam gewehrt haben. Von 53 Mietparteien in dem Haus haben sich 90 Prozent mit ihrer Unterschrift gegen die Modernisierung ausgesprochen.“ Auch hatten mehrere Mieter Härteeinwände gegen die Belastungen der Bauphase oder die Mieterhöhungen bei Vonovia eingereicht. Ob auch die Ergebnisse eines Asbest-Gutachtens zum Planungstopp führten, vermag der Mieter nicht zu sagen, denn „die Ergebnisse haben wir nie gesehen“.

Einigen Nachbarn sei nach der Einigung mit Vonovia regelrecht ein Stein vom Herzen gefallen, sagt der Mieter, weil es bei ihnen um existenzielle Frage gegangen sei. Die seien nun zumindest aufgeschoben. Ein anderer Mieter, der ebenfalls nicht genannt werden möchte, sieht bereits jetzt neue, wenn auch kleinere Probleme: Das Holz und Gestrüpp der Büsche, die Vonovia im Februar rund ums Haus abgeschnitten hat, um Platz für das Baugerüst zu schaffen, wurden von Vonovia nicht weggeschafft: „Das bleibt alles liegen und sieht aus wie Hund.“

Lesen Sie hier ein Interview mit Özlem Ünsal, Sprecherin für Wohnungs- und Städtebau der SPD-Landtagsfraktion, zu den Problemen mit dem Wohnungskonzern Vonovia in Kiel.

Karen Schwenke 13.05.2019
Karina Dreyer 13.05.2019
Martin Geist 12.05.2019