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Kiel „Uns war noch nie langweilig miteinander"
Kiel „Uns war noch nie langweilig miteinander"
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10:00 04.12.2016
Von Imke Schröder
Anke Erdmann und Ulf Kämpfer kennen sich seit 22 Jahren. Quelle: Imke Schröder

Wie lange kennen Sie sich genau?

Ulf Kämpfer: 22 Jahre. Ab diesem Jahr kennen wir uns länger, als dass wir uns nicht kennen.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Anke Erdmann: Wir waren im gleichen Wohnheim in Göttingen. Und Ulf war damals schon sehr überzeugend: Er hat das ganze Wohnheim dazu gebracht, die Neue Zürcher Zeitung zu abonnieren – er war allerdings der einzige, der sie gelesen hat und es war das teuerste Zeitungsabo überhaupt. Alle haben brav mitgemacht, keiner hat dagegen gestimmt, weil niemand provinziell wirken wollte.

UK: Keiner kannte die Zeitung (lacht).

Was ist Ihnen denn zuerst am anderen aufgefallen?

AE: Ulf trug wirklich interessante, rosafarbene Klamotten im Gandhi-Stil. Er hatte so wache Augen und das schönste Fahrrad auf dem ganzen Campus.

UK: Ich war kurz vor dem Studium zwei Monate in Indien, und habe mir dort Klamotten nähen lassen. Von dort stammte auch das Fahrrad im Stil der 50er-Jahre, 25 Kilo schwer. Anke habe ich das erste Mal gesehen, als sie eine Wasserbombenschlacht im Wohnheim angezettelt hat. Du warst unglaublich quirlig und man kam an Dir einfach nicht vorbei.

Wer hat dann den ersten Schritt gemacht?

AE: Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil wir, als wir uns kennenlernten, beide in einer Beziehung waren. Ulfs damalige Freundin wohnte sogar im gleichen Wohnheim.

UK: Wir haben den Sommer viel miteinander gemacht ohne irgendwelche ernsten Absichten zu haben.

AE: Ich fand Dich einfach sehr interessant und habe gerne Zeit mit Dir verbracht.

UK: Und irgendwann hatte ich eine Tafel Schokolade in der Post. Und da dachte ich zum ersten Mal, dass Du Dich ein bisschen für mich interessierst.

AE: Das könnte ja auch so gewesen sein (lacht).

UK: Ich war auf dem Sprung zu einem Auslandssemester in Irland. Und da haben wir noch die Chance genutzt, um vorher miteinander anzubandeln.

AE: Aber trotzdem war noch alles so schön in der Schwebe.

UK: Es war eine hochromantische Zeit, weil wir uns dann von Irland nach Göttingen fast täglich Briefe geschrieben haben. Damals stand ich noch in einer halboffenen Telefonzelle im irischen Regen, zehn andere Austauschstudenten hinter mir in der Schlange, ich warf die Pfundstücke im Fünf-Minuten-Takt ein, um mit ihr zu reden.

AE: Dann klingelte das Telefon auf dem Wohnheimsflur, das ich mir mit acht Leuten geteilt habe und das nur angerufen werden konnte. Und wenn gerade jemand anderes in dem kleinen Telefonkabuff stand, dann hatte man eben Pech gehabt. Mein Mann ist außerdem ein begnadeter „Tape-Aufnehmer“. Die erste Kassette von Dir aus dieser Zeit höre ich immer noch.

Sind Sie denn auch der musikalisch Interessiertere, Herr Kämpfer?

UK: Wir mögen beide Musik ohne jetzt Musikexperten zu sein. Anke spielt Flöte und Gitarre, ich bin dagegen unmusikalisch. Aber ich kann nicht ganz so schlecht singen, wie Du glaubst, dass ich schlecht singe.

AE: Doch, Du kannst so schlecht singen. Aber ich mag Deine Inbrunst!

UK: Jazz ist etwas, das wir teilen. Und das war auch eine tolle Art mit Schleswig-Holstein warm zu werden. Ich bin ja Schleswig-Holsteiner, aber wir haben beide in Berlin gelebt und sind dann hierher gezogen. Da war Jazz Baltica schon eine tolle Art zu merken, dass kulturell hier auch einiges los ist.

AE: Als ich 2000 nach Kiel kam, gab es in Kiel wenig Jazz, ab und zu war ich im Luna-Club oder dem Vorgänger vom Blauen Engel am Schloss – eine Durststrecke. Das hat sich geändert – und es gibt zu viele Konzerte, in die wir nicht gehen.

Wann haben Sie denn gemerkt, dass der andere der Partner fürs Leben sein könnte?

UK: Ach, das konnte ich mir sehr schnell vorstellen. In dieser Irlandzeit war das für mich schon klar. Es hat dann doch noch sieben Jahre bis zum Heiratsantrag gedauert.

AE: Ich war so verknallt und konnte mir sofort vorstellen, lange mit Dir zusammen zu sein. So verliebt war ich nie vorher - und werde ich auch hoffentlich nie wieder sein (lacht).

Dieses Zusammensein zeigt sich ja auch in gemeinsamen Idealen: Das Leben in einer Ökosiedlung und auch die bewusste Entscheidung gegen Auto und Fernseher. Hat sich das verändert?

UK:  Naja, als OB werde ich gefahren. Privat sind wir Mitglied bei Statt.Auto und haben kein eigenes Auto. Wir haben auch nach wie vor keinen Fernseher, allerdings schauen wir mittlerweile Filme und Serien auf dem Laptop über Netflix und iTunes. Wir haben uns gerade einen Beamer angeschafft. Keinen Fernseher zu haben hat bei uns nichts damit zu tun, dass wir nicht gerne Filme und Serien wie House of Cards, Homeland, Borgen oder Game of Thrones schauen.

AE: Wir könnten uns mit Fernseher wahrscheinlich nicht disziplinieren, ihn auszuschalten. Die ganze schöne Zeit, die da rein geht. Allerdings sind wir bei Facebook, das ist auch nicht viel besser…

Trennen Sie das Berufliche vom Privaten auf offiziellen Terminen?

AE: Es gibt Termine, da sind wir beide unabhängig voneinander eingeladen, Du als Oberbürgermeister, ich als Abgeordnete. Und es gibt Termine zur Kieler Woche, da bin ich dann „die Gattin“, das ist noch gewöhnungsbedürftig.

UK: Für uns beide ist das ein bisschen seltsam und manchmal angespannt. Bei Terminen, zu denen Du mich als „Gattin“ begleitest, sollte ich Dich z.B. vorstellen. Das vergesse ich, das bin ich einfach nicht gewohnt. 

AE: Für mich vermischt sich das ohnehin und ich habe nicht immer klar, bin ich jetzt hier die Frau des Bürgermeisters oder bin ich Abgeordnete. Denkst Du immer, dass Du als Bürgermeister da bist?

UK: Oberbürgermeister ist man 24 Stunden am Tag. Man braucht schon eine hohe Selbstkontrolle und hat auch eine gewisse Grundanspannung. Wenn ich sonntags Brötchen hole, bin ich auch OB, weil mich viele kennen. So gehe ich mittlerweile vorher in die Dusche und nicht nachher.

Was machen Sie denn, um solche Rollen mal abzuschütteln?

UK: Für mich ist Laufen sehr wichtig. Da kann ich Sachen nochmal gut durchdenken und relativ viel abschütteln. Aber auch in der Zeit als Familie  - wir spielen ständig Skat -  oder beim Vorlesen mit Johann.

AE: Auch unsere Siedlung hier, das Bullerbü-Gefühl, hilft abzuschalten. Als Ulf Bürgermeister wurde, haben die Nachbarn ein Plakat aufgestellt: „Hier bist Du Mensch, hier darfst Du sein“.

Ist es denn oft ein Thema, dass sie in unterschiedlichen Parteien sind?

AE: Aktuell muss ich beim Thema Flughafen dann schon manchmal schlucken. Aber wir wissen ja, warum wir in unterschiedlichen Parteien sind.

UK: Es ist immer Frotzelgegenstand zwischen uns beiden. Aber auch Spiegel für unsere Arbeit. Natürlich können wir uns auch nicht alles erzählen, z.B. aus Verhandlungen. Da trennen wir sorgfältig. Aber wir reden eigentlich ständig über Politik.

Wie hat sich ihr Leben denn nach zweieinhalb Jahren so im Alltag eingependelt?

UK: Um sechs klingelt der Wecker, dann wird Kaffee gekocht und einer bringt die KN mit, und um halb sieben kommt dann Johann dazu. Dann wird gequatscht und vorgelesen. Um sieben bricht dann die große Hektik aus, wir Frühstücken und um halb acht heißt es „Abflug“. Danach gibt es bei mir keine wirkliche Routine.

AE: Ich mache dann meist noch klar Schiff. Und dann geht es bei mir auch los, jeder Tag ist anders. Wenn die Schule aus ist, wechseln sich zwei junge Männer ab und sind für Johann da. Einer der beiden, Johannes, kennt Johann seit acht Jahren und gehört für uns irgendwie zur Familie. Optimalerweise ist dann spätestens um sieben einer von uns zu Hause, manchmal sogar wir beide.

UK: Die Wochentage sind schon sehr vollgepackt. Ich versuche bei Abendterminen aufzubrechen, sobald es nicht mehr unhöflich ist und mir außerdem Zeit an Wochenenden freizuhalten. Ich habe aber ein gutes Gewissen, weil ich glaube, dass wir Johann nicht viel schuldig bleiben. Die Sorge hatten wir 2014 schon.

AE: Ich kann mich davon noch immer nicht ganz frei machen – den Zwiespalt kennen aber viele berufstätige Mütter. Konkret planen wir die Monate gemeinsam durch und haben uns mittlerweile ein Netzwerk aufgebaut.

Hätten Sie denn gerne mehr Kinder gehabt?

AE: Ja. Auf unseren Sohn haben wir wirklich lange gewartet. Und ohne medizinische Hilfe vom UKSH hätten wir es auch nicht geschafft. Johann heißt „Gott ist gnädig“, denn wir haben nach dem langen Hoffen und Bangen ein sehr starkes Gefühl, dass dieses eine Kind ein Geschenk ist.

UK: Kein Kind zu haben, das hätte uns sehr geschmerzt.

AE: Zehn Jahre früher hätten wir kein gemeinsames Kind haben können.

UK: Weil es medizinisch noch nicht möglich war. Danke UKSH!

AE: Hätten wir es uns aussuchen können, wäre drei eine gute Zahl gewesen.

UK: Aber dieses bewusste Glück, mit Johann zu leben, und das nicht als selbstverständlich hinzunehmen, das hätten wir sonst vielleicht nicht so gehabt.

AE: Das ist übrigens eine Realität, mit der ganz viele Paare klarkommen müssen. Es heißt, dass jedes siebte Paar gerne Kinder oder mehr Kinder haben würde, aber nicht haben kann. Für uns war das eine schwere Phase mit Trauer und Verunsicherung. Bis dahin dachten wir, dass wir unser Leben einfach planen können. Und Kinder zu bekommen, das gehörte für uns dazu.

Was lieben Sie denn am anderen am meisten?

UK: Ich glaube, dein großes Herz und Dein Kampfesmut gegen Ungerechtigkeit – im Großen wie im Kleinen.

AE: Ulf hat einen scharfen Blick in der Sache, aber einen sehr warmen Blick auf Menschen. Du urteilst Leute nicht ab. Das finde ich sehr liebenswert.

Und was macht Sie am anderen wahnsinnig?

UK: Das Einzigartige an Anke ist, dass dieses große Herz auch mit einer sehr, sehr großen Vehemenz einhergeht. Es ist immer heiß oder kalt. „Nie“ und "immer“, das sind ihre Worte.

AE: Da hast Du mich aber schon wohltemperiert und viel Feuer im Alltag rausgenommen. Das macht das Leben deutlich einfacher! Was mich an Dir manchmal zur Weißglut treibt, ist, dass Du dich total vertiefen kannst. Das heißt auch, dass ich manchmal mit Dir rede, Du allerdings nur optisch anwesend bist und nachher nicht weißt, was man alles besprochen hat – schon gar nicht Alltagsabsprachen. Die Fußballergebnisse der 1970er Jahre hat Ulf dagegen immer präsent.

Wie hat sich ihre Partnerschaft denn durch den Job als Oberbürgermeister verändert?

AE: Sie hat sich vor allem in der Zeit als Staatssekretär geändert: Da hatten wir ein richtig hartes halbes Jahr: Du warst manchmal für Robert Habeck in grünen (!) Strategiesitzungen, an denen ich nicht teilnehmen konnte, weil jemand von uns für Johann da sein sollte und wollte, der damals gerade in die Schule gekommen war. Aber weil Du so ein Optimist bist, haben wir das alles hinbekommen. Und jetzt guck ich Dich manchmal an und wundere mich, dass Du Bürgermeister bist. Weil Du doch für mich einfach Ulf bist.

Wie holen Sie sich denn Zeit zu zweit?

UK: Wir haben bestimmt ähnliche Abnutzungserscheinungen wie andere Paare auch, die 22 Jahre zusammen sind, aber das Schöne ist: Wir haben immer noch viele gemeinsame Interessen. Also nicht nur das politische Interesse, sondern unerschöpfliche Gesprächsthemen, wir mögen die gleichen Leute, wir lesen gerne, hören ähnliche Musik, finden die gleichen Urlaube gut… und stehen gemeinsam um 4.30 auf, wenn in den USA Präsidentschaftswahlen sind.

AE: Uns war noch nie langweilig miteinander. Und bevor Langeweile aufkommt, streiten wir uns ein bisschen. Aber ganze Abende zu zweit sind tatsächlich selten. Wenn wir Zeit haben, verbringen wir die Abende eher zu dritt. Zeit mit Johann geht vor. Das genießen wir auch sehr.

Worüber streiten Sie denn am meisten?

AE: Alltagskram. Ich habe da eher einen Ordnungsfimmel. Und wenn ich dann noch schlecht geschlafen habe, Hunger habe oder mir kalt ist – dann braucht’s nicht viel.

UK: Der Alltag ist ziemlich durchgetaktet, wenn wir beide viel zu tun haben. Und da geht es auch viel um die Frage: Kommt jeder zu seinem Recht?

AE: Mein Lebenskonzept war ja nicht: Ich heirate einen Mann, der die Welt rettet und halte ihm den Rücken frei und mache die Wäsche. Jetzt ist es so: Er „rettet die Welt“, ich lege mich „fulltime“ für bessere Bildung ins Zeug und belade die Waschmaschine eben zusätzlich.

UK: Das würde ich so nicht unterschreiben.

AE: Das ist Teil des Problems. Wir kabbeln uns, aber ich weiß auch: Ein Oberbürgermeister hat ganz andere Verpflichtungen. Trotzdem, manchmal nervt es, wenn Du nicht mal den Samstagseinkauf schaffst. Andererseits kann auch gerade eine Sitzung vorbei sein und Ulf ruft an, um zu fragen, ob er noch was mitbringen soll.

Haben Sie Angst, dass sich das Eingespielte wieder verschiebt, wenn ihre Arbeit im Landtag vorbei ist?

AE: Sicher wird das eine Umstellung, weil ich mit Leib und Seele Abgeordnete bin. Aber die Entscheidung, nicht noch einmal zu kandidieren, habe ich ja bewusst getroffen. Ich habe keine Angst, aber es wird eine neue Herausforderung. Im Mai scheide ich nach acht Jahren aus dem Landtag aus, so lange habe ich noch nie etwas gemacht. Unser Leben blieb bisher nicht so lange in einer Spur.

UK: Gerade als wir dachten, wir verbringen unser Leben in Berlin, ging es acht Monate später nach Kiel. Nach Richter und Staatssekretär hoffe ich jetzt, dass ich zwölf Jahre Oberbürgermeister bleibe. Nächstes Jahr verändert sich bei Anke etwas, der Wandel bleibt uns irgendwie erhalten.

AE: Ulf ist als OB mit einer langfristigen Perspektive angetreten. Das ist wirklich wichtig, nach den vielen OB-Wechseln davor. Für viele Prozesse in der Stadt braucht es nun mal einen langen Atem.

Gibt es einen Traum, den Sie sich zusammen erfüllen wollen?

AE: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir später in einem Hausprojekt mit unseren engsten Freunden alt werden.

UK: Wenn Johann erwachsen ist, würde ich gerne mit Dir zusammen ins Ausland gehen. Dann sind wir vielleicht in Kolumbien und Du machst Bildungsprojekte und ich berate als Mediator die Regierung, wie sie ihr Friedensabkommen doch noch hinbekommt.

AE: Kolumbien? Überraschend zu hören. Einen Plan haben wir nicht, aber verschiedenste Ideen. Du hast so einen schönen Spruch: Ein gutes Leben zeichnet sich durch Fülle aus.

UK: Und da können wir uns bisher nicht beklagen.

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