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Kiel Mit Hantel Gesicht zertrümmert: Gericht urteilt milde
Kiel Mit Hantel Gesicht zertrümmert: Gericht urteilt milde
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18:15 19.11.2019
Von Thomas Geyer
Weil er einen Bekannten mit einer fünf Kilogramm schweren Hantel in der Muhliussstraße in Kiel getötet hat, ist ein 48 Jahre alter Mann in Kiel wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahre verurteilt worden. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Zwei „problematische Persönlichkeiten“ der Kieler Trinkerszene lieferten sich nach zweitägigem Zechgelage einen tödlichen Streit. Weil das spätere Opfer (59) die Eskalation der Gewalt in seiner Wohnung in der Muhliusstraße selbst eröffnet hatte, fiel das Urteil milde aus: Sechs Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags verhängte die Schwurgerichtskammer gegen den 48-Jährigen, der seinem Gegner im April mit einer Fünf-Kilo-Hantel Gesicht und Brustkorb förmlich zertrümmert hatte.

In nüchternem Zustand sei der Sohn eines Polizeibeamten „im Prinzip ein friedfertiger Mensch, der niemandem etwas zuleide tut“, stellt der Vorsitzende Richter Jörg Brommann im Urteil fest. Eine Handvoll Kumpels des ruhig und besonnen wirkenden Angeklagten im Saal sind hörbar der gleichen Meinung: „Er ist doch ein Guter!“, ruft einer nach vorne. Doch das trifft nicht die ganze Wahrheit.

Leben des Angeklagten ist geprägt von Straftaten

Das Leben des in Flintbek aufgewachsenen Sonderschülers ist seit 1992 geprägt von Straftaten, zumeist unter Einfluss verschiedenster Substanzen. „Politox“ nennt ein Sachverständiger den wahllosen Umgang mit Drogen und Medikamenten, deren Mix die aggressive Seite des Angeklagten freilegt. Die juristische Folge: ein Strafnachlass wegen verminderter Schuldfähigkeit.

Schon früher waren die Kontrahenten aneinander geraten. Beim letzten Besäufnis hatte das spätere Opfer, ein ehemaliger Schausteller und Amateurboxer mit 15-jähriger Knasterfahrung, dem Angeklagten einen Hammer auf den Kopf geschlagen. Nicht mit voller Wucht, nur aus „Unfug“, so das Urteil. Drei Monate ging man sich aus dem Weg. Bis man sich zufällig bei der Drogenberatung wieder begegnete.  

Blutige Wikingerschlacht lief im Fernsehen, dann folgte der Gewaltexzess

Zum Vorspiel des nun folgenden Gewaltexzesses in der Muhliusstraße in Kiel gehören mehrere Flaschen Hochprozentiges, Bier, Cannabis, Kokain, Heroin und Ersatzdrogen auf Rezept wie Methadon und L-Polamidon. Entsprechende Abbauprodukte ließen sich später bei beiden Männern nachweisen. Während auf dem TV-Bildschirm eine blutige Wikingerschlacht tobt, schlafen die Zechgenossen ihren Rausch auf dem Ecksofa aus.

Das spätere Opfer erwacht schlecht gelaunt, schlägt dem noch schlafenden Gast die gusseiserne Fünf-Kilo-Hantel aufs Knie. Eine Beule unterstreicht die Darstellung des 48-Jährigen. „Weil du eine Lusche bist“, habe der Ältere den Angriff begründet. Und ihm sein scharf geschliffenes Frühstücksmesser mit der Drohung vor die Nase gehalten, er könne ihm noch ganz anders wehtun.  

Tötungsdelikt in der Muhliusstraße: Darum urteilte das Gericht so milde

Diese Schlüsselszene wertet die Kammer als Auslöser des Gewaltausbruchs. Der unsanft aus dem Schlaf gerissene Angeklagte habe sich von einer gefährlichen Körperverletzung und einer Kränkung zur Tat hinreißen lassen. Dafür sieht das Gesetz einen minder schweren Fall vor, der die Höchststrafe von 15 auf zehn Jahre reduziert. In Verbindung mit verminderter Steuerungsfähigkeit stehen für den Totschlag nun maximal siebeneinhalb Jahre Haft zur Debatte.

Noch günstiger wird die Rechnung für den Angeklagten durch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt, die das Gericht anordnet. Nach sieben Monaten U-Haft darf er sofort bei Rechtskraft des Urteils eine Therapie in einer Schleswiger Fachklinik antreten. Bisherige Versuche hatte der Alkoholiker stets abgebrochen. Nun veranschlagt die Kammer zweieinhalb Jahre für die Maßregel. „Annehmen!“, raten die Kumpels von der letzten Bank.

Drogentod seiner Frau brachte den "Backflash"

Dass der seit 2002 arbeitslose Bauarbeiter ein besseres Leben führen kann, hat er schon bewiesen: Während der Beziehung mit seiner ebenfalls abhängigen Ehefrau blieb er sieben Jahre unauffällig. Ihr Drogentod ist ein „Backflash“ zum Tod seiner chronisch kranken Mutter, die nach langem Leiden an Morbus Crohn starb, als er 14 war. Der Angeklagte reagierte mit einem neuerlichen Absturz in Alkohol und Straftaten.

Im späteren Opfer traf der Trinker wohl auch einen Seelenverwandten. Nüchtern galt der Ältere aus der Muhliusstraße als „nett und freundlich“. Unter Alkohol liebte er den martialischen Auftritt. Lief mit nacktem Oberkörper und Samurai-Schwert durchs Treppenhaus und rief Passantinnen durchs offene Fenster sexistische Zoten hinterher.  

Dass der 59-Jährige mit einem „5 Kg“-Abdruck der Hantel auf der Stirn und Teilen seiner Vorderzähne in den Atemwegen ersticken musste, tut dem Angeklagten leid. Gleich nach der Tat war er die 100 Meter zur „Blume“ geradelt, um sich der Polizei zu stellen. Auf die Todesnachricht reagierte er damals mit Bestürzung. Die Reue und Einsicht, die er im Prozess zeigte, empfand das Gericht als glaubhaft.

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