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Kiel Musikhaus Keller ist bald Geschichte
Kiel Musikhaus Keller ist bald Geschichte
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07:33 08.06.2016
Von Kristiane Backheuer
Wenn er „La Paloma“ spielt, liegen ihm die Frauenherzen zu Füßen: Günter Keller beherrscht die Tastatur des Lebens. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

„Ich werde in diesem Jahr 70“, sagt Inhaber Günter Keller. „Ich will hier nicht mit den Füßen ’rausgetragen werden.“ Einen Nachfolger wird es nicht geben. Lediglich in den Räumen der angegliederten Musikschule wird Keller ein kleines Akkordeon-Studio eröffnen, Musikunterricht geben und alleine weiterhin Instrumente reparieren.

 Die nächsten Wochen werden für Günter Keller nicht leicht sein. Denn all die „alten Streitrösser“, wie Keller seine Musik-Weggefährten nennt, schauen noch einmal vorbei. Kaufen Gitarrensaiten, schütteln fassungslos den Kopf und wundern sich, wo die Zeit geblieben ist. „Eigentlich fühle ich mich auch noch wie 35“, sagt der Geschäftsinhaber. „In der zweiten Reihe hätte ich auch gerne weitergemacht. Aber es fand sich keine Lösung.“ Zwei seiner Mitarbeiter wollten den Laden übernehmen. Ein Wirtschaftsberater verfasste einen erfolgversprechenden 64-seitigen Businessplan, Günter Keller bot für die nächsten zwei Jahre seine kostenlose Mitarbeit an. Aber die Investitionsbank lehnte ab.

 Nun werden vier Mitarbeiter arbeitslos. Für Günter Keller ist das schwer auszuhalten. Denn zu all seinen Mitarbeitern und ehemaligen Auszubildenden hat er ein enges Verhältnis. Die Musik schweißt zusammen. Mit zehn Jahren „als sehr verhungerter kleiner Mann“ sah Günter Keller das erste Mal ein Akkordeon. „Zum Aufpäppeln war ich ins Allgäu verschickt worden“, erzählt er. „Und da brachte mir ein anderer Junge das Akkordeonspielen bei.“ Das Instrument begeisterte ihn so sehr, dass er „glühende Liebesbriefe“ nach Hause schrieb. Als er zwei Monate später als „propperer Jung“ in seiner Heimatstadt Bochum wieder aus dem Zug stieg, hatten seine Eltern ein Akkordeon gekauft. 15 Monatsraten mussten sie abzahlen. Sein Vater arbeitete in der Zeche, das Geld war knapp. Zum Unterricht ging er zu Curt Herold, einem Komponisten und Verfasser mehrerer Akkordeonbücher. „Nach wie vor ist das mein liebstes Instrument“, sagt Günter Keller, greift sich ein Akkordeon aus der Auslage und beginnt zu spielen. „La Paloma“ erklingt. Seine Augen blitzen vor Freude.

 Mit den Jahren beherrschte er immer weitere Instrumente. Nach der Schule machte er eine kaufmännische Ausbildung in einem Radio-, Fernseh- und Musikgeschäft. Dann wollte er ans Meer. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Wasser gibt, das bis zum Horizont reicht“, sagt er. Er bewarb sich bei der Marine, erkundete gleich noch vor dem Vorstellungstermin Helgoland und wurde furchtbar seekrank. „Da hab’ ich schon stark überlegt, ob die Marine die richtige Entscheidung ist.“ Aber sie war’s. Nie wieder wurde er seekrank. Als Funker konnte er zudem sein „gutes Gehör“ prima nutzen. „Aber ich war damals ein Heißsporn“, erzählt er weiter. „Nach vier Jahren war Schluss. Ich wollte Musik machen, in Kneipen gehen und mich mit Mädchen treffen.“

 Sein Leben in einen Artikel zu pressen, ist eigentlich unmöglich. Zu viel hat er gemacht, zu umtriebig war er. In Flensburg fing er später im Musikhaus Becker an, wurde bald Geschäftsführer. Er spielte in verschiedenen Bands und lernte nebenbei noch Metallblasinstrumentebauer. 1978 übernahm er das Musikhaus Thöl in der Kieler Gutenbergstraße 17 und kaufte acht Jahre später die jetzigen Räumlichkeiten am Knooper Weg. Auf 250 Quadratmetern konnte er nun alle seine heißgeliebten Instrumente präsentieren. Und immer wieder standen im Lauf der Jahre Berühmtheiten in seinem Laden. So zeigte er Karel Gott die Stadt, fachsimpelte mit Schlagersänger Vico Torriani und freute sich über den Besuch von Spencer Davis. Dazu kamen noch die netten Einladungen von Herstellern. Beispielsweise von Yamaha nach Japan. „Mein Geschäft war deutschlandweit führend. Da gab es schon tolle Aktionen“, sagt er nicht ohne Stolz.

 Als Sachverständiger will er nun nach wie vor durch ganz Deutschland reisen. Dort begutachtet er gebrochene Geigen, Wasserschäden bei den Konkurrenten oder schätzt bei Scheidungen den Wert der gemeinsam angeschafften Instrumente. Langweilig war und ist Günter Keller nie. „Meine Frau Hanne hat mir aber immer den Rücken frei gehalten. Ohne sie wäre ich nie soweit gekommen“, ist er dankbar. Keines der vier Kinder wollte jedoch ins Musikgeschäft. „Das ist okay so“, sagt er. „Ich hätte ja auch nicht den Job meines Vaters machen wollen.“ Ende August wird das Musikhaus Keller nun Geschichte sein.

Hier gibt es noch Musikfachgeschäfte in Kiel

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