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Kiel Anlaufstelle für aktive Migranten
Kiel Anlaufstelle für aktive Migranten
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09:09 05.11.2019
Von Heike Stüben
Tarek Saad und Jessica Meyer sind überzeugt, dass die Mitwirkung von Migranten das demokratische Gemeinwesen stärkt. Doch dafür ist Hilfestellung notwendig - die neue Anlaufstelle soll sie liefern. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Die neue Anlaufstelle, finanziert vom Kieler Innenministerium, hat einen sperrigen Titel: „Partizipations- und Vereinsberatung für Migranten in Kiel“. Doch es geht, so erklärt die Beraterin Jessica Meier, um ganz praktische, lebensnahe Unterstützung.

Ob Migranten einen Verein gründen wollen, sich in der Kommune einbringen wollen oder Mitstreiter für ein Projekt suchen – hier finden sie eine kompetente Ansprechpartnerin: Jessica Meier hat Ethnologie und Geografie studiert, sich jahrelang bildungspolitisch ehrenamtlich engagiert und dabei selbst alle Seiten der Vereinsarbeit bis hin zum Vorstand kennengelernt. Außerdem hat die 26-Jährige die Erstberatung für Flüchtlinge übernommen und nach ihrem Master beim DRK in der „Geflüchtetenhilfe“ gearbeitet.

Migrantinnen wollen ihre Interesse vertreten

Dass sie das alles nun gebrauchen kann, zeigen schon die ersten Beratungsgespräche in der neuen Anlaufstelle. Da war zum Beispiel die Frau, die mit Freundinnen aus verschiedenen Ländern einen Frauenverein gründen wollte, um ihre Interessen selbstverantwortlich zu vertreten. „Ich habe ihr den Weg zu einem Verein erklärt, wie ich dabei helfe und dass ich die Gruppe so lange wie nötig begleite“, sagt Jessica Meier.

Doch nicht immer sei aber die aufwendige Gründung eines Vereins die beste Lösung. Oft könnten Projekte auch bei anderen Vereinen angedockt werden. Da ist es gut, dass die neue Beratungsstelle bei dem Bündnis „Eine Welt Schleswig-Holstein“ angesiedelt ist. Denn dort hat man bereits mit vielen Mitgliedsorganisationen ein großes Netzwerk aufgebaut.

Ein Syrer informiert und diskutiert in Schulen

So konnte Jessica Meier auch gleich einem Syrer helfen, der sich im Bildungsbereich engagieren wollte, aber nicht wusste wo. Er wird künftig Referent bei „Bildung trifft Entwicklung“. Bei dem Programm berichten Menschen, die längere Zeit im globalen Süden gelebt hat, an Schulen über ihre Erfahrung und diskutieren mit Schülern über globale Entwicklung. 

Tarek Saad weiß aus eigener Erfahrung, dass solch eine Anlaufstelle wichtig ist. Denn es gibt viele Hemmnisse, die Migranten davon abschrecken, sich als Bürger einzubringen.

 „Das fängt schon bei der komplizierten Behördensprache an“, sagt der 26-Jährige und berichtet vom 23. Dezember 2014. Damals erhielt er seine Anerkennung als Flüchtling vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. „Aber das Schreiben war so kompliziert, dass ich es missverstanden habe und dachte, ich sei abgelehnt worden.“ 

Tarek Saad ist in der Politik ein anderer geworden

Nur weil sich Menschen – allen voran die Bürgermeisterin Petra Paulsen von Felde – um ihn gekümmert und ihn ermutigt hätten, trat er 2016 in die SPD ein. Allerdings sind die Möglichkeiten ohne deutsche Staatsbürgerschaft begrenzt. „Ich kann mich nicht zur Wahl stellen oder selbst wählen. Aber innerparteilich können Migranten in den meisten Parteien mitbestimmen, Anträge einbringen, dafür um Mehrheiten werben und so Programme mitbestimmen.“

Aber das sei, wenn man in einer Diktatur groß geworden sei, nicht so einfach. „Man ist misstrauisch und sehr unsicher, ob man alles äußern darf und den anderen vertrauen kann“, sagt der Student. Bei seiner ersten Ortsvereinswahl habe er einfach einmal mit Nein gestimmt. Er wollte prüfen, ob das ungestraft möglich ist. „Serpil Midyatli hat mich sofort verstanden und gesagt: ,Alles in Ordnung’. Das war wichtig für mich.“ Seither hat ihn die politische Arbeit zu einem anderen Tarek gemacht, sagt er.

Durch Mitwirkung überzeugt von Demokratie

„Für die Klimaproblematik hatte ich in Syrien gar keine Zeit. Heute ist mir das wichtig. Und ich bin hier auch zu einem richtigen Feministen geworden. Dass die Frau zu Hause sein muss und der Mann arbeitet – so wie ich es in Syrien gelernt habe –, ist für mich nicht mehr denkbar.“ Tarek Saad hält gerade Mitwirkung für einen guten Weg, Migranten von demokratischen Werten zu überzeugen. „Die Anlaufstelle hilft dabei sicher. Aber es wäre auch wichtig, dass die Politik es beim Aufenthaltsstatus anrechnen würde, wenn sich Migranten ehrenamtlich für die Gesellschaft engagieren.“

Das Projekt „Partizipations- und Vereinsberatung für Migranten und Migrantinnen in Kiel“ wird am Mittwoch, 6. November, in einer öffentlichen Veranstaltung von 17 bis 19 Uhr im Ratssaal des Kieler Rathauses vorgestellt. Der Eintritt ist frei. Die neue Anlaufstelle ist zu erreichen im Sophienblatt 100 beim "Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein" (BEI): Telefon 67939900 oder 0178-6333024, Jessica.Meier@bei-sh.org

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