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Kiel Verein Groschendreher startet in Kiel
Kiel Verein Groschendreher startet in Kiel
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17:50 26.08.2019
Von Heike Stüben
Die Vorstandsmitglieder (von links) Gesa Rogowski, Volker Clasen von der Techniker Kasse, Marion Janser, Wolfgang Mainz, Andrea Böttger, Arne Leisner, die künftige Koorinatorin Svea Schnoor, Marina Koch und Benjamin Walczak wollen mit dem neuen Verein Groschendreher eine Plattform für altersarme Menschen schaffen. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Der aktuelle Sozialbericht der Stadt Kiel zeigt die Dimension des Problems. Danach bezieht jeder 15. in der Altersgruppe Ü-65 Grundsicherung. Damit ist man offiziell als arm anerkannt. Tendenz steigend. Vor zehn Jahren traf dies nur auf jeden 20. zu.

„Dabei gibt es immer noch eine Dunkelziffer, weil sich nach wie vor viele mit kleiner Altersrente nicht trauen, Grundsicherung in Anspruch zu nehmen – auch aus Angst, dass die Kinder herangezogen werden“, erklärte Marina Koch von der Caritas Kiel.

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Vorurteile über Altersarmut

Auch Wohlfahrtsorganisationen wie Awo und Caritas erleben immer wieder, dass Rentner in den letzten Wochen des Monats nur noch von Nudeln oder Brot leben oder auf die Tafel angewiesen sind. „Altersarmut ist immer noch von Scham besetzt“, bestätigt Gesa Rogowski von der Howe-Fiedler-Stiftung. 

Das liegt für Marion Janser von der Diakonie Altholstein auch daran, dass in der Öffentlichkeit das Bild vorherrsche: Wer im Alter arm ist, hat nicht genug gearbeitet. „Die Wirklichkeit sieht anders aus. Es gibt viele Ursachen für Altersarmut. Heute trifft es vor allem Frauen, in Zukunft werden es vor allem Alleinerziehende sein.“

Jeder 3. Rentner von Armut bedroht

Laut Sozialbericht 2018 sind in Kiel 31 Prozent über 65 Jahren von Altersarmut bedroht. Das ist fast jeder Dritte in der Altersgruppe. Tendenz steigend. Bundesweit sind es nicht einmal halb so viele (15 Prozent). Für das neue Bündnis ist das nicht akzeptabel.

„Wir können zwar die Altersarmut nicht abschaffen, weil das politische Entscheidungen erfordert. Aber wir können zusammen mit den Betroffenen Angebote finden und entwickeln, damit sie am Leben teilhaben können. Denn es ist auch eine Form von Armut, wenn man keine sozialen Kontakte mehr hat oder sich nicht mehr zu kulturellen Veranstaltungen traut“, sagt Arne Leisner vom Amt für Soziale Dienste in Kiel.

Armut macht krank

Ziel des Vereins ist also mehr Lebensqualität. Aber es geht um noch viel mehr. Denn Studien belegen, wie finanzielle Armut oft eine Spirale in Gang setzt, erklärt Andrea Böttger vom Gesundheitsamt Kiel: Rückzug, Vereinsamung, wenig Bewegung, gesundheitliche Probleme, Isolation, Pflegebedürftigkeit …

Deshalb unterstützt die Techniker Kasse TK den Groschendreher. "Wir begrüßen den innovativen Ansatz, auf die Menschen zuzugehen. Jeder weiß, dass wenn man wieder in Kontakt mit Menschen kommt, man regelrecht aufblüht. Und das allein fördert schon die Gesundheit", sagt Volker Clasen von der TK. Die Krankenkasse stellt deshalb eine Anschubfinanzierung von gut 200000 Euro für fünf Jahre bereit.

Die Landeshauptstadt Kiel fördert den Verein mit weiteren 50000 Euro. Man wird auf Dauer aber vor allem auf Spenden angewiesen sein.

Svea Schnoor ist Ansprechpartnerin

Mit dem Geld soll ab Oktober 2019 unter anderem Svea Schnoor und ein  Büro im Neuen Rathaus finanziert werden. Schnoor schreibt gerade ihre Masterarbeit zum Thema Gesundheitsförderung und -prävention bei altersarmen Menschen. Sie weiß, wie schwierig es ist, überhaupt an diese Menschen heranzukommen. „Ich setze dennoch auf die direkte Ansprache, aber auch auf Hinweise von Angehörigen.“

Sinn voll wäre es auch, wenn Pflegedienste und Ärzte auf den Verein aufmerksam machen. „Denn wir wollen die Betroffenen motivieren, selbst aktiv zu werden, bei uns mitzumachen. Der Verein soll ihre Plattform, ihr Sprachrohr sein", betont der Vereinsvorsitzende Benjamin Walczak, der 2015 als damaliger SPD-Ratsherr (unter seinem Geburtsnamen Raschke) das Thema angeschoben hatte. 2018 wurde daraufhin das Bündnis gegen Altersarmut in Kiel beschlossen.

Mehr zum Verein

Wer steckt hinter dem Verein Groschendreher?

Hinter dem Verein steht ein breites Bündnis von Privatleuten und verschiedenen Kieler Organisationen: der Arbeiter-Samariter-Bund Kiel, die Arbeiterwohlfahrt Kiel, die Caritas im Erzbistum Hamburg, der Diakonie Altholstein, der Howe-Fiedler-Stiftung, der Landeshauptstadt Kiel, die Pfarrei Franz v. Assisi, der Kreisverband vom Sozialverband Deutschland SoVD und die Stadtmission (Stadt.mission.mensch).

Als Vorsitzender wurde Benjamin Walczak gewählt, Gesa Rogowski zu Stellvertreterin. Außerdem gehören Wolfgang Mainz, Marina Koch, Arne Leisner, Marion Janser und Andrea Böttger zum Vorstand. Kontakt: info@groschendreher.de

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