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Kiel Mietwucher? Hier bestimmen die Bewohner
Kiel Mietwucher? Hier bestimmen die Bewohner
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17:08 20.05.2019
Von Heike Stüben
Yvonne Schmiedeberg ist begeistert von ihrer hellen Wohnung in Kiel-Mettenhof mit Blick ins Grüne - und von den niedrigen Kosten. "Dass ich Mitglied bei der Bewohnergenossenschaft Esbjergweg eG geworden bin, war das Beste, was ich machen konnte." Quelle: Ulf Dahl
Mettenhof

Eine Wohnung in Mettenhof. 66 Quadratmeter, teilrenoviert. Nettokaltmiete 525 Euro. Ganz in der Nähe eine ähnliche Wohnung, gleiche Größe, top in Ordnung. Miete 347 Euro. Wie kann das sein? Die Erklärung: Die erste Wohnung gehört einem börsennotierten Wohnungskonzern, die zweite der Bürgergenossenschaft Esbjergweg.

Das Besondere: Hier stellen die Bewohner die Mehrheit im Vorstand und Aufsichtsrat und vertreten ihre Mieterinteressen selbst. Neben fünf Bewohnern sitzen noch drei Externe im Vorstand, die ihr Fachwissen einbringen.

Verkauf an Investoren verhindert  

„Die Bewohner tragen die Stimmungen und vor allem die Probleme der Menschen in den Vorstand. Dadurch können wir bei allen Entscheidungen immer von der Bewohnerseite her denken“, sagt der Geschäftsführer Niels Grabert – einer von fünf Teilzeitangestellten der Genossenschaft.

Mit der Konstruktion wollten die Gründer der Genossenschaft 1998 sicherstellen, dass nicht gegen die Interessen der Bewohnerschaft entschieden werden kann. Damals hatten sich 30 Mieter zusammengetan. Sie wollten den Verkauf der Häuser an externe Investoren verhindern und sahen die Alternative in einer Genossenschaft.

Das Ziel: ihre Angelegenheiten selbst regeln, dauerhaft für bezahlbaren Wohnraum sorgen und beweisen, dass man mit Engagement auch in einem Stadtteil mit belastetem Ruf eine hohe Lebensqualität schaffen kann. Das Innenministerium, Fachleute und Förderer unterstützten das Projekt. Die ersten beiden Immobilien konnten gekauft werden.

Wohnungstausch inklusive

Natürlich gibt es auch hier Mieterhöhungen. „Aber wir entscheiden danach, was notwendig ist, und nicht, was machbar ist“, erklärt Yvonne Schmiedeberg, Bewohnerin und Vorstandsmitglied. Für die 58-Jährige sind zwei Kriterien ausschlaggebend: Die Miete muss bezahlbar, die Wohnungssubstanz erhalten bleiben.

Sie selbst hat zunächst mit ihrer Pflegetochter in einer Dreizimmer-Wohnung gelebt. 81 Quadratmeter für 542 Euro, Betriebskosten und Heizung inklusive. Als die Pflegetochter auszog, wollte sich Yvonne Schmiedeberg wohnlich verkleinern und tauschte. Jetzt wohnt sie auf 60 Quadratmeter für 421 Euro warm. 

Solche Mieten sind nur möglich, weil Verschönerungen auch mal zurückgestellt werden. Natürlich seien damit nicht immer alle zufrieden. „Auch bei uns gibt es Auseinandersetzungen, auch mal eine Räumungsklage. Aber das sind Ausnahmen. In meinen 13 Jahren hier haben wir vielleicht zehn Briefe vom Mieterverein bekommen“, sagt Niels Grabert.

Mieten liegen unter dem Mietspiegel-Niveau in Kiel

Und was ist mit Modernisierungen? Führen die auch hier zu drastischen Mietsteigerungen? Beispiel Wohnblock Helsinkistraße: Dort muss die Fassade modernisiert werden. Die Nettokaltmiete ist deshalb zu Jahresbeginn auf 5,25 Euro pro Quadratmeter gestiegen.

Bei Neuvermietung würden 5,60 Euro fällig, aber die ist nicht in Sicht. Doch selbst das wäre noch außerordentlich günstig. Denn die Vergleichsmiete laut Mietspiegel liegt bei 5,75 Euro und den Modernisierungsanteil schlagen andere Vermietern noch obendrauf.

Direkter Draht zum Hausmeister

Doch nicht nur die niedrigen Mieten haben die Genossenschaft zu einem Geheimtipp gemacht. „Wir haben hier einen Ansprechpartner, den wir persönlich kennen, einen direkten Draht zum Hausmeister, landen nicht irgendwo in einer Warteschleife. Das beste ist aber unsere Hausgemeinschaft“, sagt die Bewohnerin Silke Christensen.

Das gute Miteinander hat seinen Grund, erzählt Sabine Stender. Als sie ihr Domizil auf dem Land aufgeben wollte, weil ihr das Drumherum mit Heckeschneiden, Schneeschippen und Co. zu viel wurde, bewarb sie sich um eine Genossenschaftswohnung und wurde zu einem Kennenlerngespräch mit den direkten Nachbarn eingeladen. „Die Nachbarn können am besten beurteilen, wer zu ihnen passt. Darauf nehmen wir Rücksicht, und damit fahren wir gut. Viele Konflikte lassen sich dadurch vermeiden“, sagt Grabert

Mitspracherecht bei neuen Mietern

Er erlebe immer wieder, wie bei diesen lockeren Treffen Vorurteile abgebaut werden und sich daraus sogar Freundschaften entwickeln. So finden sich auf den Klingelschildern keineswegs nur deutsche Namen. „Wir sortieren Bewerber nicht aus, weil sie Flüchtling sind oder die Eltern Gastarbeiter waren. Auch ein Schufa-Eintrag ist kein Hinderungsrund, wenn jemand zu uns passt“, betont Sabine Stender.

Ruf nach mehr Bewohnergenossenschaften 

Dass sie Genossenschaftsmitglied wurde und nach Mettenhof gezogen ist, hat die 60-Jährige, die in den Aufsichtsrat gewählt wurde, nicht bereut. Doch eines versteht sie nicht: Warum macht das Konzept nicht Schule?

Auch die Genossenschaft selbst würde gerne noch das eine oder andere Wohnhaus im Stadtteil kaufen. „Unsere Eigenkapitalquote ist zwar nicht so hoch, aber wir bieten den Banken mit unseren Immobilien Sicherheiten“, sagt Grabert. Das Problem: Die Wohnblöcke in Mettenhof werden von den großen Gesellschaften nur im Gesamtpaket verkauft. Eine kleine Bewohnergenossenschaft kann da nicht mithalten.

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