Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel „Kiel kann die Kosten stemmen“
Kiel „Kiel kann die Kosten stemmen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:00 20.11.2015
Von Martina Drexler
Erwartet, dass der Bund mindestens ein Drittel der Kieler Kosten übernimmt: Oberbürgermeister Ulf Kämpfer. Quelle: Sven Janssen
Kiel

Machen wir einen kleinen Zeitsprung zum Abend des Bürgerentscheids. Ab welchem Ergebnis hätten Sie richtig gute Laune?

Wenn die Zustimmung deutlich über 50 Prozent liegt. Dann hätte die Bewerbung ordentlich Rückenwind, und es wäre auch ein starkes Signal gegenüber dem IOC.

„Deutlich“ heißt also nicht ein bis zwei Prozentpunkte?

Nein, das sollten schon ein paar Punkte mehr sein. Genauso wichtig ist mir die Wahlbeteiligung. Da bin ich positiv überrascht. Sie ist bei der Briefwahl bisher so hoch wie 2014 zur OB- und Möbel-Kraft-Entscheidung. Wenn wir das Niveau von normalen OB-Wahlen erreichen, bei Susanne Gaschke waren es 32 Prozent, das wäre schon gut. Gerade die Menschen, die glauben, dass es sowieso eine klare Mehrheit für Olympia gibt, sollten unbedingt zur Wahl gehen. Sonst haben wir am Ende ein Problem.

Die schärfste Kritik macht sich daran fest, dass sich Kiel die Olympischen Spiele gar nicht leisten kann – vor allem angesichts der Flüchtlinge, die in den nächsten Jahren auch noch erwartet werden.

Da hilft es, sich die Dimensionen zu vergegenwärtigen. Wir reden im Fall Kiel über Extra-Kosten für die Stadt in Höhe von 15 bis 20 Millionen, die wir uns irgendwo zusammenklauben müssen – sei es durch eine höhere Verschuldung oder den Verzicht auf andere Projekte. Das ist im Vergleich zu anderen Ausgaben nicht viel. Wir geben derzeit jährlich 100 Millionen Euro für Bildung und Betreuung aus. Wir geben noch viel mehr für soziale Zwecke aus. Diese Summen werden bis 2024 in jedem Fall weiter wachsen. Und wenn wir uns zum Beispiel einen ZOB für elf Millionen und einen Neubau des Regionalen Berufsbildungszentrums für zehn Millionen leisten, käme niemand auf die Idee, diese Projekte wegen der Flüchtlingssituation infrage zu stellen. Unabhängig von aktuellen und drängenden Themen geht es im Fall von Olympia um langfristige Zukunfts- und Entwicklungsfragen der Stadt. Gute Politik muss nicht nur das dringend Wichtige machen, sondern auch das wichtige Nicht-Dringende. Dazu gehört auch Olympia.

Bitte noch einmal konkret. Warum sollen die Kieler glauben, dass im Falle einer erfolgreichen Bewerbung genauso viele Schulen und Straßen saniert werden, als wenn die Stadt keine 41 Millionen Euro für Olympia ausgeben müsste?

Natürlich kann ich jeden Euro nur einmal ausgeben. Aber neben den Pflichtthemen wie Soziales und Bildung muss eine Stadt auch immer Spielraum für Zukunftsentwicklungen haben. Das kann der Kleine-Kiel-Kanal genauso sein wie ein Science Center – oder eben auch Olympia. Solche Projekte müssen nicht zu Lasten anderer Aufgaben gehen. Würden wir über Hunderte Millionen für Olympia reden, könnte ich das nicht verantworten. Aber auf mehrere Jahre verteilt kann Kiel die Olympia-Kosten stemmen. Auch die Kieler Woche kostet uns Geld. Aber niemand käme auf die Idee, sie infrage zu stellen, um Schulen schneller zu sanieren.

Ungeklärt ist auch noch, ob der Bund tatsächlich ein Drittel der Kieler Kosten übernimmt.

Ich erwarte, dass der Bund sogar noch mehr zahlt. Es ist ein nationales Projekt. Wir haben deshalb die 41-Millionen-Grenze für Kiel definiert und müssen auch akzeptieren, dass der Bund unsere Planungen in Ruhe prüft. Bis zum Februar wird das geklärt sein. Ich verspreche den Kielerinnen und Kielern, dass wir die Konsequenzen ziehen, falls die Unterstützung aus Berlin zu gering ist. Ich werde die finanzielle Zukunft Kiels nicht aufs Spiel setzen.

Die Details zur Fußball-WM-Vergabe 2006 belasten die Olympia-Debatte. Warum sind Sie sich sicher, dass es diesmal sauber zugeht?

Weil Hamburg und Kiel nicht vorhaben, sich durch unlautere Mittel Vorteile zu verschaffen. Wir glauben an die Olympische Idee. Wir stehen für Nachhaltigkeit, Kostentransparenz, Bürgernähe und Menschenrechte. Aber natürlich: Wenn das im IOC außer uns keiner will, möchte ich die Spiele auch gar nicht haben. Dass wir jetzt in der Leichtathletik und im Fußball Skandale haben, bietet auch die Chance, dass aufgeräumt wird.

Wo müssen Sie am meisten tun, damit die Skeptiker am Ende Unrecht haben?

Ich muss mich vor allem darum kümmern, dass wir den Kieler Haushalt in den Griff bekommen. Nur so kann ich im Fall einer erfolgreichen Bewerbung mein Versprechen einhalten, an vielen Stellen gleichzeitig die Zukunft Kiels gestalten zu können – also ohne Nachteile für den sozialen und den Bildungsbereich.

Das Gespräch führten Martina Drexler und Kristian Blasel

Unternehmer sind meist Zahlenmenschen. Aber Zahlenspiele zur Kosten- und Nutzenanalyse Olympischer Spiele sucht man derzeit in Wirtschaftskreisen vergeblich. Trotzdem sind sich die meisten Unternehmer im Norden einig: Schon die Bewerbung allein hätte einen unbezahlbar wertvollen Effekt für die gesamte Region – vorausgesetzt die Bürgerentscheide in Hamburg und Kiel am 29. November laufen auf ein „Ja“ zu den Spielen hinaus.

Jürgen Küppers 20.11.2015

Die Geschichte deutscher Olympia-Bewerbungen, das ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Anfang des vergangenen Jahrhunderts tat Berlin alles, um Austragungsort der begehrten Sportwettkämpfe zu werden – und hatte doch immer wieder das Nachsehen.

Kristian Blasel 20.11.2015

1936, 1972 – 2024? Kiel wäre die erste Stadt der Welt, die zum dritten Mal olympische Segelspiele ausrichten darf. Bei der Premiere 1936 vor dem Hindenburgufer war alles noch eine Nummer kleiner. Vier Bootsklassen segelten auf der Innenförde: die gerade erst entwickelte Olympiajolle, das Starboot, die 6m- und die 8m-Rennklasse. Von einem olympischen Dorf gab es noch keine Spur.

Gerhard Müller 20.11.2015