Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Torsten Albig: Immer auf dem Sprung
Kiel Torsten Albig: Immer auf dem Sprung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 06.01.2016
Von Martina Drexler
Das RBZ Wirtschaft zählt für Torsten Albig zu seinen Lieblingsplätzen in Kiel. „Ich bin sehr stolz und froh, dass dies zu einem guten Ende kam“, sagt er heute. Quelle: Frank Peter
Kiel

Drei Jahre später gelingt es dem 49-Jährigen, als erster schleswig-holsteinischer Verwaltungschef aus dem Amt heraus Ministerpräsident zu werden. Gleichwohl gibt es das Vorbild Oskar Lafontaine. Der war Oberbürgermeister in Saarbrücken und dann Ministerpräsident des Saarlandes. Später wurde Lafontaine Bundesfinanzminister – mit dem Juristen Albig als Sprecher.

 Sprecher ist Albig auch 2002, und zwar der Dresdner Bank, bevor er als Stadtrat nach Kiel wechselt. Der Realitätsschock in einer verschuldeten Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit, steigenden Kita-Gebühren, maroden Schulen und Schwimmhallen lässt nicht lange warten. Aber schon als Kämmerer, der 2006 einen Haushalt mit einem geschätzten Rekorddefizit von 111 Millionen Euro einbringen muss, versteht Albig sich darauf, schlechte Nachrichten mit der Aussicht auf Besserung zu verpacken. Kurze Zeit wird er Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Die Nachricht überrascht im Rathaus wie in der Partei ebenso wie die Aussage im Abschiedsinterview mit den KN: „In der Tat gibt es eine Aufgabe, für die ich von jedem Ort dieser Welt nach Kiel zurückkommen würde.“ Jeder versteht das Signal: Hier meldet ein beliebter Ex-Stadtrat Ambitionen auf die Macht im Rathaus an. Seine Familie wohnt weiterhin in Kiel-Suchsdorf.

Die schärfste Waffe ist die Rhetorik

 Seine schärfste Waffe bleibt das Wort: In Berlin als kompetenter, zuweilen bissiger und arrogant wirkender Sprecher bekannt, setzt sich der OB-Kandidat in Kiel zuerst gegen seinen parteiinternen Konkurrenten Gerwin Stöcken und später gegen seine frühere Dienstherrin Angelika Volquartz durch. Man lebe in Berlin wie in einem virtuellen Raumschiff, begründet er seine Bewerbung, als Verwaltungschef von 4400 Mitarbeitern politisch gestalten zu können. Der von den Grünen unterstützte Wahlkampf unter dem Motto „Bildung statt Straßen“ , erinnert er sich, war eine tolle Zeit. Die große Freude früherer Mitarbeiter über den Wahlsieg, die bekannten Abläufe und Themen – er habe als Verwaltungschef schnell das Gefühl gewonnen, „nach Hause gekommen zu sein“. Rhetorisch eloquent entwirft er Visionen für die Stadt 2020, schreibt sich auf die Fahnen, mit dem Bau regionaler Bildungszentren – das Projekt hatte noch Volquartz angeschoben – den Schülern eine andere Welt eröffnen zu wollen. In seine Amtszeit fällt auch die Entscheidung, ein Zentralbad an der Hörn zu bauen als Ersatz für die maroden Bäder. Die spätere Küstenkoalition im Land kann der Oberbürgermeister bereits im Rathaus bei der „Dänen-Ampel“ testen.

 Ob Alte Feuerwache oder „Nordlicht“ – die Innenstadt erhält in der kurzen Albig-Zeit einen Schub. Gaarden erfährt eine Aufwertung durch verschiedene Initiativen und Albig gelingt es, ein breites Bündnis für die umstrittene Ansiedlung von Möbel Kraft zu schmieden. Auch CDU und FDP stimmen dem Projekt zu. Doch zunehmend werfen die politischen Gegner Albig vor, ein Oberbürgermeister der Ankündigungen mit einem Hang zu Sonntagsreden zu sein, statt die Umsetzung anzupacken. Konsequente Verwaltungsreformen oder der Abbau des Schuldenbergs kommen nicht richtig voran. Auch intern wird der Ruf nach konkreten Handlungskonzepten lauter. Als eine der wenigen Niederlagen empfindet er im Rückblick, die Stadtregionalbahn nicht schneller vorangebracht zu haben: Das wäre ein Leuchtturmprojekt für Kiel, aber auch für die Region gewesen.

 Immer wieder bezeichnet er das Amt als den schönsten Job. Zum ersten Mal habe er sich als Politiker gefühlt, der hautnah mitbekomme, was die Leute vor Ort bewege: „Ein Oberbürgermeister gilt als allzuständig.“ Das Schönste sei gewesen, sagt er später, so viele Menschen kennengelernt zu haben, die sich ehrenamtlich für die Stadt einsetzten.

Verantwortung gegenüber der Partei

 Was treibt ihn dann aus dem Traum-Amt? Schon während seiner Amtszeit wird er mit dem Vorwurf konfrontiert, die Position nur als Sprungbrett zu nutzen. Als er ankündigt, sich dem Duell mit Ralf Stegner zu stellen, um SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl zu werden, ist das Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Sie werfen ihm vor, damit das im Rathaus gegebene Versprechen zu brechen, sechs Jahre im Amt zu bleiben. Albig aber verweist auf die „nicht vorhersehbaren Neuwahlen“ und die Verantwortung gegenüber seiner Partei, in der die meisten ihn als Hoffnungsträger sehen.

 Spricht Albig über Kiel, ist das nach wie vor ein Bekenntnis zu „einer der tollsten Städte Deutschlands, in der sich gut leben lässt.“ In seinem Büro erinnert nicht nur das aus dem Rathaus mitgebrachte Hufeisen und ein Bild von der Schwentine-Mündung an sein OB-Amt. Als er 2002 von Frankfurt in Richtung Kiel loszog, habe er Glückwünsche mit auf den Weg bekommen, in einer solch schönen Stadt wohnen zu können, erzählt er. Und die Kieler? So mancher habe ihn später eher verständnislos gefragt, wie er Berlin für Kiel habe eintauschen können. Die Kieler und Kielerinnen könnten ruhig selbstbewusster sein und Dinge mutiger angehen, findet er – als ehemaliger Oberbürgermeister und heutiger Ministerpräsident.

Mehr zum Thema

Als die CDU-Bundestagsabgeordnete Angelika Volquartz im März 2003 die Macht im Kieler Rathaus erobert, kommt dies einem politischen Erdbeben gleich. Die damals 56-Jährige bricht die mehr als ein halbes Jahrhundert währende SPD-Herrschaft über das Oberbürgermeister-Amt.

Martina Drexler 30.12.2015
Kiel OB-Serie: Norbert Gansel Oberbürgermeister aus Leidenschaft

Norbert Gansel wird 1997 Kiels erster direkt gewählter Verwaltungschef nach dem Krieg. Er machte die Belange der Stadt zu seinen eigenen – immer, auch wenn es nur um ein Volksfest ging. Der Sozialdemokrat war Oberbürgermeister aus Leidenschaft.

Uta Wilke 23.12.2015

Otto Kelling für diese Serie ausfindig zu machen, war eine Herausforderung. Niemand seiner Wegbegleiter wusste, was aus dem großen, hageren Mann geworden ist, der von 1992 bis 1996 Oberbürgermeister war und Kiel bundesweit in die Negativ-Schlagzeilen brachte.

Uta Wilke 16.12.2015
Kiel WM der Universitätsdebattierclubs Lust auf Rededuelle und gute Argumente

Bei der „World Universities Debating Championship“ (WUDC) treten jedes Jahr 100 Teams an, um sich in Rhetorik und im Argumentieren zu üben. Mit dabei waren die Aleksandar Markovic (26) und Rauad Abagela (27) vom Debattierclub der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Vorm Finale war jedoch Schluss für die Kieler.

Merle Schaack 06.01.2016

Der Winter hat nicht nur die Menschen überrascht. Ein Schwanenpaar hat der Nachtfrost auf dem Kleinen Kiel kalt erwischt. Nachdem die Tiere mit den Füßen scheinbar im Eis feststeckten, riefen Passanten am Dienstag um 10 Uhr die Berufsfeuerwehr der Landeshauptstadt.

Frank Behling 05.01.2016

Wenn der Weihnachtsbaum seinen Dienst als Wohnzimmerschmuck getan hat und als Bio-Abfall auf einem der städtischen Sammelplätze gelandet ist, nimmt der Wiederverwertungs-Kreislauf seinen Lauf. In unserer interaktiven Karte finden Sie die Tannenbaum-Sammelpunkte aus der Region.

KN-online (Kieler Nachrichten) 05.01.2016