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Kiel „Der Haushalt wird für Jahrzehnte ruiniert“
Kiel „Der Haushalt wird für Jahrzehnte ruiniert“
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01:00 20.11.2015
Von Martina Drexler
Stefan Rudau ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Linken im Kieler Rathaus. Quelle: fpr: Frank Peter

Sollten die Olympia-Kosten die Grenze von 41 Millionen Euro überschreiten, will Kiel aussteigen. Warum halten Sie die Finanzrisiken trotzdem für zu hoch?

Stefan Rudau: Ich bezweifele, dass es bei den 41 Millionen Euro bleibt. Die öffentlichen Investitionen von geschätzt 123 Millionen Euro werden auch noch steigen. Der Bund, der noch keine Zusage gemacht hat, stellte klar, nicht für reine Stadtentwicklungsmaßnahmen aufzukommen. Warum soll er also dann für eine begehbare Mole in Schilksee zahlen? Bis Ende des Jahres liegen nach einer Antwort auf unsere Anfrage die städtischen Bewerbungskosten bereits bei 1,4 Millionen Euro samt Personalkosten. Bisher war von etwa 790000 Euro die Rede. Die Millionen-Grenze ist also bereits geknackt.

Die Olympia-Befürworter erhoffen sich einen Riesenschub für die Entwicklung der gesamten Region. Wieso befürchten Sie eine reine Geldverschwendung?

Wir müssen doch erst einmal unsere Hausaufgaben machen. Wir haben einen großen Investitionsstau im Breitensport und einen erheblichen Investitionsbedarf für sozialen Wohnungsbau. Wir laufen mehr oder weniger auf eine Wohnungskatastrophe zu. Da muss man erst einmal Geld hineinstecken, um die grundsätzliche Daseinsvorsorge zu erfüllen. Wenn dann noch Geld übrig sein sollte, könnte man vielleicht irgendwann in der Zukunft daran denken, sich ein drittes Mal um die Olympia-Regatten zu bewerben. Derzeit ist aber meine Hauptbefürchtung, dass der Haushalt über Jahrzehnte ruiniert ist. Ich bezahle doch sonst auch erst die Miete und hänge mir dann ein teures Bild an die Wand.

In Schilksee, sagt die Stadt, muss sie für den Standort sowieso viel Geld in die Hand nehmen. Olympia würde das Ganze erleichtern. Was halten Sie von dem Konzept?

Abseits von Segelwettbewerben ist es doch ein relativ ausgestorbenes Fleckchen. Ich fürchte, dass es zu einer weiteren Steigerung der Angebotsmieten kommen wird, die sich bereits jetzt um neun Prozent erhöht haben. Der Stadtteil wird einen Austausch der Bevölkerung erleben. So fängt Gentrifizierung an. Nach den Spielen soll sich das Olympische Dorf in teure Ferienwohnungen oder Eigentumswohnungen verwandeln, die vermutlich als Anlageobjekte herhalten.

Sie warnen vor der Gefahr korrupter Spiele. Nehmen Sie dem IOC den Reformkurs nicht ab?

Bisher nicht. Wir erleben es jetzt ja gerade bei der Fifa, wozu Hinterzimmerabsprachen und Korruptionsskandale führen. Für mich ist zwischen Fifa und IOC kein sonderlich großer Unterschied.

Wie wollen Sie weiter für Ihre Position kämpfen?

Je mehr Fakten auf den Tisch kommen, umso mehr Menschen meinen, das können wir uns nicht leisten. In der Ratsversammlung stellen wir einen Berichtsantrag zu den Kosten des Sicherheitskonzepts. Inwieweit kommen Drohnen und Kameras zum Einsatz oder werden Bürgerrechte eingeschränkt, etwa durch ein Demonstrationsverbot? Viele erinnern sich zwar noch an den Schub für die Infrastruktur, als Kiel Olympia-Stadt 1972 war. Doch das ist lange her. Die Spiele haben sich seitdem kommerzialisiert. Ich denke, beim Bürgerentscheid wird es eine geringe Wahlbeteiligung geben.

Interview: Martina Drexler

Unternehmer sind meist Zahlenmenschen. Aber Zahlenspiele zur Kosten- und Nutzenanalyse Olympischer Spiele sucht man derzeit in Wirtschaftskreisen vergeblich. Trotzdem sind sich die meisten Unternehmer im Norden einig: Schon die Bewerbung allein hätte einen unbezahlbar wertvollen Effekt für die gesamte Region – vorausgesetzt die Bürgerentscheide in Hamburg und Kiel am 29. November laufen auf ein „Ja“ zu den Spielen hinaus.

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