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Kiel Die Mehrheit allein ist nicht genug
Kiel Die Mehrheit allein ist nicht genug
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01:00 20.11.2015
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Die Olympia-Befürworter wissen die Unterstützung der Stadt, der Kieler Wirtschaft und der breiten Mehrheit der Ratsversammlung hinter sich (v. li.): Olympia-Projektleiter Christian Riediger, Ströer-Niederlassungsleiterin Iris Petersen, OB Ulf Kämpfer und Peter Weltersbach (IHK). Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Warum gibt es überhaupt ein Referendum?

Die Städte Hamburg und Kiel haben sich freiwillig entschieden, die Bevölkerung über die Bewerbung abstimmen zu lassen. Für die Kandidatur ist die Volksbefragung nicht nötig. Sämtliche Mitbewerber verzichten darauf, die Bevölkerung direkt zu befragen. Sollte es zu einem Ja kommen, wäre der Vorteil aus Sicht der Befürworter eindeutig: Hamburg und Kiel wären die einzigen Kandidaten, die einen zweifelsfreien Beleg für die Unterstützung ihrer Bevölkerung hätten. Laut IOC-Agenda gehört dies zu den wichtigen Entscheidungskriterien für die Vergabe.

Was passiert, wenn sich die Mehrheit gegen Olympia ausspricht?

Wenn der Entscheid in Hamburg an der 50-Prozent-Marke scheitert, ist die Folge ganz einfach: Die deutsche Kandidatur wäre beendet, der Olympia-Traum zumindest mit Blick auf 2024 geplatzt. Sollten jedoch nur die Kielerinnen und Kieler die Bewerbung ablehnen, wäre Schilksee zwar aus dem Rennen. Hamburg hätte dann aber die Möglichkeit, sich eine andere deutsche Stadt als Partner für die Segelwettbewerbe auszusuchen: beispielsweise Rostock, das das nationale Duell in der Vorentscheidung gegen Kiel verloren hatte.

Welche Folgen hätte ein Nein für den deutschen Sport und Deutschland?

Nachdem schon die Münchner die geplante Bewerbung um die Winterspiele 2022 durchfallen ließen, hätte sich das Thema Olympia vermutlich für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte erledigt. Welche Stadt würde dann noch das Risiko eingehen, auf nationaler Ebene zu scheitern? Zumal die Kosten für eine Bewerbung bereits in der Frühphase wie jetzt in Hamburg einen zweistelligen Millionenbeitrag verschlingen. Und Deutschland hätte damit weltweit das Signal gesendet, an Olympischen Spielen 43 Jahre nach München 1972 kein Interesse zu haben.

Kann die Politik nach einem Ja noch eingreifen?

Auf jeden Fall. Selbst bei einer breiten Mehrheit in der Bevölkerung für die Bewerbung um die Olympischen Spiele, können Hamburg und Kiel auch künftig die Kandidatur stoppen. Sowohl Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz als auch Kiels OB Ulf Kämpfer haben versprochen, ihre Städte finanziell nicht zu überlasten. Scholz steht im Wort, dass Hamburg nicht mehr als die zugesagten 1,2 Milliarden Euro beisteuern wird. Kämpfer (siehe Interview Seite 5) hat versprochen, nicht „die finanzielle Zukunft Kiels“ aufs Spiel zu setzen. Die Ratsversammlung ist zudem verpflichtet, die Bürgerinnen und Bürger über das Projekt neu abstimmen zu lassen, falls die Kosten um mehr als 25 Prozent steigen.

Sind im Fall einer erfolgreichen Kandidatur während der Spiele die Bürgerrechte in Gefahr?

Nein. Die Grundrechte und das viel diskutierte Demonstrationsrecht können auch vom IOC nicht außer Kraft gesetzt werden. Möglich ist es jedoch, dass im Zusammenhang mit den Spielen im Rahmen eines Sicherheitskonzeptes Bannmeilen verhängt werden – beispielsweise, um die Durchführung der Wettkämpfe und der Siegerehrungen zu garantieren. Unbestritten ist zudem, dass – je nach politischer Lage im Jahr 2024 – ein erheblicher Sicherheitsaufwand nötig wäre. Die Beschaulichkeit der ersten Wettkampftage in Schilksee 1972, als allenfalls ein paar Verkehrspolizisten zu sehen waren, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Auf die Gefahr von Anschlägen muss sich seit dem Münchener Attentat vom 5. September 1972 jeder Austragungsort einstellen.

Von Gerhard Müller und Kristian Blasel

Unternehmer sind meist Zahlenmenschen. Aber Zahlenspiele zur Kosten- und Nutzenanalyse Olympischer Spiele sucht man derzeit in Wirtschaftskreisen vergeblich. Trotzdem sind sich die meisten Unternehmer im Norden einig: Schon die Bewerbung allein hätte einen unbezahlbar wertvollen Effekt für die gesamte Region – vorausgesetzt die Bürgerentscheide in Hamburg und Kiel am 29. November laufen auf ein „Ja“ zu den Spielen hinaus.

Jürgen Küppers 20.11.2015

Die Geschichte deutscher Olympia-Bewerbungen, das ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Anfang des vergangenen Jahrhunderts tat Berlin alles, um Austragungsort der begehrten Sportwettkämpfe zu werden – und hatte doch immer wieder das Nachsehen.

Kristian Blasel 20.11.2015

1936, 1972 – 2024? Kiel wäre die erste Stadt der Welt, die zum dritten Mal olympische Segelspiele ausrichten darf. Bei der Premiere 1936 vor dem Hindenburgufer war alles noch eine Nummer kleiner. Vier Bootsklassen segelten auf der Innenförde: die gerade erst entwickelte Olympiajolle, das Starboot, die 6m- und die 8m-Rennklasse. Von einem olympischen Dorf gab es noch keine Spur.

Gerhard Müller 20.11.2015