Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Diskussionen bis in die Nacht
Kiel Diskussionen bis in die Nacht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:10 27.01.2016
Von Thomas Paterjey
Die Ortsbeiratssitzung in Suchsdorf wurde wegen Überfüllung des SSV-Vereinslokals nach wenigen Minuten abgebrochen. Stadtrat Gerwin Stöcken (Mitte) und der Ortsbeiratsvorsitzende Reinhard Warnecke (beide SPD) diskutierten anschließend mit aufgebrachten Bürgern vor der Terrassentür. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Mehrere Hundert Menschen sind gekommen, um sich über die angedachte Flüchtlingsunterkunft im Neubaugebiet Suchsdorf an der Au zu informieren. Zu viel für das Vereinsheim. Aber auch zwei Stunden nach der abgebrochenen Sitzung stehen noch etliche Anwohner zusammen und diskutieren die noch weitgehend unbekannten Pläne. Mitten unter ihnen ist auch Stadtrat Gerwin Stöcken (SPD), der eigentlich während der Sitzung Rede und Antwort stehen wollte. Rauchend steht er auf der Terrasse, enttäuscht vom Ausgang des Abends, und hört sich die Standpunkte einiger Anwohner an. Von einigen wird er hart angegangen. „Pöbeln Sie mich nicht an“, weist er sie zurecht. Doch vor allem sind es Ich-Botschaften, die Stöcken aussendet: „Ich bin nicht Frau Merkel, ich bin der Endabnehmer, ich bin der Stadtrat.“ Er könne nicht die Asylpolitik des Bundes ändern, er müsse handeln und den Menschen, die in Kiel ankommen, ein Obdach bieten. „Was ich Ihnen nicht ersparen kann, ist, dass wir eine Idee haben, über die ich mit Ihnen reden will.“ Und das lieber heute als morgen.

Verein sammelte bereits Fragen und Ängste

Anke Scharrenberg sieht das genauso – und macht Stöcken mit Nachdruck deutlich, dass sie das Areal für ungeeignet hält. „Die Kita hier ist schon überfüllt, unsere Grundschule ist die größte in ganz Schleswig-Holstein“, sagt sie. „Sie begründen Ihre Wahl mit der angeblich vorhandenen Infrastruktur, aber wir haben noch nicht mal einen Sportplatz oder ein Café. Die Argumente bisher sind keine Argumente.“

Bereits am Freitag hatte der Nachbarschaftsverein „Suchsdorf an der Au“ bei einem Treffen „Fragen und Ängste aus der Bevölkerung“ gesammelt, wie Katja Koser erklärt, deren Mann dem Verein vorsitzt. Herausgekommen ist ein 14-seitiger Fragenkatalog mit 54 Punkten. „Wir wollen, dass die schriftlich gestellten Fragen auch schriftlich beantwortet werden“, sagt Koser. Die Sitzung hätte ein Anfang sein können – nun sei unklar, wann es überhaupt Informationen gebe. „Man fragt sich, ob das nicht auch Taktik vonseiten der Stadt sein könnte.“ Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) spricht am Mittwoch von einer Gratwanderung für die Stadt. „Wenn wir, wie in Suchsdorf, mit einer Idee früh an die Öffentlichkeit gehen, machen wir die Leute wild. Kommen wir erst mit fertigen Plänen, gibt es erst recht Protest.“

Gutachten wird weiter diskutiert

Für Gesprächsstoff sorgte weiterhin ein umstrittenes Gutachten, das der Suchsdorfer Gesundheitsökonom Thomas Drabinski im Stadtteil verteilt hatte. Drabinski hat darin den zu erwartenden „Wohlfahrtsverlust durch das geplante Asylantenlager“ berechnet – sprich: den Wertverlust durch eine Unterkunft in der Nachbarschaft. In einer aktualisierten Version hat er seine Wortwahl zwar entschärft, Tanja Delor hält den Text dennoch für „komplett daneben“. Sie vermutet, dass der Verfasser dazu beitragen wolle, dass die Stimmung kippt. „Bei mir hat es das Gegenteil ausgelöst, ich sage: Jetzt erst recht.“ Anke Haas hingegen glaubt, dass der Text „den Zahn der Zeit getroffen“ habe. „Da hat sich jemand sehr geärgert, jemand, der solche Fragen gut bewerten kann, und es aufgeschrieben.“ Dass der Text überspitzt sei, räumt sie ein. Aber auch sie mache sich als Mutter von drei Kindern eben Sorgen.

Dass das Thema inzwischen jedes Gespräch im Stadtteil überschatte, berichtet die Ärztin Kerstin Kramer, die in Suchsdorf lebt und praktiziert. „Jeden Tag habe ich in meiner Praxis Leute, die sich aufregen“, erzählt sie Stöcken. „Man muss uns aber doch einbeziehen.“ Spätestens mit der geplanten Info-Veranstaltung am 6. Februar gibt es dazu einen neuen Anlauf. Stöcken weiß schon jetzt, was ihn dann erwartet.

Mehr zum Thema
Kiel Flüchtlingsunterkunft Suchsdorf Zu viele Menschen: Ortsbeiratssitzung abgebrochen

Viele Suchsdorfer hatten damit gerechnet, der Vorsitzende zeigte sich überrascht: Weil zur außerordentlichen Ortsbeiratssitzung am Dienstagabend mehrere Hundert Menschen ins SSV-Sportheim kamen, wurde sie nach wenigen Minuten abgebrochen. Am Mittwoch soll ein neuer Termin bekanntgegeben werden.

Kristian Blasel 26.01.2016
Kiel Pläne für Flüchtlingsunterkunft Nervosität in Suchsdorf

Gespannte Stimmung in Suchsdorf: Die Nachricht, dass die Stadt in unmittelbarer Nähe zum Neubaugebiet Suchsdorf an der Au die Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft erwägt, hat die Anwohner in Aufregung versetzt. Der Ortsbeirat hat für Dienstagabend zu einer außerordentlichen Sitzung eingeladen.

Kristian Blasel 26.01.2016
Kiel Unterkunft in Suchsdorf Noch ein Platz für Flüchtlinge?

Angesichts des ungebrochenen Zustroms von Flüchtlingen erwägt die Stadt die Aufstellung von Containern in Suchsdorf. Maximal sei dort Platz für 200 Container.

Günter Schellhase 16.01.2016

Der Sozialverband Deutschland SoVD sieht den sozialen Frieden auch in Schleswig-Holstein bedroht – durch das Auseinanderdriften von arm und reich. „Auch in unserem Land steigen die Armutsrisiken für große Gruppen der Bevölkerung ständig“, warnt der SoVD-Landesvorsitzende Wolfgang Schneider.

Heike Stüben 27.01.2016
Kiel Erstaufnahme Nordmarksportfeld Täglich drei Mahlzeiten und 60 Kilo Zucker

Ein ungewöhnlicher Besuch bei einer sehr gewöhnlichen Angelegenheit: Für die Flüchtlinge auf dem Nordmarksportfeld ist das Mittagessen in der Kantine der Höhepunkt des Tages. Um Punkt 12 Uhr wird sich die Glastür zur Kantine öffnen. Schon 30 Minuten vorher drücken sich ein paar Kinder an der Scheibe die Nasen platt, hinter ihnen bilden Flüchtlinge in der eisigen Kälte eine meterlange Schlange.

Karen Schwenke 27.01.2016
Kiel Studenten als Berater Jung, dynamisch und günstig

Am Anfang stand der Wunsch, theoretisches Wissen aus den Studium in die Praxis umzusetzen und dabei wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Inzwischen hat die Idee von Human Jekan, Mahsum Gören, Abdoul Ba und Aslan Taheri für eine studentische Unternehmensberatung weite Kreise gezogen.

Carola Jeschke 27.01.2016