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Kiel Ortsverweis für Straßenkünstler
Kiel Ortsverweis für Straßenkünstler
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00:17 29.06.2013
Von Christian Hiersemenzel
Svetislav Jergic darf mit seinem Programm nicht mehr in der Dänischen Straße auftreten. Ruth König, die dort einen Klassik-CD-Laden betreibt, setzt sich für ihn und die Freiheit der Kunst ein. Quelle: Pregla
Kiel

„Dass der Draht innerhalb des Rathauses kurz ist, liegt für mich auf der Hand“, sagt Ruth König. „Ich möchte aber nicht, dass jemand in unserer Stadt so viel Macht hat, einen wirklich guten, sensiblen Künstler wie Herrn Jergic zu vertreiben. Die Leute wollen doch mal lachen, und die Auftritte sind keineswegs so laut, dass es dröhnen würde. Ich finde diesen Vorgang unglaublich.“

Der Kleinkünstler setzt eine Marionette ein, die zunächst  ganz harmlos wirkt und auf einem Klavier klimpert. Schnell versammelt sich um ihn eine große Menschentraube, und dann funktioniert die Show  immer nach demselben Prinzip: Unbeteiligte Passanten werden durch kurze Musik- oder Texteinspieler karrikiert – nachmittags vergleichsweise familienfreundlich, abends umso derber. Was beim Publikum mal zu Gelächter, mal zu Gejohle führt, hat längst erbitterte Kritiker auf den Plan gerufen. Sie fühlen sich von Jergic‘ Anzüglichkeiten belästigt: Die Scherze seien sexistisch und frauenfeindlich.

2012 hatte die Rechtsanwältin und Ratsfrau Christina Musculus-Stahnke (FDP) im Kieler-Woche-Beirat von ihrem Ärger berichtet. „Ich weiß, wie unangenehm es als Frau ist, wenn man mit seinem Fahrrad durch die Menschenmenge gehen will und plötzlich ungewollt im Mittelpunkt steht. Es darf nicht sein, dass eine Kollegin über Mikrofon zur Schnecke gemacht wird, ohne sich wehren zu können.“ Zumal die Scherze stets unter die Gürtellinie zielten. Im vergangenen Jahr habe sie im Beirat eine Abfuhr erteilt bekommen. „Persönlich atme ich über das Verbot jetzt auf“, sagt Musculus-Stahnke. „Aber die Entscheidung der Verwaltung hat nichts damit zu tun, dass ich Ratsfrau bin.“ Ein solcher Verdacht sei absurd.

„Die Tatsache, dass eine der Beschwerdeführerinnen kommunalpolitisch engagiert ist, macht die Kritik nicht unglaubwürdiger“, stellt Rathaus-Sprecher Tim Holborn klar. Das Kieler-Woche-Büro wolle einen seit Jahren schwelenden Konflikt ausräumen und eine konstruktive Lösung finden. Grundsätzlich sei für alle Kleinkünstler mit festem Kieler-Woche-Engagement ein regelmäßiger Standortwechsel obligatorisch, um Anlieger nicht übermäßig zu belasten. Dieses Prinzip müsse auch für freie Straßenkünstler gelten. Ansprüche auf einen festen Auftrittsort könne niemand geltend machen. „Hinzu kommt, dass an dieser Stelle in der Dänischen Straße elektronische Verstärker nicht zulässig sind. Wir mussten tätig werden und haben dem Künstler einen anderen Platz angeboten.“

In diesen Tagen fragen Besucher immer wieder nach Jergic, und einer rief sogar bei der KN-Leseranwältin Marion Neumann-Neurode an. Beliebt? „Es handelt sich um kein demokratisches Abstimmungsprinzip“, konstatiert Stadtsprecher Holborn. Sollte sich der Künstler dem Verbot widersetzen, müssten im schlimmsten Fall seine Utensilien beschlagnahmt werden.

Die Kiellinie, die man Svetislav Jergic zum Ausweichen anbot, kommt für ihn aus praktischen Erwägungen nicht in Frage. „Dort ist es wie am Bahnhof und viel zu laut. Man hört meine Musik gar nicht mehr. Die Dänische Straße war für mich ideal.“ Inzwischen ist der Künstler in der oberen Holstenstraße, Höhe Douglas, anzutreffen. Ist es damit am alten Standort ruhiger geworden? Wolfgang Erichsen, Sprecher der Interessengemeinschaft Dänische Straße, runzelt die Stirn. „Das Resultat ist, dass vor unserer Tür eine Breakdance-Gruppe auftritt. Die ist mit ihrem Schlagzeug dreimal so laut.“  Sein Fazit: „Einen so albernen Streit hat es zur Kieler Woche noch nicht gegeben. Im Karneval würde sich in Köln doch auch niemand über verkleidete Akteure und laute Umzüge beschweren.“

Auf Facebook gab es sofort nach Veröffentlichung der Nachricht empörte Reaktionen. "Es ist echt schade denn seine Show war immer lustig...", schreibt Stephan Klitzschmüller. "Jeder kennt ihn, und ich bin bestimimt nicht der einzige, der mal extra durch die Dänische Straße gegangen ist, nur um seine Show zu sehen und ein wenig zu lachen... macht mal so weiter dann ist bald nix mehr los auf der Kiwo."

Lars Wenselowski merkt Folgendes an: "Das ist doch reine Willkür... Da kann angeblich nichts gegen die Bettelmafia mit ihren ekelhaften Methoden unternommen werden, aber da wird einfach mal eben ein Platzverweis erteilt. Manche Leute sollten sich einfach nur schämen!"

Und Daniel Henke äußert sich so: "Der gehört zur Kieler Woche wie der Senf zur Wurst."

KN-Facebook-Fan Dennis Jo bittet allerdings darum, den Ball flach zu halten: "Leute, er wurde nur aus der Dänischen Straße verbannt", schreibt er. "Momentan sieht man ihn im Bereich vor Douglas in der Holstenstraße ;-)"

In der Redaktion meldete sich aber auch eine ältere Leserin vom Südfriedhof, die namentlich nicht genannt werden möchte. "Ich bin als Passantin auch mal zwischen die Fronten geraten und habe mich getroffen, ja auch verletzt gefühlt", sagte sie. "Für mich geht diese Art Humor entschieden zu weit." Die Kaufleute sollten bedenken, dass es ihre Kunden seien, die vor der Tür beleidigt würden.