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Kiel Von Kiel nach Kopenhagen in 30 Stunden
Kiel Von Kiel nach Kopenhagen in 30 Stunden
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17:30 25.07.2019
Von Jürgen Küppers
Rückkehr nach 200 Jahren: Fielmann-Niederlassungsleiter Ali Arseven überbrachte Museumschefin Doris Tillmann und Kulturdezernentin Renate Treutel (v. li.) in Kiel das historische Schiffsporträt der "Caledonia". Quelle: Frank Peter
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Kiel

Es muss für die Menschen in Kiel jedes Mal ein beeindruckendes Schauspiel gewesen sein, wenn die „Caledonia“ vom Bootshafen aus Richtung Kopenhagen dampfte. Denn ein Schiff, das es aus eigener Kraft über die Ostsee schaffte, war Anno 1819 noch eine echte Sensation. 

Auch wenn das für einen hohen vierstelligen Eurobetrag in Kopenhagen ersteigerte Bild dieses damaligen Wunderwerks der Technik zumindest aus kunsthistorischer Sicht keinen großen Wert hat, hält es Museumsdirektorin Doris Tillmann trotzdem für eine große Bereicherung ihres Sammlungsbestandes: „Schließlich ist es nicht nur ein Dokument zur europäischen, sondern auch zur Seefahrtgeschichte in Kiel als vor 200 Jahren die erste fahrplanmäßige – weil windunabhängige – Schiffsverbindung in Kiel für Passagiere und Fracht Richtung Skandinavien entstand.“

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"Caledonia": Neuer Komfort in alten Zeiten

Von Passagierzahlen und Komfort heutiger fester Schiffsverbindungen von Kiel aus Richtung Schweden (Göteborg), Norwegen (Oslo) oder Lettland (Klaipeda) war man vor 200 Jahren allerdings noch meilenweit entfernt.

„Trotzdem war es für die Passagiere damals ein echter Fortschritt, einigermaßen verlässlich und komfortabel über die Ostsee zu reisen“, erklärt Kunsthistoriker Jürgen Ostwald, der das Schiffsporträt des Schaufelraddampfers im Auftrag von Günther Fielmann im größten Auktionshaus Kopenhagens ersteigerte.

Rund 30 Stunden dauerte in der Regel die Reise in die dänische Hauptstadt mit Zwischenstationen in Langeland, Møn und Falster. Das 30 Meter lange und fünf Meter breite Schiff mit zwei Zweizylinder-Dampfmaschinen (je 14 PS) bot Platz für rund 30 Passagiere.

Kiel - Kopenhagen: Passagiere litten oft unter Seekrankheit

Wer sich ein Erste-Klasse-Billet leisten konnte, kam in den Genuss des Komforts einer Doppelkabine unter Deck mit richtigem Bett. Acht solcher Kabinen standen zahlungskräftigen Passagieren zur Verfügung. Außerdem gab es einen Aufenthaltsraum sowie ein Küche. Die weniger Betuchten mussten es sich so gut es eben ging an Deck bequem machen. Aber immerhin waren am Heck und Bug des Schiffes jeweils Persennings gespannt, die den Reisenden an Deck Schutz vor Sonne oder Regen boten.

Die erstaunliche Geschichte der "Caledonia"

Der erste Besitzer der 1815 in Glasgow gebauten „Caledonia“ trägt einen großen Namen: James Watt, gleichnamiger Sohn des weltberühmten Erfinders – unter anderem der Dampfmaschine. Der Filius nutzte die Erfindung seines Vaters, gründete mit einem Kompagnon die Maschinenfabrik Boulton&Watt. Mit zwei dort produzierten Dampfmaschinen (je 14 PS) sowie einem Kessel rüstete Watt seine „Caledonia“ 1817 technisch auf. Somit erreichte der Schaufelraddampfer eine Geschwindigkeit von bis zu zwölf Knoten.

Um das Schiff zwischen Kopenhagen und Kiel unter Dampf zu halten, mussten für eine Strecke etwa vier Tonnen Kohle an Bord verfeuert werden. Doch allein auf die Dampfkraft verlassen wollte man sich damals auch (noch) nicht. Für den Fall eines Maschinenausfalls oder dass die Kohlen wegen starken Gegenwinds nicht reichen sollten, verfügte die „Caledonia“ sicherheitshalber noch über Mast und Segel.

1819 verkaufte James Watt die „Caledonia“ an den dänischen Kaufmann und Diplomaten Steen Anderson Bille, der die erste feste Fährverbindung nach Fahrplan von Kiel nach Kopenhagen begründete. Ab 1821 übernahm der dänische Großkaufmann N. L. Vidt Schiff und Linie – mit großem wirtschaftlichen Erfolg.

Trotz so mancher Annehmlichkeit im Vergleich zu einer Segelpassage war so eine Reise unter Dampf nicht immer das reinste Vergnügen. Denn weil die Schiffsstabilität der „Caledonia“ noch weitaus geringer war als bei einem Segler, schaukelte es mitunter auch mächtig an Bord. Folge: Passagiere litten oft unter starker Seekrankheit.

Seit 1819 ist Kiel Transithafen für Skandinavien

Im ersten Jahr (1819) ihres Linieneinsatzes pendelte das erste Dampfschiff mit hölzernem Rumpf auf der Förde 14 Mal zwischen Kopenhagen und Kiel, im Jahr darauf 22 Mal. Ab 1830 wurde die „Caledonia“ dann durch die größeren Dampfer „Frederik VI.“, „Loven“ und „Christian VIII.“ abgelöst.

Sie ersetzten nun endgültig die vor 1819 zwischen Kiel und Kopenhagen pendelnden Segel-„Paquetboote“. Laut Mitteilung der Stadt Kiel begründeten diese festen Dampfschifflinien Kiels erfolgreiche Rolle als verkehrsgünstiger Transithafen nach Skandinavien – auch wenn Kopenhagen heute nicht mehr angelaufen werde.

"Caledonia" brachte Handel mit Dänemark in Schwung

Dass es diese Linienverbindung zwischen Kiel und der dänischen Hauptstadt schon in der Frühphase der Dampfschifffahrt überhaupt gab, ist kein Zufall. Schließlich gehörten weite Teile Schleswig-Holsteins und damit auch Kiel damals noch zum dänischen Königreich. „Insofern hatten die Dänen natürlich großes Interesse daran, ihre Handelswege auch Richtung Kiel auszubauen“, erklärt Jürgen Ostwald. Das sei wohl auch der Hauptgrund gewesen, warum der Kopenhagener Reeder L.N. Hvind die „Caledonia“ kaufte, um sie ab 1810 als Linienschiff einzusetzen.

Insofern geht auch Museumsleiterin Doris Tillmann davon aus, dass die Passagen zwischen Kopenhagen und Kiel in der Regel wohl Geschäftsreisen von Kaufleuten waren. Genaueres müssten aber noch Recherchen von Passagierlisten oder die Auswertung zeitgenössischer Reiseberichte ergeben.

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