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Kiel Profi-Bettler wittern fette Beute
Kiel Profi-Bettler wittern fette Beute
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00:17 28.06.2013
Von Bastian Modrow
Morgens, kurz nach 9 Uhr, treffen sich die Profi-Bettler in der Kieler City. Quelle: bas
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Kiel

„Bitte, bitte! Hunger, Hunger“, klagt die junge Frau in gebrochenem Deutsch. Neben einem Stromkasten am Zugang zur Holstenstraße kauert die mutmaßlich aus Südosteuropa stammende Frau. Auf ihrem Schoß liegt ein in eine schmutzige Decke gehülltes Kleinkind. Jedem, der an ihr vorübergeht, hält sie fordernd einen Pappbecher entgegen, in dem Kleingeld klimpert. Nur ein paar Meter weiter hockt ein Mann, strategisch clever positioniert. Auch er will Bares: „Wir haben Hunger“ steht in falschem Deutsch auf einem Pappschild, das neben einem dösenden Mischlingswelpen und einem angeschlagenen Porzellanteller liegt.

 Ein System, das funktioniert. Ein System, das auf der Kieler Woche offenkundig außerordentlich funktioniert. „Es kommen regelrecht Bettler-Touristen hierher, wenn Kieler Woche ist“, sagt der Mann, der sich selbst Wilfried nennt. Der Endfünfziger lebt seit zehn Jahren in Kiel, sitzt das ganze Jahr über in der City und hofft auf Almosen der Passanten. Ihm ist die Konkurrenz ein Dorn im Auge. Aus Neumünster, Lübeck und sogar Hamburg seien Bettler an die Förde gekommen. Noch schlimmer seien aber die aus Albanien und Rumänien stammenden Schnorrer, klagt Wilfried. „Die sind professionell, die reisen von Stadtfest zu Stadtfest und wollen kassieren“, empört er sich und spricht von rabiaten Methoden. Mit Transportern würden die Bettel-Trupps frühmorgens in die Stadt gebracht und abends wieder abgeholt. „Die bekommen nix von dem Geld, das müssen sie alles abgeben“, sagt der Obdachlose, der eigenen Worten zufolge bis zu 100 Euro pro Kieler-Woche-Tag zusammenbekomme – doppelt so viel wie an „normalen Tagen“.

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 Tatsächlich seien die Besucher während der bunten Tage in der Landeshauptstadt außerordentlich spendabel. Anstatt ein paar Cent-Stücken würden viele auch einen oder zwei Euro geben. Das läppere sich. „Wenn es gut läuft und mir keiner die guten Stellen wegnimmt. Vor allem die Profi-Trupps schrecken im Kampf um die besten Plätze auch nicht vor Gewalt zurück.“

 Wie viel dran ist an den Behauptungen, lässt sich nicht sagen. Allerdings bestätigen Polizei und Ordnungsamt in Kiel, dass aus dem Ausland stammende Bettler in der Innenstadt unterwegs sind. Viele sind allerdings das ganze Jahr über da – jetzt zur Kieler Woche sind es nur einige mehr“, so Matthias Arends von der Polizeidirektion. Das II. Revier habe sich der Sache bereits angenommen. Es habe in der Vergangenheit auch schon Kontrollen gegeben. Allerdings: Bandenstrukturen habe die Polizei nicht erkennen können.

 Eine Aussage, die ein wenig überrascht: Recherchen unserer Zeitung zufolge treffen sich die überwiegend jungen Männer, allesamt mit jungen Mischlingshunden „bewaffnet“, morgens gegen 9 Uhr am Asmus-Bremer-Platz, um von hier aus bereits zuvor mit Körben, Decken und Rucksäcken reservierten Posten zu beziehen. Besonders begehrt sind die Zuwege zur Innenstadt sowie die Bauminseln in der Fußgängerzone. Dort harrten die Schnorrer auch gestern aus, bevor sie am Nachmittag gegen 16 Uhr in Gruppen gezielt in die Eckernförder Straße pilgerten. Dort warteten sie gemeinsam – mutmaßlich auf Fahrzeuge, die sie abholen sollten.

 Das Kieler Ordnungsamt hat ebenso wenig wie die Polizei eine rechtliche Handhabe, das Schnorren zu untersagen. „Es ist nicht verboten, sich in der Öffentlichkeit hinzusetzen und um Geld zu bitten – so lange niemand bedrängt oder genötigt wird“, sagt Tim Holborn von der Stadtverwaltung. Und Beschwerden von Besuchern der Kieler Woche habe es bislang nicht gegeben. bas/tak