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Kiel Schichtbetrieb im "Haus der Lust"
Kiel Schichtbetrieb im "Haus der Lust"
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17:00 28.06.2019
Von Gunnar Müller
Es ist eine Facette des Rotlichtmilieus, die auf Seriosität setzt: Das „Haus der Lust“ in Kiel hat in dieser Woche deutlich mehr Kundschaft. Besonders Segler und internationale Gäste finden den Weg zu dem Bordell. Quelle: Frank Peter
Kiel

Nicht weit entfernt von den „Night-Glows“, den abendlich tanzenden Ballonen, liegt das „Haus der Lust“. Vorne gibt es in dem grauen Gebäude einen Autohandel, in den Stockwerken darüber Sex. Nur ein Din-A-4-großes gelbes Schild deutet Suchenden den Weg zum Hinterhof. Die Sonne brennt an diesem Morgen, bereits morgens um 11 Uhr sind es fast 30 Grad.

Klingeln bei „Perle“. Der Summer öffnet ohne Gegenfrage. Es geht zwei Stockwerke hoch in einem braunen Treppenhaus. Oben angekommen, öffnet Jasmin: schwarzes T-Shirt, schwarzer kurzer Rock. Nach kurzer Musterung bittet sie hinein ins Reich der „Kieler Nixen“.

Zur Kieler Woche sind die "Kieler Nixen" besonders gefragt

In der Küche sitzt vor einem Ventilator Nina, die Chefin, in einer seidenen Tunika. Der Tisch ist gedeckt mit Schnittchen, Erdbeeren und Wassermelone. „Die Mädchen müssen auf ihre Ernährung achten.“ Neben ihr sitzen Melody und Susi in knappen gelben Kleidern und rauchen eine Zigarette.

Später kommt Kati dazu – sie hatte bereits ihren ersten Gast. „Bei den Temperaturen und während der Kieler Woche fangen wir schon um 8 Uhr morgens mit Terminen an“, sagt Nina. An diesem Tag werden sechs Frauen im Einsatz sein – im Schichtbetrieb. Die Nachfrage nach Zärtlichkeit, Befriedigung und Experimenten gegen Geld hat in der Zeit der Kieler Woche Hochkonjunktur. „Genau wie um Weihnachten herum“, sagt Nina.

Prostitutionsgesetz

Das älteste Gewerbe der Welt wurde in Deutschland erst vor wenigen Jahren entkriminalisiert: 2002 trat das Prostitutionsgesetz in Kraft, mit dem Ziel, Sexarbeiterinnen bessere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen und so Begleitkriminalität einzudämmen.

Mehr als 250 Prostituierte arbeiten offiziell in der Landeshauptstadt Kiel in Bordellbetrieben und Wohnungen. Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt – in der Bordellprostitution wird der Anteil von Osteuropäerinnen auf 80 Prozent geschätzt.

Terminanfragen per WhatsApp oder E-Mail

Terminanfragen bekommen die Kieler Nixen meist per Whatsapp-Nachrichten oder E-Mail. „Viele Gäste können ja schlecht telefonieren, wenn die Ehefrau in der Nähe ist“, sagt Nina und dreht sich eine Zigarette. Als Jugendliche war sie fasziniert von der „magischen und verborgenen Welt“, von dem Verbotenen. Arbeitete dann selbst lange Jahre als „Mädchen“, wie sich die Prostituierten selbst nennen. An ihren ersten Kunden könne sie sich immer noch gut erinnern: „Und dann dachte ich nur: Das soll Arbeit sein?“

Wie Nina geht es hier auch den anderen Mädchen: Kati arbeitet eigentlich Teilzeit als Arzthelferin und sucht hin und wieder den Kick, das Besondere. Dafür pendelt sie zwischen einer anderen Stadt und Kiel. Melody hat einen Nebenjob, ihr Freund weiß von ihrer Tätigkeit als Nixe: „Ich sage nicht alles, und er will nicht alles wissen. Aber es ist okay so, wie es ist.“

Susi kam vor einigen Jahren aus Bulgarien, spricht fast akzentfrei Deutsch. In der Szene werde das Haus häufiger auch „Studentinnenladen“ genannt. „Mir ist wichtig, dass sich die Mädchen gut artikulieren können“, so Nina. Denn sie sind mehr als nur Lustobjekte, nämlich vorurteilsfreie Gesprächspartnerinnen, die die Menschen so nehmen, wie sie sind.

Prostituierte in der Zwickmühle

In Laufhäusern herrscht vielfach ein anderer Druck: Prostituierte müssen hohe Mieten zahlen, gleichzeitig wollten Freier immer weniger zahlen. In der Zwickmühle verzichten manche gegen einen Aufpreis auf Kondome. „Ihnen drohen zum Beispiel Geschlechtskrankheiten durch ungeschützten Verkehr“, sagt Claudia Rabe von Contra, der Fachstelle gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein. Gelingt ihnen das nicht, sammeln sich hohe Schulden an. Zudem kennen die Frauen oft nicht ihre Rechte, wissen nicht, wen sie ansprechen können.

Zur Kieler Woche kommt ein anderes Publikum zu den "Kieler Nixen"

Seit zehn Jahren ist Nina die Chefin im „Haus der Lust“. „Es läuft ganz gut“, sagt die 35-Jährige. „Während der Kieler Woche kommt schon mal anderes Publikum“, erklärt Nina. Segler und Touristen aus der ganzen Welt, die die Kieler Nixen sonst eher nicht ansteuerten.

Wohnmobil-Prostitution oder Straßenstrich sind in Kiel fast nicht vorhanden. Mit den sozialen Medien setzt sich aber auch ein anderer Trend durch: Auf bestimmten Seiten im Internet bieten sich privat Männer, Frauen und Transgender an – oft nur gegen Taschengeld. Die tatsächliche Zahl von Sexarbeitern ist so schwer zu durchschauen.

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Familiäres Klima lockte nach Kiel

Die Räume, in denen Melody, Kati, Susi und die anderen arbeiten, erinnern an Suiten. Moderne Kunst hängt in dem einen, ein großer Whirlpool wartet im anderen. Einige sind eher rustikal eingerichtet, ein weiterer wirkt wie eine Tabledance-Bar, in der „Black Lounge“ hängen Flügel über dem Bett und Fesselspiel-Utensilien an der Wand.

„Ich bin nach einer längeren Pause wieder ganz bewusst nach Kiel gegangen“, so Kati. Hier gehe es familiär zu, wenig Druck, man könne sich austauschen mit den anderen. Und selbst darüber entscheiden, mit wem man was mache oder abends auch als Escort-Begleitung die Nacht verbringen. Aber sie weiß auch: In der Rotlichtszene sind solche Bedingungen alles andere als selbstverständlich.

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