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Kiel Der Mammut-Prozess beginnt
Kiel Der Mammut-Prozess beginnt
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15:46 02.10.2015
Von Günter Schellhase
Zugriff: Nach dem Raubüberfall in Kiel nimmt ein SEK mutmaßliche Bandenmitglieder in Berlin (Foto) und München fest. Einige Verdächtige wollten noch mit einem Transporter flüchten. Quelle: tv news kontor/Ekberg&Ekberg
Kiel

Nur anderthalb Monate nach dem Überfall zerschlug die Kieler Polizei eine osteuropäischen Räuberbande, die auch einen ähnlich brutalen Überfall in Düsseldorf begangenen haben soll. Es wird ein Mammut-Prozess, für den mehr als 20 Verhandlungstage angesetzt sind. Aufgrund der großen Zahl der Beteiligten findet die Verhandlung aus Platzmangel nicht am Kieler Landgericht, sondern am Oberverwaltungsgericht in Schleswig statt.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern im Alter zwischen 22 und 40 Jahren vor, in wechselnder Zusammensetzung die Überfälle begangen zu haben. Sie sind wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung sowie Beihilfe angeklagt. Der Juwelier in Düsseldorf wurde bei dem Überfall schwer verletzt. Der Mitarbeiter des Pfandhauses in Kiel wurde brutal mit einem Elektroschocker misshandelt. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern zudem vor, einen Überfall in München geplant zu haben. Dazu kam es nicht mehr. Die Kripo-Beamten hatten gespeicherte Kommunikationsdaten ausgewertet und bekamen so Zugriff auf die Nummern der Handys, die rund um den Kieler Tatort eingeschaltet waren. So filterten sie verdächtige Anschlüsse heraus und kamen den Männern auf die Spur.

Die Männer wurden in München und Berlin festgenommen. Eine weitere Person ging den Fahndern im April 2015 in Norwegen ins Netz. Seitdem sitzen die Angeklagten voneinander getrennt in verschiedenen Gefängnissen. „Das ist bei Prozessen gegen Banden nicht ungewöhnlich, damit sie sich nicht austauschen können“, sagte Rebekka Kleine, Sprecherin des Kieler Landgerichts. Jeder Beschuldigte wird von zwei Verteidigern vertreten. Hinzu kommen zwei Nebenkläger mit ihren Anwälten, zwei Kieler Staatsanwälte und die Richter. Für Sicherheit wird gesorgt: Für jeden Angeklagten sind zwei Justizangestellte verantwortlich. Polizisten sind rund um das Gericht und im Saal präsent. Besucher werden vor dem Betreten des Gerichtssaales kontrolliert. Da die Männer auf der Anklagebank kein Deutsch sprechen, gibt es eine Simultanübersetzung, die die Beschuldigten per Headset empfangen. Für diese Aufgabe sind mehrere Dolmetscher im Saal. In den Verhandlungspausen werden die Litauer wieder getrennt voneinander in Containern untergebracht.

Der Raubüberfall am Exerzierplatz

Kurz nach halb zwölf am 9. Oktober 2014 betreten zwei Männer das Auktions- und Pfandhaus am Exerzierplatz. Sie sind mit dem Angestellten alleine und schauen sich erst um. Dann greifen sie den 25-Jährigen an und überwältigen ihn. Sie fesseln ihr Opfer und traktieren es mit einem Elektroschocker. Von der Videoanlage lassen sich die unmaskierten Männer nicht beirren – sie machen keinerlei Anstalten, ihr Gesicht zu verbergen.

Bei dem Überfall haben es die zwei Männer nicht eilig. Seelenruhig nehmen sie wertvollen Schmuck im Wert von einer halben Million Euro aus Vitrinen und Schubfächern. Ein Räuber telefoniert in dem Laden. Möglicherweise liegen außerhalb des Geschäftes Komplizen auf der Lauer und passen auf, dass keine weiteren Zeugen hineinkommen. Beide wären sich ihrer Sache sehr sicher gewesen, sagte damals ein Kripobeamter. Die Polizei ging nach Auswertung des Videomaterials von einer überregionalen Tätergruppe aus und suchte nach den „auffallend durchtrainierten“ Männern. Bereits am Nachmittag wurden die Überwachungsbilder bundesweit an die Polizeidienststellen gesendet. Eine Ermittlungsgruppe von 20 Beamten der Kieler Kripo fahndete mit Hochdruck nach den Tätern.

Einen Ende November in München geplanten Überfall auf einen Juwelierladen verhinderten Spezialkräfte in letzter Minute und nahmen vier Männer fest, darunter auch die Kieler Pfandhausräuber. Nach diesem Zugriff schlug die Polizei am Abend in Berlin zu. Einige Verdächtige wollten noch mit einem Transporter flüchten; Zielfahnder schnitten ihnen den Weg ab. Insgesamt wurden 15 Personen in der Bundeshauptstadt vorläufig festgenommen. Die Verdächtigen wären hochprofessionell, hätten mit falschen Pässen und wechselnden Identitäten agiert, sagte damals Oberstaatsanwältin Birgit Heß. Wie viele Überfälle der Bande neben dem Raub in Kiel und der versuchten Tat in München zuzuordnen sind, war zu der Zeit noch unklar. Sicher war sich die Polizei aber damals schon bei einem Verbrechen in Düsseldorf. Am 22. August war dort ein Juweliergeschäft überfallen und der Inhaber schwer verletzt worden.

Fahndungserfolg der Polizei

Wie waren die Kripobeamten den Tätern auf die Spur gekommen? Kiels Polizeichef Thomas Bauchrowitz betonte damals, dass der Rückgriff auf gespeicherte Kommunikationsdaten eine wichtige Rolle gespielt habe. Unmittelbar nach dem brutalen Raub in Kiel beantragten die Behörden beim Gericht eine Funkzellenabfrage. Die Ermittler bekamen so Zugriff auf die Nummern der Handys, die zur Tatzeit rund um den Tatort eingeschaltet waren. Anhand dieser Daten konnten die Polizisten im Ausschlussverfahren potenziell verdächtige Mobilfunkanschlüsse herausfiltern. Aber ein Verdächtiger entkam. Zielfahnder des Landeskriminalamtes gelang es nach europaweiten Ermittlungen, den Mann Ende März in Norwegen festzunehmen.

In der Zwischenzeit wurden die Strukturen der Bande deutlich: Nach den Erkenntnissen der Polizei waren die Täter professionell organisiert und agierten von Berlin aus. Hier plante ein Mann die Coups, der wiederum aus Litauen Anweisungen eines Hintermannes empfing. Innerhalb der Gruppe soll es unterschiedliche Karrierestufen gegeben haben. Wer sich in der Organisation als Dieb von Navigationsgeräten verdient gemacht hatte, konnte für „höhere Aufgaben“ wie Überfälle aufsteigen.

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