Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kiel Gericht: Es war kein Autorennen
Kiel Gericht: Es war kein Autorennen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 15.05.2019
Von Thomas Geyer
Das Kieler Amtsgericht stellte das Verfahren gegen einen 23-jährigen BMW-Fahrer ein. Quelle: Olaf Malzahn
Kiel

Kurz nach dem Start nimmt eine Polizeistreife die Verfolgung auf. „Wir fuhren 90 km/h und kamen nicht hinterher“, sagt später ein Beamter im Kieler Amtsgericht. Hier muss sich der BMW-Fahrer wegen eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens verantworten. In jener Nacht fuhr der 23-Jährige eine fast ebenso alte Limousine der 5er-Reihe. „Meiner hatte 192 PS“, sagt der Auszubildende vor Gericht, „der andere im schwarzen AMG der A-Klasse hatte doppelt so viel.“ 

Zum Glück gab es keinen Gegenverkehr

 „Der wollte mich herausfordern mit seinem Neuwagen“, sagt der BMW-Fahrer, der noch bei seinen Eltern wohnte. Beim zweiten Ampelstart am Schützenwall startete er mit durchdrehenden Reifen und defektem ABS („Für die Reparatur hatte ich kein Geld“) und überholte den Mercedes rechts. Dann zog er plötzlich scharf nach links, um hinter dem Exerzierplatz in Richtung Rathausstraße einzubiegen.

„Eine brenzlige Situation“, sagt ein Polizeikommissar (33). Beim Abbiegen sei der BMW extrem ins Schleudern geraten. „Er schlingerte mehrfach weit hin und her“, so der Zeuge. Zum Glück kam gegen ein Uhr nachts kein Gegenverkehr. Zwischen Exer und Sparkassen-Arena konnten die Beamten den Fahrer stellen. Im BMW drei junge Männer, die den Vorfall locker nehmen. „Ich habe mich geärgert“, sagt der Beamte, „es wurde gelacht.“

Nur ein Fahrer landet vor Gericht

Während das Trio den Streifenwagen trotz Blaulicht und Sirene nicht wahrnahm, reagierte der Mercedes-Fahrer sofort: „Er ging vom Gas“, sagt ein Beamter. „Ich habe versucht, ihn heranzuwinken.“ Doch der andere sei weggefahren. „Wir hatten das Kennzeichen.“ Warum die Staatsanwaltschaft sein Verfahren einstellte, blieb offen.

Zur Tatzeit im November 2017 war das neue Gesetz gegen illegale Kraftfahrzeugrennen (Paragraf 315d StGB) erst zwei Monate in Kraft. Die Polizeibeamten räumen ein, den Fall zunächst nicht als Straftat, sondern als Ordnungswidrigkeit behandelt zu haben. Sonst hätte man auch die Personalien der anderen BMW-Insassen aufgenommen.

Angeklagter steigt gut gelaunt in sein neues Coupé

Für den Verteidiger ist nach Einstellung des zweiten Verfahrens „klar, dass es überhaupt kein Rennen gewesen sein kann“. Daran seien immer zwei beteiligt, belehrt er die Richterin. Eine Fehleinschätzung, der niemand widerspricht (siehe unten). Die Strecke, um die es geht, schätzt der Anwalt auf 200 Meter. „Zu wenig für ein Rennen.“ Zumal sein Mandant nach eigenen Angaben nur 65 bis 70 km/h gefahren sei.

Der Mercedes-Fahrer ist als Zeuge geladen, macht aber von seinem Schweigerecht Gebrauch. Danach stellt die Richterin das Verfahren gegen den BMW-Fahrer ohne Auflagen auf Kosten der Landeskasse ein, „weil wir das Rennen als sehr zweifelhaft ansehen“. Weitere Ermittlungen seien weder erforderlich noch erfolgversprechend. Nach dem Prozess steigt der Angeklagte gut gelaunt in sein neues BMW-Coupé. Für ihn wird nicht mal ein Bußgeld fällig. Eine Ordnungswidrigkeit wegen Tempoüberschreitung oder Fahrzeugmängeln verjährt ohne Bußgeldbescheid schon nach drei Monaten.

Weitere Nachrichten aus Kiel lesen Sie hier.

Das Gesetz gegen verbotene Autorennen

Unter dem Eindruck des tödlichen Autorennens der „Ku’damm-Raser“ vom Februar 2016, die vom Berliner Landgericht Ende März zum zweiten Mal wegen Mordes zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden, hat der Gesetzgeber die Vorschrift gegen verbotene Kraftfahrzeugrennen (§ 315d StGB) eingeführt. Sie wendet sich auch gegen „Einzelraser“. 

Danach müssen Fahrer nicht zu zweit gegeneinander antreten, um sich strafbar zu machen. Auch wer sich allein „mit nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen“, wird mit bis zu zwei Jahren Haft oder Geldstrafe bestraft. Wer dabei Leib oder Leben eines anderen gefährdet, riskiert sogar bis zu fünf Jahre Haft.

Das jüngste mutmaßliche Autorennen mit tödlichem Ausgang liegt nur drei Wochen zurück: In Moers (Nordrhein-Westfalen) starb die Fahrerin eines Kleinwagens nach der Kollision mit einem PS-starken Pkw, der ihr am Ostermontag beim Überholen entgegenkam. Zwei beteiligte Fahrer flüchteten. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen fahrlässiger Tötung und Mordes. 

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ein Delfin schwimmt immer noch in der Kieler Förde. Das Tier werde laut einem Kajak-Fahrer immer zutraulicher. Bereits vor drei Jahren hatte ein Delfin dort für Aufsehen gesorgt und Schaulustige angelockt.

15.05.2019
Kiel Oberbürgermeister-Wahl - Kieler SPD nominiert Ulf Kämpfer

Es war in jeder Hinsicht eine klare Sache: Mit 146 von 148 Stimmen hat die Mitgliederversammlung der Kieler SPD am Dienstag in der Lille-Brauerei Amtsinhaber Ulf Kämpfer als Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl am 27. Oktober nominiert. Ein Feier-Abend für Ulf Kämpfer.

Michael Kluth 14.05.2019
Kiel Kieler Ratsversammlung - Kiel ruft den Klimanotstand aus

Als erste deutsche Landeshauptstadt ruft Kiel den Klimanotstand aus und macht damit den Klimaschutz zum zentralen Kriterium ihres öffentlichen Handelns. Das wird die Ratsversammlung am Donnerstag absehbar beschließen.

Michael Kluth 16.05.2019