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Kiel Betrunkener stürmte in fremde Wohnung
Kiel Betrunkener stürmte in fremde Wohnung
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08:00 27.01.2019
Von Thomas Geyer
Nach 40 Minuten Lärmbelästigung alarmierte der geschädigte Familienvater die Polizei. Quelle: Friso Gentsch/dpa
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Kiel

Gegen 3 Uhr morgens gelangte der berufstätige Techniker mit seinem Schlüssel zwar problemlos ins falsche Mehrfamilienhaus. Denn weil das Gebäude mit dem identisch aussehenden Nachbarhaus einen gemeinsamen Keller hat, öffnen die Schlüssel hier wie dort. Doch an der Wohnungstür will sein Schlüssel einfach nicht passen. Der Betrunkene fühlt sich wie ein Geisterfahrer: als einziger auf der richtigen Spur.

Rechtmäßiger Mieter aus dem Schlaf gerüttelt

Eine teure Fehleinschätzung, die den Kieler jetzt rund 17 000 Euro kostet. Denn der sonst ganz friedliche Typ beginnt zu randalieren, als er trotz Sturmklingelns nicht in „seine“ Wohnung kommt. Die rechtmäßigen Mieter – ein junges Ehepaar mit Töchterchen (2) – hat er längst aus dem Schlaf gerissen. Seitdem versucht der zunehmend beunruhigte Familienvater (27) vergebens, den immer wieder gegen die Tür schlagenden Rüpel nachhause zu schicken. 

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Nachhause? Der ungebetene Gast ist sich seiner Sache allzu sicher. Nach 40 Minuten Lärmbelästigung, die von kurzen Ruhepausen unterbrochen wird, alarmiert der Familienvater die Polizei. Die rät zunächst zu guten Worten. Und sagt schließlich ihr Kommen zu. Als der Anrufer durchs Fenster beobachtet, wie der Dienstwagen vorfährt, ist es gerade ruhig im Treppenhaus. Deshalb öffnet er vorsichtig die Wohnungstür.

Der 34-Jährige schlägt sofort zu

Doch es sind nicht die erwarteten Freunde und Helfer, die jetzt die Tür auftreten und den seit fünf Jahren in Deutschland lebenden Marokkaner gegen den Flurschrank schleudern. Es ist der Betrunkene, der die Wohnung stürmt und radikal gegen vermeintliche Eindringlinge in „seinem“ Revier vorgeht. Der 34-jährige mit der Kampfsportler-Statur schlägt sofort zu. 

Gestern vor dem Kieler Landgericht zeigte sich der Angreifer als Beklagter im Zivilprozess um Schmerzensgeld und Schadensersatz ruhig und einsichtig. An die Babyöl-Flasche von der Wickelkommode, die er dem Krankenpfleger im Kinderzimmer gegen das linke Ohr geschlagen haben soll, erinnert er sich angeblich nicht.

Das Opfer trägt einen Gehörschaden und Tinnitus davon

Laut ärztlichem Attest litt der akzentfrei Deutsch sprechende Nordafrikaner, den die Polizei zunächst für den Täter hielt und festnehmen wollte, nach dem Vorfall im November 2017 an einem Gehörschaden und an Tinnitus. Er benötige ein Hörgerät, hieß es. Angesichts der damals festgestellten Folgen hatte der Schläger großes Glück, dass die Kieler Staatsanwaltschaft das Strafverfahren wegen Körperverletzung gegen Zahlung von 1000 Euro Schmerzensgeld einstellte.

Zivilrichter schlägt 10000 Euro als Wiedergutmachung vor

„Viel zu wenig“, befindet Zivilrichter Ulf Müller und schlägt in der Güteverhandlung weitere 10000 Euro Wiedergutmachung vor. Der Anwalt des Beklagten bietet nur die Hälfte, lenkt aber ein, als der Richter die hohen Kosten eines medizinischen Gutachtens über den aktuellen Gesundheitszustand ins Spiel bringt. „4000 bis 5000 Euro für den Sachverständigen“ müsse der Schuldige im Fall einer Verurteilung ebenfalls tragen.

Schon jetzt wird die Sache richtig teuer für den Angreifer, der dem Nachbarn kurz nach seinem Ausraster eine anonyme Entschuldigung im Präsentkorb vor die Tür gelegt hatte. Vor Gericht zeigt er Reue und echte Betroffenheit. Im Rahmen eines Vergleichs erklärt er sich bereit, weitere 9000 Euro in sechs Monatsraten zu zahlen. Und dann kommen auch noch rund 7000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten auf ihn zu.

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