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Kiel Schwere Jungs und leichte Mädchen
Kiel Schwere Jungs und leichte Mädchen
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08:31 28.09.2012
Von Christian Hiersemenzel
Die Falckwache öffnet zum Jubiläum am Sonnabend die Türen. Quelle: bos
Kiel

An den Kieler Umschlag vor ein paar Jahren erinnern sich die Mitarbeiter der Falckwache noch sehr genau. Im Rathaus war das traditionelle Umschlagspaar zu Gast, junge Menschen im Liebesglück, und mit ihnen feierten VIPs und andere ganz normale Leute, als sich plötzlich zwei Clowns unters Partyvolk mischten und ihre Späße trieben. Ihr Humor war allerdings nicht jedermanns Sache, so dass der Pförtner sehr bald die Polizei rief. Die Beamten sprachen die Spaßvögel an, und als diese nicht reagierten, zogen sie dem einen die rote Nase ab, dem anderen die Beine weg und legten beiden Handschellen an. Tja: Die Clowns stellten sich als Gäste aus Kiels Partnerstadt Tallinn heraus – deshalb sprachen sie auch kein Deutsch. Als Entschuldigung für die Peinlichkeit bekamen die Polizisten Kieler-Woche-Krawatten. Wie man sich bei den estnischen Gästen revanchierte, ist nicht überliefert.

 Die Geschichte gehört zu den harmloseren in der 100-jährigen Geschichte der lange Zeit als berüchtigt geltenden Falckwache. Historisches im Zeitraffer: Im Haus an der Falckstraße 4 war ab 1883 zunächst das königlich preußische Eichamt untergebracht, bevor 1912 die Polizei einzog. Eisenplättchen neben der Tür weisen noch immer darauf hin, dass hier ursprünglich Kutschen parkten und die Bediensteten ihre Stiefel reinigten. 1920 wurden die Mitarbeiter – viele von ihnen waren Ungelernte, die hier mehr oder weniger folgsam Polizeiunterricht nahmen – mit einheitlichen Mänteln und Mützen, Infanteriegewehren und (kein Scherz) Flammenwerfern sowie Handgranaten ausgestattet. Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Bomben das Haus schwer, 1950 schlug ein sogenannter kalter Blitz ein – 200 Dachpfannen gingen damals zu Bruch, und in den Wohnungen zweier Polizeibeamter wurde der Schornstein gespalten. Dass die Jahre nach dem Krieg alles andere als einfach waren, kann man einem Aktenvermerk von 1954 entnehmen: Ein Ofen, hieß es, könne nicht entbehrt werden, „da er zur Erwärmung der Beamten und Trocknen durchnässter Uniformen unbedingt erforderlich“ sei. Heute arbeiten in der Falckwache 64 Mitarbeiter – warm und trocken.

 Wer mit Revierleiter Kay Kramm und seinen Mitarbeitern Kai Köpke, Jörg Kieckbusch, Jörg Großmann und Rolf Tönsing bei einer Tasse Kaffee zusammensitzt, kommt irgendwann auf den düsteren Ruf der Wache zu sprechen. Auch wenn die beiden Arrestzellen im Keller inzwischen nicht mehr genutzt werden – schon der Weg dorthin ist eindrücklich. „Na, bei euch falle ich doch gleich die Treppe herunter“, hielt man den Beamten noch in den 90ern vor. In der Tat: Als ein Revierleiter in den 60er Jahren an den Stufen eine Metallschiene entfernen lassen wollte, weil sie ihm zu Recht als gefährliche Stolperfalle erschien, stieß er bei den Kollegen auf eisige Ablehnung. Sie nutzten die Schiene als Ausrede dafür, wenn ein Festgenommener wieder einmal unfreiwillig gestürzt war. Solche Vorgänge wären heute undenkbar.

 Hildegard P. kannte all die schweren Jungs und leichten Mädchen aus ihrer Nachbarschaft an der Flämischen Straße. Täglich kam sie auf die Wache, um fein säuberlich gelochte DIN-A4-Blätter mit ihren Beobachtungen abzugeben: dass Hells Angels etwas Auffälliges getan hatten, dass sich Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes zu tapsig bei Observationen verhielten oder angeblich ausländische Terroristen rund um den Alten Markt tätig waren. Nun gut: Ihre Briefe strotzten vor Beleidigungen und Kraftausdrücken, und Hildegard P. nervte. Mitunter konnten die Beamten ihre Aufzeichnungen aber nutzen. „Na, habt ihr wieder viel zu tun?“, fragte sie in der Regel, worauf ein Kollege dann schon mal prahlte, dass man morgens angeblich schon in eine Schießerei verwickelt gewesen sei. Hildegard nickte dann. Dieser Job sei wirklich nicht leicht. Dass sie zum Tag der Deutschen Einheit die Bundeskanzlerin persönlich an der Nikolaikirche abpassen wollte, konnten die Polizisten gerade noch verhindern, indem sie Hildegard eine falsche Uhrzeit gaben. Sie tat dies dann damit ab, dass Politiker beim besten Willen nicht zuverlässig und vertrauenswürdig seien.

 Es gäbe so viel mehr zu erzählen. Von Helmut Schmidt, der die Zeche in der Milieukneipe „Kaskade“ am Sartorikai geprellt hatte und auf seiner Flucht ins Wasser sprang, um Richtung Ostufer zu schwimmen – der 45-Jährige hieß tatsächlich wie der Altkanzler. Vom Formalinglas mit einem Kinderfötus, das zwei junge Gäste im April 2008 auf dem Tresen eines Eisladens hatten stehen lassen. Der Fund beschäftigte aufgeregte Pathologen und Kriminalisten gleichermaßen – am Ende erwies sich der Inhalt als Gummiattrappe aus einem Hamburger Horrorladen. Und vom denkwürdigen Ausdruck der Putzfrau Elisabeth Kegler, die beim Saubermachen unterm Stuhl auf einen ausgeschlagenen Zahn gestoßen war, verschreckt hochsah und beim Blick auf den Kieler Stadtplan feststellte, dass das „Blut bis nach Schilksee gespritzt“ war.

 Dagegen ist der Knochenfund an der Falckstraße 9 geradezu harmlos: Die menschlichen Überreste gingen auf die Begräbnisstätte des nahen Stadtklosters zurück.

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