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Kiel War es ein Kunstfehler am UKSH in Kiel?
Kiel War es ein Kunstfehler am UKSH in Kiel?
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17:08 04.10.2019
Von Jürgen Küppers
Anna Bruckmann mit ihren Eltern Ina Bruckmann und Klaus Lamprecht: Das Mädchen ist jetzt zwölf Jahre alt und benötigt intensivmedizinische Betreuung rund um die Uhr. Die Kosten von 15.000 bis 20.000 Euro pro Monat übernimmt die Krankenkasse. Quelle: Frank Peter
Kiel

Es geht um schicksalhafte 16 Minuten kurz vor Annas Geburt in der Kieler Uniklinik. Kostbarste Zeit, die aber verstrich, um das unter stärkstem Sauerstoffmangel leidende Kind endlich per Kaiserschnitt auf die Welt zu bringen. Seit diesem 23. November 2006 ist Annas Leben aufgrund einer massiven Hirnschädigung ebenso aus den Fugen wie das ihrer Eltern Ina Bruckmann und Klaus Lamprecht.

Anna ist jetzt zwölf Jahre alt. Von dem, was für Gleichaltrige normal ist, kann Anna so gut wie nichts: Nicht laufen, nicht sprechen, weder selbstständig essen noch atmen: Folgen der Gehirnschädigung aufgrund des Sauerstoffmangels im Bauch der Mutter. Nicht nur Annas Leben, das mit einer Intensiv-Betreuung rund um die Uhr erhalten werden muss, wurde am 23. November 2006 komplett aus der Bahn geworfen.

Intensivpflege kostet pro Monat zwischen 15.000 und 20.000 Euro

Auch Ina Bruckmanns früherer Alltag hat sich komplett gedreht. Ihren Job als Krankenschwester musste sie nach der Geburt aufgeben, um Anna versorgen zu können. "Seit fast 13 Jahren ist meine Tochter auch mein Beruf." Ihren Lebensunterhalt bestreitet die 42-Jährige mit Hartz IV plus Wohngeld. Davon könnte sie die horrenden Kosten für Annas Intensivpflege an Wochentagen mithilfe von externem Fachpersonal natürlich nicht finanzieren. Das übernimmt die Krankenkasse. Und zahlt dafür zwischen 15.000 und 20.000 Euro – pro Monat wohlgemerkt.

Das Spezial-Fahrzeug ist keine Hilfe mehr

Bereits vor elf Jahren berichteten die KN über Ina Bruckmann und ihre Tochter Anna. Damals ging es um die Finanzierung eines Auto-Umbaus, um mit mehr Mobilität auch mehr Lebensqualität für sich und ihre Tochter zu gewinnen. Der am 3. September 2008 erschienene Artikel verfehlte seine Wirkung nicht: Die noch fehlenden 10 000 Euro kamen durch Spenden großherziger Leser zusammen. 

Das Spezial-Fahrzeug hat Ina Bruckmann zwar noch, kann es aber immer seltener nutzen. Denn die zwölfjährige Anna wiegt jetzt 36 Kilogramm. Zu schwer, um sie durchs Treppenhaus bis zum Wagen und wieder zurück in die Wohnung zu tragen. Auch mit dem Schwerbehinderten-Parkplatz vor dem Haus gebe es regelmäßig Ärger mit uneinsichtigen Nachbarn. „Eigentlich wäre ein Umzug in eine behindertengerechtere Wohnung dringend nötig“, sagt Ina Bruckmann. Aber das könne sie sich finanziell nicht leisten.

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Angesichts solch astronomischer Summen plus jahrelangem Verdienstausfall geht es Ina Bruckmann und ihrem Rechtsanwalt Ekkehard Scharnberg außer um "Gerechtigkeit für Anna" auch um Entschädigung. "Rechnet man alles zusammen, kommt man hier ganz schnell auf 1,5 bis zwei Millionen Euro – oder sogar noch deutlich mehr", erklärt der auf Medizinrecht spezialisierte Kieler Jurist.

Doch auf einen Vergleich dieser Größenordnung wollten sich das Uni-Klinikum und dessen Anwälte bislang nicht einlassen. Jedenfalls nicht so lange, bis ein Gericht einen ärztlichen Kunstfehler bestätigt. Der ist aus Ekkehard Scharnbergs Sicht aber Ursache von Annas massiver Hirnschädigung mit all den schwerwiegenden Konsequenzen.

Patientin fühlte sich am UKSH Kiel nicht ernst genommen

Ina Bruckmann habe sich am Tag der Geburt von Anfang an im Uni-Klinikum nicht ernst genommen gefühlt, berichtet sie. Zum Beispiel ihr nicht beachtetes Drängen auf einen Kaiserschnitt aufgrund ihrer Risikoschwangerschaft. Eine Fehlgeburt hatte sie damals schon hinter sich, zudem diagnostizierten Frauenärzte bei Voruntersuchungen zur zweiten Geburt Wassereinlagerungen sowie Eiweiß im Urin.

Was am 23. November 2006 zwischen 5 und 13.30 Uhr geschehen ist oder nicht, beschäftigt seit Jahren die Gerichte. Aus Sicht von Ekkehard Scharnberg haben die Klinik-Mitarbeiter aber einen zentralen Fehler gemacht, der letztlich zur Katastrophe führte: "Die Aufklärung der Mutter über den Zustand des Kindes und eines deshalb sofort nötigen Kaiserschnitts kam viel zu spät." Schließlich hätten die alarmierend schlechten Herztöne des Kindes dazu allen Anlass gegeben.

Gestützt sieht sich Scharnberg in seiner Einschätzung auch durch das Gutachten einer Professorin der Medizinischen Hochschule Hannover. In einem sogenannten Beweisbeschluss des Oberlandesgerichtes (OLG) Schleswig-Holstein vom Juli 2010 heißt es: "Nach dem bisherigen Ergebnis der Beweisaufnahme ist davon auszugehen, dass die Entbindung der Klägerin per Sectio (Kaiserschnitt) zirka 15 Minuten eher hätte abgeschlossen sein können bei rechtzeitiger Aufklärung der Kindesmutter über eine Behandlungsalternative."

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BGH hob das Urteil 2018 wieder auf

Trotzdem zeigte sich das OLG im Dezember 2017 "nicht überzeugt", dass der Klinik bei der Behandlung der Mutter Behandlungsfehler unterlaufen seien, "die kausal für gesundheitliche Beeinträchtigungen der Klägerin geworden sind". Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil im August 2018 allerdings wieder auf und verwies es "im Hinblick auf die unterlassene Aufklärung über Behandlungsalternativen und deren Folgen" zur neuen Verhandlung und Entscheidung wieder ans OLG zurück.

Aber auch diese Verhandlung verlief ohne Ergebnis. "Jetzt soll ein weiteres Gutachten klären, ob ein genetischer Defekt zu Annas Behinderung führte", berichtet Ekkehard Scharnberg, der den Vorstoß des Klinik-Anwalts für unsinnig hält. Schließlich habe es gleich nach der Geburt schon eine genetische Untersuchung gegeben – ohne Befund.

Prozess um Kunstfehler: Will das UKSH Kiel Zeit gewinnen?

Für das jahrelange Gezerre vor den Gerichten hat Scharnberg eine ebenso einleuchtende wie zynische Erklärung: Der Gegenseite gehe es um maximalen Zeitgewinn. "Denn nach acht Jahren steigt die Sterblichkeit von Kindern mit solchen Hirnschädigungen exponenziell an. Dann würde sich der Fall quasi von selber erledigen. Aber Anna geht es gut."

Und noch ein Faktor erschwert nach Einschätzung des Juristen eine unvoreingenommene Bewertung des Falls. Denn fast alle Gutachter, Mediziner und weiteres Klinikpersonal seien in Deutschland über denselben Versicherungskonzern versichert. Ekkehard Scharnberg hält es für "schwierig, angesichts dieser Situation unbefangen zu urteilen". Schließlich könnten Aussagen von Gutachtern und Medizinern dazu führen, dass ihre Versicherung horrende Summen zahlen müsste.

Wie das Kieler Uni-Klinikum den Fall beurteilt, bleibt unklar. Zu einem laufenden Verfahren nehme das UKSH keine Stellung, teilte Sprecher Oliver Grieve auf KN-Nachfrage mit.

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