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Kiel Schöne, heile Scheibenwelt
Kiel Schöne, heile Scheibenwelt
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06:51 13.03.2017
Von Oliver Stenzel
Mit seiner zugewandten Art und seinem enzyklopädischen Musikwissen bildet Andreas Nasner das Herz seines Ladens. Quelle: Oliver Stenzel
Kiel

Einige DVDs und Bücher vervollkommnen das Angebot und wollen ebenfalls untergebracht sein. Wohlgemerkt: Hier herrscht keine Unordnung. Aber weil der Shop einer der raren Orte ist, an denen die Töne noch einen Träger haben, und Nasner viele gut sortierte Abteilungen führt, brauchen sie eben Raum. „Ich bin kein materieller Typ“, sagt der 50-Jährige im Verlauf des Gesprächs. Das klingt in Anbetracht von so viel Hardware schon erstaunlich, ist aber ein Schlüsselsatz.

 Denn als er den Musikshop vor 18 Jahren eröffnete, bildete seine private Plattensammlung den Grundstock seines Angebots. Zwei Jahre zuvor hatte der gelernte Bankkaufmann seinem Beruf ade gesagt und sich am Wilhelmplatz mit einem Seniorenshop selbstständig gemacht. Die Nachfrage hätte theoretisch groß sein können, reichte in der Praxis aber nicht aus. Prompt verabschiedete sich Nasner von seiner ursprünglichen Geschäftsidee und rückte seine Musikleidenschaft in den Mittelpunkt. Mit dem Loslassen hat er also tatsächlich keine Probleme.

 Seitdem läuft der Musikshop, hinter dessen Tresen der sympathische Experte sitzt wie ein Pilot in seinem Cockpit. Zwischen Computer, Taschenrechner und Ware geht es hier vor allem um das schwarze Gold Vinyl, das den Hauptteil seines Geschäfts ausmacht. „Ich glaube, wir sind einfach zu sehr Jäger und Sammler, als dass uns Downloads und Streaming auf Dauer befriedigen würden“, antwortet er auf die Frage nach dessen ungebrochenem Erfolg. Ob die CD, die derzeit vom Aussterben bedroht ist, einmal eine ähnliche Renaissance feiern wird? „Sie hat sicher nicht so großes Kult-Potenzial. Aber ich glaube schon, dass viele Menschen, die mit ihr groß geworden sind, sie irgendwann wieder kaufen werden, weil sie das Gefühl mögen.“

 Dass sich die Hörer von seinem Musikshop angezogen fühlen, dürfte ähnliche Gründe haben. Hier finden sie noch jene heile Scheibenwelt, die der klassische Plattenladen verkörperte. Mit seiner zugewandten Art und seinem enzyklopädischen Musikwissen bildet Andreas Nasner selbst das schlagende Herz seines Geschäfts. Wer ihn nach einem bestimmten Album fragt, bekommt die Antwort in der Regel sofort. Nur in Ausnahmefällen muss der 50-Jährige in seine Bestandskartei schauen, die er genauso sorgfältig pflegt wie seine Ware, von der er 99 Prozent im Laden anbietet. „Viele meiner Kollegen haben ihr Angebot irgendwann ins Internet verlagert. Aber ich möchte mit meinen Kunden direkt zu tun haben.“ Diese wissen es zu schätzen, dass er beim Ankauf an sie denkt und seine Platten vorhört, um ihren Zustand genau einschätzen zu können. Und wer einmal einen fairen Händler erleben will, sollte Andreas Nasner ein paar Platten zum Kauf anbieten. Kein Zweiter erklärt die von ihm gebotenen Preise so ausführlich, und wenn er für ein Album nur kleines Geld bieten kann, weil es im Netz gerade verschleudert wird, rät er dem Kunden im Zweifelsfall dazu, das gute Stück doch lieber zu behalten. In solchen Momenten scheint der ehemalige Banker wieder spürbar zu werden.

 „Ich bin nur so gut wie meine Kunden“, sagt Nasner, wenn man ihn nach seiner Geschäftsphilosophie fragt. Manche reisen eigens von weither an, um sich mal wieder richtig dem Stöbern hingeben zu können. Dass er für sie rund zwölf Stunden am Tag im Einsatz ist und im Sommer überdies noch den einen oder anderen Flohmarkt mitnimmt, versteht sich für ihn von selbst. „Natürlich hätte ich in meinem alten Beruf überschaubarere Arbeitszeiten und würde auch mehr Geld verdienen. Aber ich mache hier meinen absoluten Traumjob und freue mich eigentlich dauernd.“ Dieser Funke springt über. In der Bank würde man wohl von einer Win-win-Situation sprechen.

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