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Kiel Solider "Tatort" zum Jubiläum
Kiel Solider "Tatort" zum Jubiläum
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00:16 01.01.2014
Von Bastian Modrow
Sarah Brandt (Sibel Kekilli) und Kommissar Borowski (Axel Milberg) studieren Fernsehberichte. Quelle: NDR/Christine Schröder
Kiel

Die Kernhandlung ist schnell erzählt: Eine vom Leben abgeklärte, einsame Altenpflegerin will den Kater eines Verstorbenen loswerden, tritt das Tier an einer belebten Straße vor ein Auto. Die Fahrerin erschrickt, verreißt das Lenkrad, rast in einen Blumenladen und überfährt dabei einen hoffnungsvollen Nachwuchs-Pianisten, dessen Eltern Inhaber einer Bank sind, bei denen die Fahrerin des Unfallwagens dummerweise tief in der Kreide steht. Die Altenpflegerin eilt herbei, versucht melodramatisch noch das Unfallopfer wiederzubeleben. „Sie wollte mich töten“ zitiert sie die angeblich letzten Worte des jungen Mannes.

„Borowski und der Engel“ ist der Titel des neuesten Tatorts aus Kiel, der am Sonntag ab 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird – und der zugleich Jubiläumsepisode ist. Vor zehn Jahren ermittelte der kauzige Kripo-Beamte zum ersten Mal an der Kieler Förde.

 Die Idee der Verantwortlichen, den TV-Zuschauer nicht eineinhalb Stunden lang mit Borowski auf Mörderjagd zu schicken, stattdessen Stück für Stück miterleben zu lassen, wie das Ermittlerduo dem Todesengel auf die Schliche kommt, ist zwar nicht neu, aber gelungen. An der schauspielerischen Leistung eines Axel Milberg liegt es ebenfalls ganz sicher nicht, dass die Episode unterm Strich nur Mittelmaß bleibt. Er verkörpert die Figur des herrlich spröden, bisweilen ungelenken Hauptkommissar Borowski bis ins feinste Detail. Auch die Rolle der mordenden Altenpflegerin Sabrina Dobisch ist mit Lavinia Wilson grandios besetzt. Ihr gelingt es, dem Zuschauer einen tiefen Einblick in das verkorkste Seelenleben der Titelfigur zu geben, die zwischen nüchterner Realität und romantisch verklärter Traumwelt gefangen zu sein scheint. Phasenweise erinnert die Episode gar an eine mörderische Version des französischen Liebesfilms „Die fabelhafte Welt der Amelie“.

 Grandios sind auch in diesem Tatort wieder einmal die bisweilen philosophisch anmutenden Dialoge. Borowski referiert in seiner ersten Szene, während einer Vorlesung vor Nachwuchs-Polizisten, über das Böse und stellt fest, dass die eigentliche Strafe eines Mörders bereits mit der Tat beginne. „Es ist nicht Naturell des Menschen, Geheimnisse für sich zu behalten. Ein Mörder muss aber schweigen.“ All das klingt nach großem TV-Kino – und doch hapert es an entscheidenden Nuancen. Von der nach wie vor blassen Vorstellung einer Sibel Kekilli, die als Nachwuchs-Kommissarin Sarah Brandt wie ein Fremdkörper im hochkarätigen Schauspiel-Ensemble wirkt, einmal abgesehen, war es von Drehbuchautor Sascha Arango und Regisseur Andreas Kleinert spürbar zu überambitioniert, ein perfides Psychodrama mit humoristischen Einlagen wie im Münsteraner Tatort spicken zu wollen. Das wirkt verkrampft und ist schief gegangen.

 Allein schon die Szene, in der Borowski vor einem Imbiss sitzend telefoniert und ihm jemand eine Euro-Münze in den Kaffeebecher wirft, ist hochnotpeinlich und platt. Schade! Hier sollten die Verantwortlichen mutiger werden und sich klar für eine Richtung entscheiden. Ein Kieler Tatort darf gern auch nur düster sein.

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