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Kiel Jahr der Improvisationen in Kiel
Kiel Jahr der Improvisationen in Kiel
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20:42 30.12.2015
Von Jürgen Küppers
Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken musste in den vergangenen Wochen viele Antworten finden. Die große Frage war immer gleich: Wie schaffen wir das jetzt wieder mit den vielen Flüchtlingen? Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

So eine Frage bedrängte den Dezernenten zum Beispiel Mitte Oktober als er zu einer ungewöhnlichen wie teilweise umstrittenen Maßnahme griff: Er ließ das ehemalige C&A-Gebäude am Kieler Bootshafen sicherstellen, um dort Transit-Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Skandinavien ein Quartier für die Nacht bieten zu können. Weit mehr als 600 von ihnen waren an diesem Abend plötzlich gekommen, die Kapazitäten der eigentlich für diesen Zweck hergerichtete Markthalle mit maximal 400 Schlafplätzen reichte bei weitem nicht aus.

Aber damit fingen die Probleme erst an. Wer konnte das Lager im C&A-Gebäude so schnell herrichten? Woher sollten all die nötigen Schlafgelegenheiten kommen? Wie so oft in solchen Stress-Situationen konnte sich der Dezernent auf die vielen haupt- und ehreamtlichen Helfer verlassen – und auf seine Kontakte. Zum Beispiel aus seiner Zeit als langjähriger Vorsitzender des Jugenddorfes Falckenstein. Also klingelte Stöcken den Hausmeister dort aus dem Bett und organisierte rund 200 Matratzen des Jugenddorfes für das C&A-Gebäude.

Freiwillige Feuerwehr Russee als Vorbild

Es gab viele solcher Situationen, die allen Beteiligten ein hohes Maß an Improvisationstalent abforderten. Besonders im Gedächtnis blieb dem Dezernenten die Leistung der Freiwilligen Feuerwehr Russee, die in absoluter Rekordzeit von einer halben Stunde ein großes Zelt als provisorisches Flüchtlings-Nachtlager organisierte und vor der Markthalle errichtete: „Von so viel zupackender Hilfe ohne lange Diskussion könnten wir uns in der Verwaltung ein dicke Scheibe abschneiden.“

Aber solche „Sozialhilfe für eine Nacht“, wie der Dezernent solche quasi aus dem Boden gestampfte humanitäre Unterstützung der in Kiel gestrandeten Menschen mit Betten, Essen, Duschen oder medizinischer Versorgung nennt, findet nicht nur Beifall. Die Rathaus-Juristen mahnten Stöcken mehrfach, er bewege sich rein rechtlich betrachtet „auf ganz dünnem Eis“. Auch aus dem Innenministerium mahnten die Experten zur Ausschöpfung aller denkbaren Alternativen vor einer Beschlagnahmung des C&A-Gebäudes.

Für den studierten Sozialpädagogen gab es aber zu solchen „humanitären Aktionen ohne Rechtsgrundlage und ohne städtischen Haushaltstitel“, wie er es nennt, überhaupt keine Alternative: „In Berlin war man ja der Meinung, wir schaffen das.“ An Fährstädte mit Transitflüchtlingen habe da aber wohl keiner gedacht. „Schließlich sind wir verpflichtet, etwas gegen drohende Obdachlosigkeit zu unternehmen. Wir reagieren auf die Bedarfslage, so wie sie eben ist.“

Er pfeift auch mal Flüchtlinge zusammen

Zu solchen Reaktionen gehört manchmal aber auch eine unmissverständliche Ansage, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht. Zum Beispiel als etwa 60 Flüchtlinge im Spätherbst vor der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) am Nordmarksportfeld unter freiem Himmel campten. Offenbar wollten die Menschen unbedingt nur in dieser Einrichtung unterkommen, aus welchem Grund auch immer, Stöcken weiß es bis heute nicht genau.

Die EAE-Mitarbeiter erklärten sich jedenfalls für das Problem jenseits ihrer Einrichtung nicht zuständig, freundliche Aufforderungen des Dezernenten zur Räumung blieben fruchtlos – bis dem schließlich der Kragen platzte: „Hier nicht!“, habe er die Wild-Camper mit lauter Stimme des Platzes verwiesen, sie sogar auf Deutsch zur Reinigung des vermüllten Areals aufgefordert – was dann auch anstandslos und zum Erstaunen des Dezernenten geschah.

Emotional positiv, aber nicht immer störungsfrei

Aber es gab auch emotional positiv bewegende Momente mit Flüchtlingen in diesen ruhelosen Monaten. Zum Beispiel, wie eine Mutter auf den Pritschen in der Markthalle für ihre drei Kinder mit wenigen Habseligkeiten kleine behagliche Nester zusammenlegte, in die sich die Kleinen kuschelten. Dieses Bild der verzweifelten Rettung von einem Rest Privatsphäre und mütterlicher Fürsorge mitten im Fluchtchaos berührte Stöcken zutiefst.

So ganz emotional störungsfrei verliefen die hektischen Tage und Nächte selbst in den heimischen vier Wänden des Dezernenten offenbar nicht. Auf die Frage, was denn die Ehefrau zu dieser Daueranspannung bis in die Nächte hinein gesagt hat, verdreht der 52-Jährige die Augen: „Nichts hat sie gesagt. Und das ist für mich das Allerschlimmste.“

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